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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Alpen (Tierwelt. Bevölkerung)

und blumenreichen Triften, und endlich die der alpinen Gerölle mit lockerm, sich allmählich im ewigen Schnee verlierendem Pflanzenwuchs weniger sehr harter Stauden (in der Schweiz noch 340 Arten zerstreut über 2600 m hoch vorkommend!), Moose und Steinflechten. Die Flora der Hochalpenregion zeigt auffallende Übereinstimmung mit derjenigen der arktischen Zone, weniger in den äußersten Vorposten der Holzpflanzen. Eigentümlich verschieden ist auch die Reihenfolge, in der in den A. von unten nach oben, in der nordeurop. Zone von S. nach N. die gleichen Holzgewächse nacheinander verschwinden. In den A. bleibt zuerst die Eiche zurück, dann folgen Kiefer, Buche, Birke, Fichte und Erle; im N. dagegen verschwindet zuerst die Buche, dann die Eiche, Kiefer, Fichte und Birke. Die Rebe gedeiht in den nördlichen A. bis zu etwa 500, in den Centralalpen bis zu 600, am Südabhange bis zu 900 m ü. d. M. Die mittlere Getreidegrenze liegt bei 900, bez. 1300 und l550 m, jedoch steigt die Kultur an einzelnen Stellen bis zu 1200 und 1650, in den Südalpen sogar bis zu 1950 m empor. - Die Regionen erreichen selbstverständlich in den Hauptgruppen der A. und je nach der Lage der einzelnen Berge eine verschiedene Höhe, sind auch nicht so scharf umgrenzt, wie man glauben möchte, sondern zeigen vielfältige natürliche Übergänge. Im Tessin herrscht die eßbare Kastanie bis 900 m, die Buche bis über 1500, die Nadelhölzer bis 2200 und einzelne Bäume gehen im Strauchgürtel sogar bis 2100 m; im Allgäu fehlt die Kastanie, die Buche herrscht bis 1400 m, der Nadelwald von da bis 1750 m und die Arve (Zirbelkiefer) steigt vereinzelt bis 1870 m. In diesen Regionen sinkt die Vegetationszeit allmählich von acht auf fünf Monate, um sich in den beiden obersten auf vier oder zwei Monate zu verkürzen. Zwergweiden, die nicht mehr Gesträuche zu nennen sind, steigen im Allgäu noch über 2500 m hoch (Salix herbacea L.), und hier ist die Heimat der mannigfaltigen Primulaceen, Gentianen, niedern Kruciferen, Steinbrecharten, Ranunkeln, Glockenblumen und Nelkengewächse mit frostharten Gräsern, Riedgräsern und Binsen. (S. Alpenpflanzen.)

Tierwelt. Diese ist im ganzen weniger als die Pflanzenwelt an bestimmte Klimate und Höhenstufen gebunden und bietet deshalb in den A. wenig Eigentümliches, nur finden sich als Überreste aus der Eiszeit (s. d.) eine Anzahl nordischer Formen. Abgesehen von den großen gezüchteten Rinder-, Ziegen- und Schaf-, auch wohl Pferdeherden, ist sie nicht besonders zahlreich; die früher den A. einheimischen Tiere sind durch die wachsende Kultur teils ausgerottet, teils in die unwirtlichsten und unzugänglichsten Gegenden zurückgedrängt worden. Den obersten Zonen sind eigentümlich: der Steinbock, der fast nur in den Grajischen A. noch vorkommt, die Gemse, das Murmeltier, das unmittelbar unter der Schneegrenze haust, der Alpenhase und die Alpenschneemaus (Hypudaeus alpinus Wegl.) auf dem Finsteraarhorn nach von Tschudi bis 3700 m. Vorkommende Vögel sind: der Lämmergeier, der Steinadler, das Schneehuhn, der Schneefink, die Alpendohle und die Alpenkrähe, der Alpenfluhvogel. In den mittlern Stufen hausen das Auerhuhn, das Birkhuhn und das Steinhuhn, der Nußheher, der Alpensegler, der Mauerläufer, der Alpensalamander, die redische, die schwarze und die gemeine Viper. Wolf und Fuchs, Wildkatze und Luchs, Wiesel und Hermeline, sonst Thalbewohner, sind wie der Bär, der am häufigsten in den Südrhätischen und Ortleralpen vorkommt, durch die Kultur aus den untern Gegenden verdrängt worden und streifen und wohnen nun selbst noch oberhalb der Baumgrenze. Die Alpengewässer sind reich an Fischen, besonders an Forellen (See-, Bach- und Rotforellen), Saiblingen, Schmerlen, Hechten, Barschen und Äschen. Die meisten niedern Tierarten sind nicht bis zur Schneelinie verbreitet und die Zahl der Arten nimmt von unten nach oben rasch ab, es finden sich aber eine nicht unbedeutende Anzahl den A. ausschließlich eigentümliche Arten oder Ortsrassen. Als ständige, nicht verschlagene Bewohner werden über 2200 m folgende niedere Tiere beobachtet: 2 Schnecken, etwa ein Dutzend Schmetterlinge, von Käfern eine Anzahl Lauf-, Raub- und Flugkäfer, eine Chrysomeli; von Hautflügern die Felshummel, eine Blattwespe, die Bienenameise (Mutilla europaea L.), ferner eine Grille, einige Spinntiere, darunter mehrere Milben und bis 3240 m ein Weberknecht (Opilio glacialis Brem.), eine Höhe, bis zu der selbst der Gletscherfloh (s. d.) nicht steigt.

Bevölkerung. Die ältesten Spuren menschlicher Ansiedelungen in den A. sind die Pfahlbauten, deren Überreste überall in den Seen am Rande des Gebirges, besonders zahlreich im Genfer, Züricher und Bodensee, auch im Starnberger oder Würmsee und in vielen kleinern, zum Teil versumpften Auswaschungsseen der Hochebene vorkommen. Auch der Südrand der A. hat im Lago Maggiore spärliche Überreste von Pfahlbauten aufzuweisen. Wie die vorgefundenen Stein- und Bronzewaffen und Werkzeuge beweisen, sind die ältesten dieser Pfahlbauten vorrömisch, und das Volk, welches sie zum Schutz vor feindlichen Angriffen in die Seen hinausbaute, mag zu den Kelten oder Galliern gehört haben, die auch in röm. Zeit in verschiedene Stämme, wie Allobroger, Kaluriger, Nantuaten, Helvetier, Karner u. s. w., geteilt, die A. bewohnten. Ob die Rhätier, welche, von den Seen am Südfuße der A. nach N. bis zum Bodensee und zur bayr. Hochebene, das heutige Graubünden, Veltlin, Tirol und Vorarlberg nebst dem bayr. Hochlande bewohnten, ebenfalls keltischen oder, wie von Niebuhr und O. Müller angenommen wird, etrur. Stammes waren, ist noch unentschieden. Alle Völkerschaften der A. wurden nach und nach, die Helvetier z. B. 57 v. Chr., die Rhätier 15 v. Chr., von den Römern unterworfen und blieben, Sprache und Sitten der Eroberer annehmend, unter röm. Herrschaft bis zur Völkerwanderung, welche german. und slaw. Völker zur dauernden Ansiedelung in den A. führte. Burgundionen, Alamannen und Bajuvaren besetzten den nördl. Teil, der in Sprache und Sitte seither germanisch geblieben ist. Langobarden und Ostgoten drangen in die südl. Thäler, Slowenen oder Winden gegen das Ende des 6. Jahrh. in den Südosten der A. ein, in dem die slaw. Sprache die herrschende geblieben ist. Durch die Völkerwanderung weniger berührt, behielten die Westalpen ihre kelt.-röm. Bevölkerung; auch auf dem Südabhang gewann diese rasch wieder die Oberhand, und die Stämme der Ostgoten und Langobarden gingen teilweise in ihr auf.

Auf dem Gebiete der A. finden sich also alle drei großen Völkerfamilien des indo-german. Sprachstammes, die Germanen (Deutsch-Schweizer, Bayern, Tiroler, Österreicher u. s. w.) in der Mitte, im N. und O., Romanen (Franzosen, Italiener, Furlaner