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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Arbeiterfahrkarten; Arbeiterfrage; Arbeiterkammern; Arbeiterklasse; Arbeiterkolonien

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Arbeiterfahrkarten - Arbeiterkolonien

dieser Handwerker-, Arbeiter- u. s. w. Vereine entstanden zu Anfang der vierziger Jahre, die kath. Gesellenvereine (s. d.) namentlich seit 1848 durch die Bemühungen des Domvikars Kolping in Köln. Ähnliche Vereine mit ultramontanem Charakter sind auch in Frankreich seit 1872 in großer Zahl unter dem Namen "cercles d'ouvriers" gegründet worden. Über weitere Bestrebungen s. Bildungsvereine. - Vgl. Hummel, Was läßt sich zur Pflege einer gediegenen Bildung in den Arbeiterkreisen thun? (Heilbr. 1893).

Arbeiterfahrkarten, s. Eisenbahntarife.

Arbeiterfrage, s. Sociale Frage.

Arbeiterkammern. Die Bestrebungen, den arbeitenden Klassen in ähnlicher Weise wie dies für die Handel- und Gewerbetreibenden (s. Handels- und Gewerbekammern) geschehen ist, eine staatlich anerkannte Vertretung zu schaffen, sind in neuerer Zeit vielfach hervorgetreten, haben indes noch in keinem Lande ihre Verwirklichung gefunden. Der Streit der Meinungen dreht sich vornehmlich um die Frage der Zusammensetzung der A., während man über die ihnen zu überweisenden Aufgaben, der Regierung beratend und begutachtend bei dem Ausbau der socialpolit. Gesetzgebung zur Seite zu stehen, ziemlich einig ist. Ein gesetzliches Eingreifen in die Funktionen der Einigungsämter (s. d.) und Arbeiterausschüsse (s. d.) dürfte sich kaum empfehlen. Im Deutschen Reichstag ist die Frage der Errichtung von A. wiederholt erörtert worden. 1881 beantragte gelegentlich der Verhandlungen über die Einführung von Gewerbekammern die Fortschrittspartei, sie zu gleichen Teilen aus Unternehmern und Arbeitern zusammenzusetzen. In den Verhandlungen von 1881 über den gleichen Gegenstand hatte die socialdemokratische Partei den Antrag gestellt, neben den Gewerbekammern besondere A. zu errichten; mit noch größerm Nachdruck erschien derselbe Vorschlag in dem Antrag vom 19. Nov. 1885, der dazu bestimmt war, den Tit. IX der Reichsgewerbeordnung zu ersetzen, und die Feststellung der Ortsstatuten ausschließlich in die Hand der A. zu legen. Für jeden Bezirk des Reichs von nicht unter 200 000 und nicht über 400 000 E. sollten A. errichtet werden "für die Vertretung der Interessen der Unternehmer und ihrer Arbeiter und Hilfspersonen", mit 24-36 Mitgliedern und sehr weitreichenden und vielgestaltigen Funktionen. Der Reichstag lehnte alle diese Vorschläge ab. - In Österreich wurde 1886 von der liberalen Partei im Abgeordnetenhause ein Antrag auf Errichtung von A. eingebracht, zu dem indessen zahlreiche Arbeiterversammlungen in verschiedenen Teilen des Reichs eine ablehnende Haltung einnahmen, weil ihnen das Gebotene nicht als ausreichend erschien. Eine im Febr. 1889 veranstaltete Untersuchung, zu der auch Arbeiter zugezogen wurden, brachte keine Klarheit hinsichtlich der zu erstrebenden Ziele. - Vgl. V. Adler, Die A. und die Arbeiter (Wien 1886); Grätzer, Die Organisation der Berufsinteressen (Berl. 1890); F. Leo, Die sociale Frage und die A. (in den "Deutschen Worten", 9. Jahrg., Wien 1889); von Vogelsang, Über A. (in der "Monatsschrift für christl. Socialreform", 11. Jahrg., Wien 1889).

Arbeiterklasse, s. Arbeiter.

Arbeiterkolonien, auch Ackerbaukolonien. Als Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre des 19. Jahrh. die Wanderbettelei in Deutschland einen so bedrohlichen Umfang angenommen hatte, daß sie als wirkliche Landplage empfunden wurde, begann man nach wirksamen Mitteln zu suchen, um sich vor den Gefahren der gewerbsmäßigen Landstreicherei zu schützen, zugleich aber auch den hilfsbedürftigen, wegen Arbeitslosigkeit auf die Landstraße gewiesenen Wanderern in zweckmäßiger Weise Unterstützung zu gewähren und sie so vor dem Versinken in Arbeitsscheu zu bewahren. Zwar hatten schon früher die evang. Herbergen (s. d.) zur Heimat und die Kolpingschen kath. Gesellenvereine (s. d.) nach dieser Richtung eine segensreiche Thätigkeit entwickelt; auch die Vereine gegen Hausbettelei (s. d.) hatten dadurch, daß sie armen Reisenden an bestimmten Gabestellen ein kleines Geldgeschenk oder Anweisungen auf Beköstigung und Nachtlager überwiesen, dem von Thür zu Thür wandernden Bettel in etwas Einhalt geboten, namentlich da, wo die Vereinszwecke, wie seit 1880 im Königreich Sachsen, gleichsam zur Kommunalsache seitens größerer Bezirke gemacht worden waren. Allein die Erfolge aller dieser Bestrebungen waren im ganzen dürftig und mußten es sein, weil es an einer festen Organisation der Hilfsthätigkeit für ganze Länder fehlte oder weil bloß die Bekämpfung der äußern Erscheinung des Wanderbettels zum Zweck derselben gemacht, nicht aber die Verstopfung der beiden Quellen der Bettelplage, der Liederlichkeit und der Hilflosigkeit, systematisch in Angriff genommen wurde. In dieser Richtung ging man 1880 in Württemberg mit der Einrichtung von kommunalen Naturalverpflegungsstationen für arme Reisende einen Schritt weiter. Durch letztere konnte der ordentliche arme Wanderer vor Not geschützt und der Geschäftsbettler von der Wanderstraße abgedrängt werden. Allein arbeitsscheuen Landstreichern leisteten gerade diese Stationen unerwünschten Vorschub, solange sie nicht auch eine Arbeitsleistung forderten. Daher mußte mit den Stationen ein Arbeitsnachweis verbunden und beim Mangel an fester Arbeitsgelegenheit die Verpflegung wenigstens von einer einmaligen ernsten Arbeitsleistung abhängig gemacht werden. Derartig eingerichtete, in einem hinreichend dichten Netze zweckmäßig verteilte Naturalverpflegungsstationen werden gegenwärtig als das Hauptmittel zur Bekämpfung der Wanderbettelei angesehen. Sie beseitigen in der That den Thürbettel, verhindern durch in natura gewährte Speisung und Unterkunft, daß die Wanderer der Trunksucht anheimfallen, heben durch Arbeitsnachweis und die geforderte Arbeitsleistung das sittliche Selbstbewußtsein hilfsbedürftiger Reisender und besitzen in dem Arbeitszwange vor allem ein wirksames Mittel, eine getrennte Behandlung der Würdigen und Unwürdigen vorzubereiten. Vom Standpunkte der Nächstenliebe war aber noch ein weiterer Ausbau der geschilderten Einrichtung möglich und erforderlich. Arme Wanderer, die trotz redlichen Bemühens nirgends Arbeit finden, darf man nicht dauernd von Station zu Station irren lassen; sie verfallen sonst der Verwahrlosung. Es gilt, ihnen für längere Zeit Unterkommen zu schaffen, bis sie Gelegenheit zum Wiedereintritt in die wirtschaftliche Gesellschaft finden. Einrichtungen mit diesen Zielen bieten überdies den Vorteil, in Not geratene Reisende innerlich zu heben und zu stärken. Pastor von Bodelschwingh in Bielefeld verbreitete diese Ideen, unterstützt von Freunden der Innern Mission (s. d.), mit großer Wärme und bethätigte sie praktisch durch Begründung der ersten A. Wilhelmsdorf bei Bielefeld, nachdem er schon jahrelang würdigen hilfsbedürf-^[folgende Seite]