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Brockhaus' Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Altona

dem 1875 zum Andenken der Thaten des 9. Armeekorps im Kriege 1870-71 errichteten Denkmal (nach dem Entwurf von Luthmer-Berlin, der krönende Adler von Howaldt-Braunschweig, die Kriegergruppe von H. Möller-Berlin modelliert) und die Marktstraße hervorragen; am verkehrsreichsten sind die Königs- und die Große Bergstraße. Öffentliche Plätze sind der Friedenseichen-, der Stuhlmannsplatz, der Heiligengeistkirchhof und der Stadtpark an der Flottbecker Chaussee. Ein Denkmal zur Erinnerung an die 1870-71 Gefallenen am Ostende der Marktstraße wurde 2. Sept. 1880 enthüllt (Siegesgöttin, einen sterbenden Krieger mit dem Lorbeerkranz krönend, von H. Möller). Ein einfaches Denkmal ist den im Seegefecht bei Helgoland 1864 gefallenen Österreichern errichtet.

Kirchen. A. besitzt fünf evang.-luth. Kirchen, die Hauptkirche, 1742-43 erbaut, die got. St. Johanniskirche, 1868-73, und die Friedenskirche 1894 von Otzen erbaut, die St. Petri- und die Christianskirche; eine reform., eine mennonitische und zwei kath. Kirchen, darunter die 1718 erbaute mit Ausgießung des Heiligen Geistes, angeblich von Murillo, eine Baptistenkapelle und eine Synagoge der deutsch-israel. Gemeinde.

Weltliche Bauten. Das Rathaus, das städtische Gräflich Reventlowsche Armenstift, das Gebäude der Provinzialsteuerdirektion, das neue Justizgebäude, das neue Stadttheater (von einer Aktiengesellschaft nach Plänen von Hansen und Merwein in Hamburg erbaut und 20. Sept. 1876 eröffnet), die wegen ihrer vortrefflichen Akustik berühmte Tonhalle, die vergrößerten Elbquai- und Fischmarktanlagen, die neuen Bahnhöfe, die Gebäude der Eisenbahndirektion, des Elektricitätswerkes, der Hauptfeuerwehr, Realschule, des Realgymnasiums, die bei Blankenese gelegenen Wasserwerte und das Armenhaus bei Ösdorf. - Vgl. Hamburg und seine Bauten, unter Berücksichtigung von A. und Wandsbeck. Herausgegeben vom Architekten- und Ingenieurverein zu Hamburg (Hamb. 1890).

Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Oberbürgermeister (Dr. Giese, seit 1891, 17 000 M.), Bürgermeister (Rosenhagen, seit 1883, 12 000 M.), 7 Senatoren (3 besoldet) und 35 Stadtverordneten. Die Feuerwehr besteht aus je 1 Branddirektor, Brandinspektor und Brandmeister sowie 85 Feuerwehrleuten mit 3 Dampfspritzen und 18 Pferden und hat 31 Feuermeldestellen. Die Beleuchtung und Wasserversorgung geschieht durch die städtischen Gas- und Wasserwerke; elektrische Beleuchtung ist 1893 eingeführt.

Finanzen. Der Haushaltplan 1895/96 schließt ab in Einnahme und Ausgabe mit 10 002 950 M., davon 1 844 900 Extraordinarium. Die Schulden betrugen (Ende 1893/94) 18 379 301, das Vermögen 19 022 285 (Kapitalien 3 834 676, Immobilien 13 771 509, Mobilien 1 406 099 M.), die Einnahme aus Kommunalsteuern ist für 1895/96 veranschlagt auf 3 526 000 M. Für Unterrichtszwecke werden 1 248 022, für Armenpflege 537 000 M. aufgewendet.

Behörden. A. ist Sitz der Provinzialsteuerdirektion, eines Landgerichts (Oberlandesgericht Kiel) mit einer Kammer für Handelssachen und 26 Amtsgerichten (Ahrensburg, A., Bargteheide, Blankenese, Eddelak, Elmshorn, Glückstadt, Itzehoe, Kellinghusen, Krempe, Lauenburg a. d. Elbe, Marne, Meldorf, Mölln, Oldesloe, Pinneberg, Rantzau, Ratzeburg, Reinbek, Reinfeld, Schwarzenbek, Steinhorst, Trittau, Ütersen, Wandsbeck, Wilster), eines Amtsgerichts, Hauptzollamtes, Zollamtes, Steueramtes erster Klasse, königl. Kommerzkollegiums, einer evang.-luth. Propstei und königl. preuß. Eisenbahndirektion, des Generalkommandos des 9. Armeekorps, der Kommandantur für die Altonaer und Hamburger Truppen sowie der Kommandos der 33. Infanterie-, 18. Kavallerie- und 9. Feldartilleriebrigade sowie zweier Bezirkskommandos.

Bildungs- und Vereinswesen. Königl. Gymnasium Christianeum, 1738 gegründet, städtisches Realgymnasium und Realschule, Realschule im Stadtteil Ottensen, städtische und private höhere Mädchenschule, je zwei Knaben- und Mädchen-Mittelschulen und 23 Volksschulen, eine Navigations-, eine Hufbeschlag-, eine Sonntagsschule (technische Vor- und Fortbildungsanstalt für angehende Künstler und Handwerker). Ferner bestehen ein öffentliches kultur- und naturhistor. Museum mit wertvoller Bibliothek (die 1823 durch Schumacher begründete Sternwarte ist im Juli 1874 nach Kiel verlegt): eine Kunst- und Gewerbehalle, Volksbibliothek, Stadttheater, seit 1885 unter Direktion des Pächters Pollini-Hamburg, mit 1080 Zuschauerplätzen und einer Spielzeit von September bis Mai, Tivolitheater mit 1350 Zuschauerplätzen (Schau- und Lustspiel, Posse und Oper) und Volkstheater, ein ärztlicher Verein, zwei Freimaurerlogen (Karl zum Felsen und Stormaria).

Wohlthätigkeitsanstalten. Ein städtisches und ein israel. Krankenhaus, Entbindungsanstalt, Armenhaus, Siechenhaus, Irrenpflegeanstalt, Gräflich Reventlowsches Armenstift, Diakonissenanstalt mit zwei Filialen (Krippe und Augustastift), Baursches Rettungshaus für verwahrloste Knaben, drei Baursche Warteschulen, Helenenstift (Pflegerinnenhaus des Vaterländischen Frauenvereins), zwei Kinderhospitäler, Volksküchen, Lejastift und zahlreiche Stiftungen mit teilweise großem Vermögen.

Industrie. Es bestehen Fabriken für Tabak und Cigarren, Maschinen, Eisen-, Blech- und Zinnwaren, Wollgarne, Glas, Spiritus, Margarine, Holz- und Goldleisten, Chemikalien, Kaffeesurrogate, Seife, Öl- und Wagenfett, Petroleumöfen, Wagen, Schokolade, Papier und Tüten, Strohhüte, Schuhwaren, Guttapercha, Farbholzextrakt, Leder und Möbel; Korndampfmühlen, Brauereien, Eisengießereien, Holz- und Fournier-, Marmorsägereien, Buch- und Steindruckereien. A. ist Sitz der 14. Sektion der Fuhrwerks-Berufsgenossenschaft und der 6. Sektion der Schornsteinfegermeister-Berufsgenossenschaft.

Handel. A., früher die bedeutendste Handelsstadt Schleswig-Holsteins, verdankte sein Aufblühen den von den dän. Königen verliehenen umfangreichen Zollprivilegien, nach deren Aufhebung 1853 Handel und Verkehr erheblich zurückgingen. Jetzt hängt es kommerziell ganz von Hamburg ab, dessen Handelseinrichtungen, z. B. die Börse, auch von den Altonaer Kaufleuten benutzt werden, während in den vortrefflichen Elbspeichern große Warenvorräte Hamburger Großhändler lagern. Durch die Verbindung mit Hamburg und Wandsbeck zu einem außerhalb des Zollvereins liegenden Freihandelsgebiet ist A. mit diesen Städten zu einem den gleichen Lebensbedingungen unterworfenen wirtschaftlichen Verband verwachsen. Durch den Anschluß an den Deutschen Zollverein (15. Okt. 1888) ist ein vollständiger Umbau