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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Argentinische Republik (Heerwesen. Geistige Kultur. Geschichte)

Die Staatsschuld betrug 1. Jan. 1894: a. äußere Schuld: 208,883 Mill. Pesos Gold; d. innere Schuld: 194,378 Mill. Gold und 43,520 Mill. Papier; c. schwebende Schuld: 13,517 Mill. Gold und 20,460 Mill. Pesos Papier. Es kommt demnach auf den Kopf der Bevölkerung eine Schuld von 330 M.

Das Wappen der Republik ist ein quergeteilter Schild; das obere Feld blau, das untere silbern; im untern halten zwei verschlungene Hände einen Stab mit der in das obere Feld hineinragenden roten Freiheitsmütze; hinter dem obern Schildrande eine aufgehende goldene Sonne. Den Schild umschließt ein Eichen- und ein Lorbeerzweig. Die Flagge ist blau-weiß-blau horizontal gestreift, mit einer Sonne in dem mittlern Streifen. (S. Tafel: Flaggen der Seestaaten.)

^[Abb.]

Heerwesen. Die Armee zählt 1590 Offiziere und 6498 Mann. Die Nationalgarde ist etwa 480 000 Mann stark. Militärisch ausgebildet sind höchstens 65 000 Mann. - Die Flotte besteht aus 47 Schiffen, darunter 6 Panzerschiffe, 7 Kanonenboote, 24 Torpedofahrzeuge; zusammen mit 223 Kanonen armiert und einer Besatzung von 2190 Mann.

Geistige Kultur. Das ganze Unterrichtswesen wurde seit 1868, dem Regierungsantritte des Präsidenten Sarmiento, einer wirksamen Reorganisation unterworfen. So erhielt die Universität Cordoba, die bis dahin unter jesuitischer Leitung äußerst wenig in den Naturwissenschaften geleistet hatte, auf Betrieb des Präsidenten mehrere Professoren aus Deutschland für Chemie, Physik, Botanik u. s. w. und auch einen namhaften Astronomen aus Nordamerika. Neben den beiden Universitäten Buenos-Aires und Cordoba bestehen gegenwärtig noch 14 Kollegien, an denen ebenfalls vielfach deutsche Lehrer angestellt sind. Diese Anstalten gleichen ihrem Unterrichtsplane nach etwa unsern höhern Industrieschulen. Namentlich um das Elementarschulwesen hat sich die Regierung Sarmientos und vor allem sein Unterrichtsminister Avellaneda große Verdienste erworben. 1875 genossen in der Republik 125 150 Schüler Unterricht; es bestanden 1896 Primärschulen. In der A. R. ist, ebenso wie in Brasilien und Chile, allen christl. Konfessionen freier Kultus und Gründung von Schulen gestattet. Doch bekennen sich fast sämtliche eingeborene Weiße und die bekehrten Indianer zum Katholicismus. Ein Erzbischof hat seinen Sitz in Buenos-Aires, und unter ihm stehen vier Bischöfe zu Parana, Cordoba, San Juan (Cuyo) und Salta. Sprache der Regierung wie des Landes ist das Spanische; doch ist unter den Gebildeten das Französische, in den Seestädten das Englische sehr verbreitet, während in den innern Provinzen noch vielfach die Guaranisprache herrscht.

Geschichte. Der La Plata-Strom wurde 1512 durch den span. Großpiloten Juan Diaz de Solis aufgefunden und auf einer zweiten Reise 1515 bis zur Mündung des Uruguay befahren. 1527 erreichte Sebastian Caboto den La Plata und baute am Parana das Fort Santo Espiritu, die erste span. Niederlassung. Dann legte Pedro de Mendoza als erster Adelantado (Civil- und Militärgouverneur) 2. Febr. 1535 den Grund zur Stadt Buenos-Aires, aber die von ihm bei seiner Rückkehr nach Europa 1537 zurückgelassenen Spanier gaben die Niederlassung auf, gingen den Paraguay aufwärts und gründeten Asuncion. Der zweite Adelantado, Alvaro Nufiez Cabeza de Vaca, landete an der brasil. Küste bei der Insel Santa Catarina und ging zu Lande nach Asuncion, während die Schiffe den La Plata dorthin hinaufsegelten. Diesem folgte in der Würde 1555 Martinez de Irala, der eigentliche Eroberer der La Plata-Gegend. Unter ihm und seinem Nachfolger (1569) Ortiz de Zarata entstanden viele Ansiedelungen. Der 1576 zum Generalkapitän ernannte Juan de Garay baute 1580 Buenos-Aires wieder auf, und damit war die Eroberung des La Plata-Gebietes abgeschlossen. Unter Juan de Torres Vera y Aragon, 1587-91, wurde (1588) Corrientes gegründet. Um 1610 begannen die Jesuiten ihre folgenreiche Missionsthätigkeit am obern Parana (s. Paraguay). Unter Philipp III. wurde 1620 eine besondere Regierung (Gobierno del Rio de la Plata) für die Länder südlich vom Zusammenfluß des Parana und Paraguay gebildet, und das Land in drei Provinzen geteilt: Tucuman, Buenos-Aires und Paraguay. Ein drückendes Monopolsystem hemmte aber das Aufblühen dieser Provinzen und es entwickelte sich ein maßloser Schleichhandel, besonders von den Portugiesen betrieben, die 1680 gegenüber von Buenos-Aires die Colonia del Sacramento mit Genehmigung der Spanier gegründet hatten. Dadurch kamen die Spanier in ganz Südamerika um die beabsichtigten Handelsvorteile. 1726 erfolgte die Gründung von Montevideo. Nach der Vertreibung der Jesuiten 1767 aus den La Plata-Ländern gerieten ihre zahlreichen und blühenden Niederlassungen in Verfall, und die indian. Bevölkerung sank in Elend und Verwilderung.

Bis 1776 gehörten die La Plata-Länder zum Vicekönigreich Peru, dann wurde aus ihnen ein besonderes span. Vicekönigtum mit der Hauptstadt Buenos-Aires gebildet, zu dem die Provinzen Buenos-Aires, Paraguay und Tucuman, die Präsidentschaft Charcas, das Territorium Cuyo und die Patagonische Küste gehörten. Nachdem 1776 die Portugiesen aus der Nachbarschaft vertrieben waren, wurde ein vernünftigeres Handelssystem angenommen; schon seit 1774 durften alle span. Kolonien untereinander Handel treiben. Unter dem zweiten Vicekönige wurde 1782 das Reich in acht Intendanzen geteilt, von denen vier (La Paz, Cochabamba, Charcas und Potosi) das spätere Oberperu, vier andere Salta, Cordoba, Buenos-Aires und die Missionen "Argentina" bildeten.

Infolge des Bündnisses Spaniens mit Frankreich nahmen im Juni 1806 die Engländer die Stadt Buenos-Aires, wurden aber nach wenigen Monaten wieder vertrieben. Während des franz. Krieges in Spanien selbst setzten 1810 die Kolonisten den Vicekönig ab und ernannten 22. Mai im Namen Ferdinands VII. eine provisorische Junta. Da Cordoba, Paraguay und Uruguay aber diese nicht anerkannten, kam es zu Bürgerkämpfen, bis ein Kongreß zu Tucuman 9. Juli 1816 die Unabhängigkeit der "Vereinigten Staaten von Rio de la Plata" erklärte. Daneben bildeten sich nun Paraguay und Uruguay als besondere Republiken. Ein Kongreß der 14 konföderierten Republiken bestimmte endlich 1825 das Verhältnis der einzelnen Staaten zueinander und stellte fest, daß der Staat Buenos-Aires die auswärtigen Angelegenheiten leiten und als oberste