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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Apokalyptiker - Apokryphen

tung angeblich alter Prophezeiungen, deren wirkliche Abfassungszeit meist durch den Umstand sich verrät, daß der Verfasser, wo er über seine eigene Gegenwart hinausgehend prophezeit, was auch für ihn noch in der Zukunft liegt, keine geschichtlichen Fakta mehr dringt, sondern Gebilde seiner Phantasie. Da aber jeder Apokalyptiker das Interesse hat, seine wirkliche Lebenszeit zu verhüllen, so läßt er seinen Helden auch über die nächstvergangenen Ereignisse und die Gegenwart in besonders dunkeln Rätselbildern sich aussprechen. Dieser Umstand erschwert die geschichtliche Ausdeutung ungemein und macht die oft weit auseinandergehenden Deutungsversuche neuerer Gelehrten erklärlich. Die älteste dieser Apokalypsen, zugleich das Vorbild aller spätern, ist das Buch Daniel (s. d.). Unter den spätern sind die bekanntesten das Buch Henoch (s. d.) und die Apokalypse des Esra (s. d.); in neuerer Zeit sind noch mehrere andere, wie das Buch der Jubiläen (s. d.), die Himmelfahrt des Moses und die Apokalypse des Baruch (s. d.) wieder aufgefunden worden, (S. auch Sibylle.) Die älteste christl. Kirche hat diese Apokalypsen stark benutzt, teilweise vielleicht auch durch neuere Zusätze und Einschiebsel für ihre Zwecke brauchbarer gemacht und namentlich in judenchristl. Kreisen eifrig nachgebildet. Außer der Apokalypse (s. d.) des Johannes sind noch viele apokalyptische Schriften bekannt, zum Teil erhalten, wie die Testamente der 12 Patriarchen, die Auffahrt des Jesaias, der Hirt des Hermas (s. d.). - Vgl. Hilgenfeld, Die jüdische A. (Jena 1857).

Apokalyptiker (grch.), diejenigen, welche in der Offenbarung des Johannes (s. Apokalypse) die prophetische Enthüllung der zukünftigen Vollendung des Gottesreichs finden. In der christl. Urzeit fand namentlich die judenchristl. Partei darin ihre Hoffnungen auf die irdisch sichtbare Wiederkunft Christi zur Begründung eines Tausendjährigen Reichs (Offenb. 20, s. Chiliasmus). Als um die Mitte des 2. Jahrh. die Montanisten (s. d.) die unmittelbare Nähe des Weltendes verkündigten, lebten die apokalyptischen Meinungen aufs neue auf. Auch Justinus der Märtyrer (gest. um 160) teilte diesen Glauben, für den später nicht allein der schließlich zum Montanismus übergetretene Tertullian (gest. 220), sondern auch die angesehensten Theologen der kleinasiat.-röm. Schule, wie Irenäus (gest. 202) und Hippolyt (gest. um 235), trotz ihrer Verwerfung der montanistischen Prophetic, eintraten. Dagegen trat die Alexandrinische Schule dieser sinnlichen Auffassung entgegen (s. Antichrist), seit dem 4. Jahrh. blieb die geistige Deutung der Offenbarung vorherrschend. Trotzdem tauchte die Neigung zu apokalyptischen Schwärmereien von neuem auf, und auf Grund einer durch Augustin aufgebrachten Deutung der tausendjährigen Herrschaft Christi (Offenb. 20) sah man mit großer Furcht dem J. 1000 n. Chr. entgegen. Apokalyptische Anschauungen finden sich auch bei andern religiösen Gemeinschaften (s. Swedenborg, Irvingianer und Darbysten).

Apokalyptisch (grch.), nach Art der Apokalypse, dunkel, geheimnisvoll, rätselhaft.

Apokalyptische Reiter, symbolische Gestalten aus der Apokalypse (6, 1-8), Pest, Krieg, Hungersnot und Tod bedeutend (Karton von Peter von Cornelius, s. d.).

Apokalyptische Zahl, s. Apokalypse.

Apokatastase (grch.), Wiederbringung aller Dinge, d. h. Wiederherstellung in den vorigen (ursprünglichen) Zustand (vgs. Apostelg. 3, 21), be-

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zeichnet ursprünglich die Zeit, in welcher mit der Erscheinung des Messias die prophetischen Weissagungen vom Gottesreich auf Erden erfüllt werden sollen. Im dogmatischen Sinne heißt A. die dereinstige Bekehrung aller Menschen zum Glauben an Christus und ihr Eingehen in die ewige Seligkeit. Diese Vorstellung, schon dem Apostel Paulus nicht fremd (1 Kor. 15, 22; Röm. 5, 13; 11, 32), ist namentlich von Origenes (s. d.) zu der Annahme einer endlichen Bekehrung und Beseligung Aller, den Teufel nicht ausgeschlossen, ausgebildet worden. Die kirchliche Orthodoxie verwarf diese Anschauung seit dem 6. Jahrh. als "Origenistische" Ketzerei und hielt fest an der Ewigkeit der Höllenstrafen; doch ist sie in älterer und neuerer Zeit, so bei Scotus Erigena im 9. Jahrh., und auch im 19. Jahrh. bei manchen Theologen wieder aufgetaucht.

Apokope (grch., "Abschneidung"), in der Grammatik das Wegfallen eines oder mehrerer Laute am Wortende, z. B. "dem Haus" für "dem Hause".

Apokrisiarios, die griech. Schreibung für Apocrisiarius (s. d.).

Apokryphen (grch.), im ältesten Sprachgebrauche die Schriften der Häretiker im Gegensatze zu denen der Katholiken; seit Hieronymus diejenigen Bücher des griech. Alten Testaments und der aus diesem geflossenen Übersetzungen, die nicht in der hebr. Bibel (dem palästinischen Kanon) stehen. Vor Hieronymus nannte man diese kirchliche Vorlesebücher (Jesus Sirach heißt deshalb in der lat. Kirche geradezu Ecclesiasticus). Zu den A. des Alten Testaments gehören: die drei Bücher der Makkabäer (von denen Luther nur die zwei ersten übersetzt hat), das Buch Judith, das Buch Tobias, das Buch Jesus Sirach (mit der von Luther gleichfalls nicht übersetzten Vorrede), das Buch der Weisheit Salomos, das Buch Baruch, der Brief des Jeremias (bei Luther das 6. Kapitel des Buches Baruch), das sog. dritte Buch Esra (auch Esra I, von Luther nicht übersetzt, eine Erweiterung einer griech. Übersetzung des kanonischen Esrabuches), einige spätere Zusätze zu den Büchern Daniel und Esther. Alle diese Schriften fanden in den hebr. Kanon der palästinensischen Juden keine Aufnahme, teils weil sie von vornherein sich hierzu wegen ihrer Abfassung in grieck. Sprache nicht eigneten, teils weil ihr junger Ursprung bekannt war. So ist das ursprünglich hebr. Spruchbuch des Jesus Sirach nicht aufgenommen, weil es unter dem Namen seines Verfassers umlief, wohl aber die jüngere Danielapokalypse, weil sie sich auf einen berühmten Namen zurückführt.

Da die christl. Kirche das Alte Testament in der Form der griech.-alexandrinischen Bibel übernommen hat, so benutzten die ältesten kirchlichen Schriftsteller diese A. ebenso wie die kanonischen Bücher des Alten Testaments als heilige Schriften (s. Bibel). Unsicherheit entstand über ihre dogmatische Bedeutung erst, als man sich dessen bewußt wurde, daß sie im palästinisch-hebr. Kanon fehlen. In der griech.-morgenländischen Kirche werden sie schon im 3. Jahrh. als zum Lesen nützliche kirchliche Vorlesebücher bezeichnet. Ähnlich urteilten im Abendlande noch Rufin und Hieronymus (Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrh.), wogegen sich die afrik. Kirche anf einer Synode zu Hippo 393 für die Aufnahme der A. in den alttestamentlichen Kanon entschied. Diese Entscheidung fand allmählich auch im übrigen Abendlande Nachahmung, doch schwankt das Urteil das ganze Mittelalter hindurch,