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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Antwerpen

schroff und die Witterung unbeständig, durchschnittlich 177 Regentage und 42 Tage mit unbewölktem Himmel. A. liegt in einer weiten, fruchtbaren Ebene (zum Teil Polderboden), die nach Holland zu in die sandige, stellenweise sumpfige Campine übergeht, hierzu Plan: Antwerpen und Umgegend.)

Größe, Bevölkerung. Die Wälle der Festungswerke umschließen ein Gebiet von 14¼ km, und zwar außer der Stadt A. den größten Teil der Bürgermeistereien Borgerhout (28 882 E.), Berchem (15 503 E.) und Austruweel, deren Gebiet sich außerhalb der Festungswerke fortsetzt und an die Ortschaften Merxem, Deurne und Kiel anschließt. Jenseit der Schelde liegt auf der Tête de Flandre das Örtchen St. Annen.

Die Stadt hatte 1. Jan. 1891 28 937 Häuser und 238 788 E. (120 141 männl., 118 647 weibl.), mit den Vorstädten innerhalb der Festungswerke 300 000 E. 1830 hatte sie nur 73 506 Bewohner, die Gesamtzunahme betrug demnach jährlich 2 Proz., 1880-90 3 Proz. Der Zuzug betrug (1890) 13 464 (darunter 1012 Deutsche), der Abzug 10 874 (670 nach Deutschland); Zahl der Geburten (1890) 8092, 5018 Todesfälle (0,173 pro Mille der Bevölkerung), 331 totgeborene Kinder, 1764 Ehen.

Äußere Anlage. Die Häuser der ältesten Stadt lagen um die befestigte Burg. Bei dem zunehmenden Wachstum der Stadt wurden die Befestigungswerke wiederholt umgestaltet und erweitert, namentlich 1540-43 unter Karl V. durch den Baumeister Franz. 1567-71 baute Alba die Citadelle (1874 geschleift). Seit 8. Sept. 1859 ist A. zu einer großen Lagerfestung als "Operationsbasis und Zufluchtsstätte" der belg. Armee unter Benutzung ausgedehnten Überschwemmungsgebietes durch den jetzigen General Brialmont (s. d.) ausgebaut worden. Nachdem 1866 vor dem nicht überschwemmbaren Teil der vieleckigen Umwallung, die sich mit zwei Citadellen an die Schelde lehnte, acht auf 2,5 bis 4 km vorgeschobene, ein verschanztes Lager bildende Forts fertig gestellt waren, stellte sich mehr und mehr die Notwendigkeit heraus, den Fortsgürtel weiter auszudehnen. Augenblicklich (1890) bestehen die Befestigungen von A. aus folgenden Teilen: 1) Stadtbefestigung: die Umwallung mit ehemaliger Nordcitadelle, 12 Angriffsfronten, Fort de Deurne, die Lünetten Deurne und Hoboken, Tête de Flandre, die Forts Burght und Isabelle. 2) Die Fortslinie: Forts 1-8, Forts Merxem, Cruibeke, Zwyndrecht, Verteidigungsdeich mit Lünette Melsele, Fort Schooten. 3) Die Befestigungen an der untern Schelde: Forts St. Marie, St. Philippe, La Perle, Lillo, Liefkenshoek; außerdem geplant oder im Bau Redouten Oorderen und Berendrecht. 4) Die vorgeschobene Linie zur Sicherung der Nethe-Übergänge und des Uferwechsels an der Rupelmündung: Forts Lierre und Waelhem, Redoute Dussel und Fort Rupelmonde. Fünf der 12 Angriffsfronten der Enceinte können durch Überschwemmung des Vorgeländes sturmfrei gemacht werden, zur Deckung der übrigen sieben Fronten baut man gegenwärtig in einer Entfernung bis zu 26 km noch 18 größere und kleinere Forts rechts von der Schelde, drei starke Forts zur Deckung der Rüpel und der beiden Nethen, vier andere und einen verteidigungsfähigen Damm zur Deckung des linken Scheldeufers und zwei kleinere Forts stromabwärts; zugleich erhalten zwei Forts unterseeische Batterien und andere Panzertürme. Mit den sechs Forts, die von den ältesten Festungswerken herrühren und zu Kasernen und Niederlagen eingerichtet sind, hat A. demnach 53 größere und kleinere Forts. Seine Friedensbesatzung besteht aus 5 Regimentern Infanterie, 3 Regimentern Artillerie, je 1 Regiment Genietruppen und Train und einigen kleinern Truppenteilen, zusammen ungefähr 22 000 Mann, die Kriegsbesatzung erfordert mit der Garde civique 250 000 Mann.

Durch Niederlegung der alten Festungswerke sowie durch den Umbau des Scheldequais (vollendet 1885) hat sich das Aussehen der Stadt wesentlich geändert. An Stelle der alten Glacis ziehen sich 3¾ km weit 35 m breite, mit vier Baumreihen bepflanzte Boulevards um die innere Stadt, weitere 4½ km meist in gleicher Weise bepflanzte Boulevards und Avenuen führen von hier in die neuen Stadtteile hinein, gerade breite Straßen sind durch die engen alten Stadtteile gebrochen, von denen bereits ein großer Teil der Anlage der 100 m breiten Quais zum Opfer fiel. Zwei öffentliche Parks, die gleich dein zoolog. und botan. Garten inmitten der Stadt liegen, sowie die Gartenanlagen auf mehrern Plätzen und die Eisenbahn entlang, tragen in gleicher Weise zur Verschönerung der Stadt bei.

Gebäude, Denkmäler. A. hat verhältnismäßig viele (18) Denkmäler, darunter die von den Malern Massys, Rubens (s. Tafel: Niederländische Kunst IV, Fig. 2), van Dyck, Teniers, Jordaens, Leys, den Dichtern Conscience und van Rijswijck, dem Dichter der Brabançonne", von Leopold I., General Carnot, dem alten Nervierhäuptling Boduognatus u. a. Unter den Kirchen sind zu nennen: die siebenschiffige Kathedrale mit got. Turm (123 m) aus dem 13. bis 15. Jahrh. (s. Taf. I, Fig. 1). Das Schiff ist 117 m lang, 52 m breit, im Querschiff 65 m, die Gewölbe ruhen auf 125 Pfeilern. Die Gemälde von Rubens, Murillo, De Vos und die geschnitzten Chorstühle sind im Innern besonders bemerkenswert. Die spätgot. Jakobskirche (St. Jacques), 1491 begonnen, aber erst im 17. Jahrh. im Rokokostil vollendet, mit der Grabkapelle der Familie Rubens, St. André (1514) mit kunstreich geschnitzter Kanzel, St. Paul im spätgot. Stil, 1540-71 erbaut, die neue roman. Josephskirche, die kleine Kapuzinerkirche (St. Antoine de Padoue), 1589 erbaut, mit Bildern von van Dyck und Rubens, die ehemalige Jesuitenkirche (s. Taf. II, Fig. 2), 1614-21 von dem Jesuiten Aguillon nach Plänen von Rubens erbaut, 1718 durch Blitz eingeäschert und später einfacher aufgebaut, mit schönem Glockenturm im Renaissancestil u. a. Die Engländer besitzen zwei, die Norweger eine eigene Kirche, von den zwei deutschen prot. Gemeinden beginnt die eine den Bau einer Kirche, die andere teilt die ihre mit den Holländern. Unter den zahlreichen Klöstern der Stadt beschäftigen sich viele mit dem Unterricht, andere mit der Krankenpflege, auch findet sich hier noch ein Beguinenhof mit nahezu 200 Insassen. Eins der ältesten weltlichen Bauwerke ist der Steen, das alte Schloß an der Schelde, 1520 an der Stelle einer ältern Burg erbaut, später Sitz der Inquisition, in neuester Zeit umgebaut und zu einem Museum von Altertümern eingerichtet. Das Rathaus, 1561-65 von Corn. de Vriendt im Renaissancestil erbaut (s. Tafel: Rathäuser I, Fig. 4), wurde nach der Zerstörung durch die Spanier 1581 wiederhergestellt, im 19. Jahrh. mit Gemälden von Leys geschmückt. Das Hansahaus (Oostersche Haus), 1564-84 von