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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Aristotelische Philosophie

ganischen Funktionen gliedern sich in drei Stufen: die vegetativen (Ernährung und Fortpflanzung, die den Tieren mit den Pflanzen gemein sind), die sensitiven (die den Tieren allein) und die vernünftige (die nur dem Menschen zukommt). Die höhern Funktionen sind nicht denkbar ohne die niedern, die niedern wohl ohne die höhern. Für die Sinnesempfindung nimmt Aristoteles eine genaue Korrespondenz zwischen der Wahrnehmung und dem äußern Objekt an; die sinnlichen Qualitäten (Farben, Töne u. s. w.) sind in dieser Gestalt zwar nur da für das wahrnehmende Organ, aber sie haben dennoch ihren Grund im Objekt, sie sind vor der wirklichen Wahrnehmung ebenso "der Möglichkeit nach" im Objekt, wie im Subjekt die Möglichkeit ihrer Wahrnehmung voraus gegeben ist, wieder eine künstliche Umgehung des Problems. Wertvoll ist der Aristotelische Begriff des "Gemeinsinns", dem alle solche Funktionen zugeschrieben werden, die nicht aus der einzelnen Wahrnehmung, sondern aus der Kombination derselben oder ihrer Beziehung auf das allen gemeinsam zum Grunde liegende Bewußtsein hervorgehen. Die Vernunft oder der Geist (nûs) ist das Vermögen des Allgemeinen, der Principien oder Gesetze. Der Geist als reine Form ist vom Stoff trennbar und bedarf an sich nicht des körperlichen Organs, er ist reine Denkenergie. Doch nimmt Aristoteles noch einen Geist in der Potenz, eine "leidende" Vernunft im Unterschied von der "thätigen" an, welche an den sinnlichen Stoff gebunden und mit dem Organismus sterblich ist. Um diese Doppelbedeutung des Nus entstand endloser Streit. Klar ist, daß der Geist als reine stofflose Energie eigentlich nur der göttliche sein kann, mithin der menschliche Geist einfach sterblich ist, wie denn auch die konsequentern Aristoteliker annehmen.

Die Ethik des Aristoteles stellt als Endziel des Willens nicht das Gute schlechtweg, sondern das durch menschliche Thätigkeit erreichbare Gute hin, eine sehr charakteristische Bestimmung, nicht nur sofern ein außer den Grenzen des menschlich Erreichbaren liegendes Ideal damit grundsätzlich abgelehnt ist, sondern auch sofern auf die Thätigkeit, nicht auf das zu erreichende Ziel der Hauptnachdruck fällt. In der Thätigkeit liegt zugleich die Glückseligkeit, die somit nicht der Lohn der Tugend, sondern mit ihr eins ist. Die Aristotelische Moral ist demnach eigentlich egocentrisch, der sittlich Handelnde sucht im sittlichen Handeln nur die eigene Vollendung, er erhebt sich nicht zu dem Gedanken eines ewig und an sich Guten. Auch hier hat Aristoteles das Tiefste der Platonischen "Idee" nicht gewürdigt, er kennt das Gute nicht als unpersönliches Gesetz, als unbedingtes Soll, sondern nur als Vortrefflichkeit der Person, als das Gute Jemandes. Am greifbarsten tritt das hervor in der Überspannung des Wertes der reinen Theorie. Auch kann man nicht sagen, daß nach Aristoteles das Gute in der Gesinnung liege; es liegt im Charakter, in der bleibenden Willensbeschaffenheit, aber nicht sofern sie auf dem Bewußtsein eines Princips so zu handeln beruht; sein Ideal ist, daß das Wollen des Guten zur andern Natur werde und keines Grundsatzes mehr bedürfe. Die besondere Tugendlehre, die auf dem Begriff des gesunden Mittelmaßes beruht, ist dadurch wenig tief begründet. - Von der natürlichen wie sittlichen Notwendigkeit des Staatslebens hat Aristoteles das stärkste Bewußtsein, auch hält er die sittliche Zweckbestimmung des Staates ziemlich in Platos Sinn fest. Im übrigen schließt er sich enger an die nationalen Formen des griech. Staatslebens an, rechtfertigt das Sklaventum, die Ehe, das Privateigentum, gesteht auch der individuellen Freiheit weit mehr zu als Plato. Übrigens ist seine Staatslehre ebenso aristokratisch zugespitzt wie die Platonische. Der Zweck des Staates liegt in der Tüchtigkeit der Bürger, zuletzt aber in der Pflege der Wissenschaft. Die Erziehung wird wie bei Plato ganz verstaatlicht. - Wertvoll ist auch die Poetik und Rhetorik des Aristoteles. Die Universalität seines Geistes nötigt auch dem Gegner die allerhöchste Verwunderung ab.

Die geschichtliche Fortentwicklung der A. P. ist von einer ungeheuren Ausdehnung gewesen. Im Altertum zwar tritt ihr Einfluß außerhalb der Peripatetischen Philosophie (s. d.) nicht sehr hervor; erst der Neuplatonismus, zu dessen Hauptlehrsätzen die Identität der Aristotelischen mit der Platonischen Philosophie gehörte, erhob den Aristoteles zur unantastbare Autorität und beteiligte sich mit großem Eifer an der von den Peripatetikern selbst (wie namentlich Alexander von Aphrodisias) schon in weitem Umfang gepflegten Auslegung des Aristoteles; während gleichzeitig die älteste christl. Philosophie wenigstens das Aristotelische "Organon" übernahm und festhielt. Etwa seit dem 8. Jahrh. n. Chr. beschäftigte sich die arab. Philosophie eifrigst mit Aristoteles; die Häupter dieses arab. Aristotelismus sind Avicenna und Averrhoes. Nicht minder fußt die jüd. Philosophie des Mittelalters in ihrer orthodoxern Richtung (Gabirol, Maimonides) auf Aristoteles fast mehr als auf den Neuplatonikern. Im christl. Abendlande waren es zuerst die Übersetzungen und Kommentare des Boethius (s. d.), die einen Teil der logischen Lehren des Aristoteles verbreiteten; doch war die Kenntnis seiner gesamten Philosophie eine sehr dürftige, bis seit dem Ende des 12. Jahrh. das Abendland mit den arab. Bearbeitungen des Aristoteles bekannt wurde. Seit dem 13. Jahrh. wurde seine Autorität seitens der röm. Kirche in allen Fragen weltlicher Wissenschaft anerkannt und bald alleinherrschend; doch kannte man Aristoteles wesentlich in der Gestalt, die er durch die Araber erhalten hatte. Die vollendetste Synthese des Aristotelismus mit der Kirchenlehre vollbrachte Thomas von Aquino, dessen System daher von der kath. Kirche als offizielle Philosophie behauptet wurde und in neuester Zeit mit erneuter Energie behauptet wird. In den folgenden Jahrhunderten geriet zwar der Aristotelismus mit der Kirchenlehre vielfach in Konflikt, blieb aber dennoch von fast ungeschwächtem Einfluß, und selbst die Renaissancezeit, so sehr sie sich gegen die Scholastik in Opposition befand, führte doch zugleich zu einer Erneuerung der echten, aus den Quellen geschöpften peripatetischen Lehre. Erst Galilei und Descartes machten in der Naturwissenschaft und freiern Philosophie der Herrschaft des Aristoteles ein Ende. Doch blieb nicht bloß die kath. Kirche bei dem scholastischen Aristotelismus unverändert stehen, sondern auch Melanchthon führte auf den prot. Universitäten Deutschlands den Aristoteles in mäßig modernisierter Gestalt wieder ein; noch auf die Philosophie Wolffs im 18. Jahrh. übte er einen großen Einfluß, und erst seit Kant ist er auch in der Philosophie gründlich überwunden, obgleich es noch immer, selbst außerhalb der kath. Restauration, nicht wenige giebt, denen Aristoteles "der" Philosoph ist. Die gründ-^[folgende Seite]