Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

524

Amerikanische Kunst

widerstehen. Zunächst war es der engl. Klassicismus, der in Amerika Boden faßte. Sein Hauptwerk ist das großartige Kapitol zu Washington (1793 begonnen; s. Tafel: Amerikanische Kunst I, Fig. 7), mit seinen mächtigen korinth. Säulenhallen und der bis zu 90 m aufsteigenden Kuppel, ferner das Patent-Office zu Washington, das Custom-House zu Boston und zu Neuyork, die Münze zu Philadelphia und andere meist profane Bauwerke. Früh trat mit diesem Stil die ebenfalls von England beeinflußte Romantische Baukunst in Wettbewerb, welche namentlich im Kirchenbau eine Reihe großer und künstlerisch bedeutender Werke ins Leben rief. Das anwachsende Bedürfnis in neu emporblühenden Großstädten gab dem künstlerischen Schaffen immer neue Aufgaben. Die 1858 begonnene St. Patricks-Kathedrale zu Neuyork zeigt im Stil der Hochgotik einen mächtigen, aber in den Formen etwas magern Bau. Die Trinity-Church, Thomas-Church und andere Neuyorker Bauten des engl. Architekten Upjohn gehören derselben Kunstweise an. Die räumlich minder bedeutende, aber künstlerisch höher stehende All-Saints Cathedral in Albany (s. Taf. 1, Fig. 1) zeigt dagegen schon das Zurückgreifen auf die Frühgotik und die roman. Stilarten, welche in der Folge der amerik. Baukunst eigen blieb. Durchgebildete roman. Kunstweise zeigen die Holy Communion-Church in Philadelphia, die merkwürdige Centralanlage der Trinity-Church zu Boston und die New Old South-Church daselbst mit ihrem an ital. Vorbilder mahnenden Turm. Im Profanbau haben die romantischen Stilweisen eine besondere Pflege gefunden. Das Parlamentshaus zu Ottawa (Canada), das State-Capitol zu Hartford (Connecticut), die Bibliotheken zu Burlington (Vermont) und Woburn (Massachusetts), das Alleghany-County Court-House zu Pittsburgh, das Art-Museum zu Cincinnati, die dem Palazzo ducale zu Venedig nachgebildete Nationalakademie und das got. Naturhistorische Museum zu Neuyork, sowie zahlreiche andere Bauten zeugen vom Reichtum und vom Kunstsinn des Landes. Minder glücklich erscheint Amerika in der Verwendung der Renaissance. Zwischen einer massigen und einer in den Einzelheiten zu schüchternen Formgebung schwankend, haben die Architekten nur selten das rechte Maß zu finden gewußt. Monumentale Anlagen, wie das State-Capitol zu Albany (Neuyork), erscheinen oft in der Gruppierung fast mittelalterlich schwer, andere, wie die New City-Hall zu Philadelphia, welche die in Amerika sehr beliebten Formen des Louvre aufnimmt, gehäuft und überladen; der riesige Turm dieses Bauwerkes ist der höchste der Welt. Die Stadthallen, Bibliotheken, Bahnhöfe, Museen, Theater u. s. w., räumlich vielfach die größten der Welt, zeigen ebenso wie die Schlösser, Villen und Stadthäuser alle Stile Europas in oft rücksichtsloser Mischung, die zwar europ. Empfinden widerspricht, oft aber von einer wahrhaft fruchtbaren Unbefangenheit zeugt; in ihnen kommen der Wohlstand und die freien gesellschaftlichen Formen des Landes in anmutigster Weise künstlerisch zum Ausdruck. Das Berkshire Apartmenthouse zu Neuyork mit seinen 9 Stockwerken und ein Landhaus zu Neuport, Rhode-Island (s. Taf. I, Fig. 3 u. 4), mögen als charakteristische Beispiele des Profanbaues aufgeführt werden. In den kleinern Werken wie in denen des Kunstgewerbes zeigt sich eine künstlerische Selbständigkeit und Feinheit der Empfindung, welche hoffen läßt, daß es Amerika gelingen werde, sich einst stilistisch, Europa gegenüber, selbständig zu machen.

Die Bildnerei Amerikas, von der sich die ersten Spuren seit 1800 nachweisen lassen, begann eine höhere künstlerische Durchbildung erst in der Mitte des Jahrhunderts zu erlangen. Die beiden Meister H. Powers und H. Greenough, welche im Lande selbst die Anregung zu ihrer Kunst fanden, gingen früh nach Rom, wo sie sich, gleich den zeitgenössischen engl. Bildhauern, eng an Canova und Thorwaldsen anschlossen. Mehr Eigenart wahrten sich Thomas Crawford (1814-57) und Erasmus Dow Palmer (geb. zu Pompey, Neuyork, 1817), welchen dafür ein gewisser Mangel an Schule anhaftete. Die jüngere Richtung, der sich auch Powers zugesellte, nahm die dem Renaissancegeschmack zuneigende Richtung der Italiener und Franzosen auf und steigerte sie bis zu einem scharf ausgeprägten Realismus. J. Ward, J. Boyle, John Donoghue (s. Taf. I, Fig. 6), St. Gaudens (s. Taf. I, Fig. 2) entwickelten in dieser Richtung eine Kunstweise, die trotz einzelner nationaler Züge, namentlich eines scharfen Erfassens individueller Eigentümlichkeiten im Porträt, doch die europ. Herkunft nicht verleugnet. Ebensowenig ist dies bei den unter deutschem Einfluß gebildeten Künstlern, W. H. Rinehart, M. I. Ezekiel, E. Keyser u. a. der Fall, während W. W. Story (s. Taf. 1, Fig. 5), J. R. Rogers und L. Bebisso sich dem ital. Geschmacke nahe hielten. Im allgemeinen hat sich namentlich seit dem Bürgerkriege eine großartige Thätigkeit in Amerika entfaltet. Der Hoffnung aber, daß ein selbständiger Stil im Schaffen zu stande kommen werde, steht die Vorliebe der Amerikaner selbst für die Werke der Alten Welt gegenüber der einheimischen Kunst bisher hinderlich entgegen.

Reicher gestaltet sich die Geschichte der amerik. Malerei; anfangs von England beeinflußt, konnte sie schon zu Ende des 18. Jahrh. zwei hervorragende Kräfte, B. West (s. Taf. 11, Fig. 1) und John Singleton Copley, an das Mutterland abgeben, während ihr in J. Trumbull ein selbständiger, im großen schaffender Künstler erhalten blieb, dem sich neben geringern Kräften G. C. Stuart als trefflicher Bildnismaler anschloß. Doch blieb auch auf diesem Gebiet Amerika im wesentlichen der entlehnende Teil. Während es in der ersten Hälfte des 19. Jahrh. England war, dessen Anregungen die Vereinigten Staaten beherrschten, trat seit 1841 durch den Einfluß E. Leutzes (s. Taf. II, Fig. 2) ein Umschwung zu Gunsten der Düsseldorfer Schule ein. A. Bierstadt vertritt diese noch in der Landschaftsmalerei. Im Laufe der sechziger und siebziger Jahre fand dann die moderne Pariser Richtung allgemeinern Anklang. Obgleich am 1. Juni 1877 die Society of American Artists gegründet, ferner Akademien nach europ. Muster (namentlich in Philadelphia) eingerichtet wurden, blieb es doch die Regel, daß die amerik. Maler ihre Studien in Europa machten. Doch entfaltete sich die Tiermalerei durch Beard, Peter Moran und Poore, die Landschaftsmalerei durch Thomas und Peter Moran (s. Taf. II, Fig. 3), die Figurenmalerei durch J. G. Brown zu ansehnlicher Höhe; als Porträt-und Genremaler ist W. Chase (s. Taf. II, Fig. 5) hervorzuheben. Die neuesten amerik. Schöpfungen von F. A. Bridgman (s. Taf. II, Fig. 4), H. Mosler, Ch. Sprague Pearce, E. Lord Weeks u. a. unterscheiden sich wenig von denen der modernsten Pariser Kunst. Auch ließ man der Aquarellmalerei eine umfassende Pflege zu teil werden. Es fehlt aber auch