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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Baur (Franz Adolf Gregor) - Baur (Wilh.)

seine Kritik der neutestamentlichen Schriften, die er mit der Abhandlung über "Die Christuspartei in der korinth. Gemeinde, der Gegensatz des paulinischen und petrinischen Christentums" (in der "Tübinger Zeitschrift für Theologie", 1831) und der Schrift "Die sog. Pastoralbriefe des Apostels Paulus" (Stuttg. 1835) eröffnete. Die auf die Apostelgeschichte und die paulinischen Briefe sich beziehenden Untersuchungen sind zusammengefaßt in "Paulus, der Apostel Jesu Christi, sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre" (Stuttg. 1845; 2. Aufl. hg. von Zeller, 2 Bde., Lpz. 1867), die auf die evang. Überlieferung bezüglichen Studien in den "Kritischen Untersuchungen über die kanonischen Evangelien, ihr Verhältnis zueinander, ihren Charakter und Ursprung" (Tüb. 1847), zu denen "Das Markusevangelium nach seinem Ursprung und Charakter" (ebd. 1851) einen Nachtrag bildet. B. betrachtet die neutestamentlichen Schriften als die litterar. Denkmäler jenes kirchenbildenden Prozesses; der Standpunkt, von dem aus sie berichten und beurteilen, sei bestimmt durch die jene Zeit bewegenden Tendenzen, paulinische, judaistische, unionistische, in ihren verschiedenen Ausprägungen und Abstufungen (daher die Bezeichnung "Tendenzkritik" für die Baursche Ansicht). Vor dem Jahre 70 seien von den neutestamentlichen Schriften nur die vier großen paulinischen Briefe (Galater, Korinther, Römer) und die Offenbarung Johannis entstanden, die Mehrzahl überhaupt erst im 2. Jahrh. Im Laufe der weitern Forschungen sind die kritischen Ansichten B.s, zum Teil von seinen eigenen Schülern, vielfach berichtigt oder gemäßigt worden. So hat schon die Gesamtauffassung von dem Entwicklungsgange des ältesten Christentums, wenn auch der von Ritschl und seiner Schule dagegen erhobene "principielle" Widerspruch unberechtigt war, mancherlei Linderungen erfahren müssen. Ebenso hat aber auch die Kritik der einzelnen neutestamentlichen Schriften, besonders der drei ersten Evangelien und einiger kleinerer Briefe, vielfach andere Wege eingeschlagen als B. Aber gerade einige der am meisten angefochtenen Punkte seiner Kritik, insbesondere seine Beurteilung der johanneischen Litteratur, aber auch die geschichtliche Auffassung der paulinischen Briefe und in gewissem Sinne auch der Apostelgeschichte, sind durch die neuern Forschungen nur immer allseitiger bestätigt worden (s. Evangelien und Evangelienkritik).

Die ganze Richtung bezeichnet man mit dem Namen der Tübinger Schule; als ihr Organ erschienen 1842-57 die von Zeller begründeten "Theol. Jahrbücher", (Vgl. B.s Schrift: Die Tübinger Schule und ihre Stellung zur Gegenwart, Tüb.1859; 2. Aufl. 1860.) Eine ausführliche Darstellung der Leistungen B.s findet sich in "Unserer Zeit", Bd. 6 (Lpz. 1862); vgl. noch Weizsäcker, Ferd. Christ. B. (Stuttg. 1892).

Baur, Franz Adolf Gregor, Forstmanns Bruder von Gust. Adolf Ludw. B. und Wilh. B., geb. 10. März 1830 zu Lindenfels im Odenwald, studierte in Gießen, wurde 1855 Professor an der Forstlehranstalt Weißwasser in Böhmen, 1860 Oberförster zu Mitteldick bei Darmstadt, 1864 Professor an der land- und forstwirtschaftlichen Akademie Hohenheim in Württemberg, 1878 Professor der Forstwissenschaft an der Universität München. Er schrieb: "Lehrbuch der niedern Geodäsie" (Wien 1858; 4. Aufl., Berl. 1886), "Anleitung zur Aufnahme der Bäume und Bestände nach Masse, Alter und Zuwachs" (Wien 1861; 3. Aufl. u. d. T.: "Die Holzmeßkunde", ebd. 1882), Über forstliche Versuchsstationen. Ein Weck- und Mahnruf" (Stuttg. 1868), "Forstakademie oder allgemeine Hochschule" (ebd. 1875), "über die Berechnung der zu leistenden Entschädigungen für die Abtretung von Wald zu öffentlichen Zwecken" (Wien 1869), "Die Fichte in Bezug auf Ertrag, Zuwachs und Form" (Berl. 1876), "Untersuchungen über den Festgehalt und das Gewicht des Schichtholzes und der Rinde" (Augsb. 1879), "Die Rotbuche in Bezug auf Ertrag, Zuwachs und Form" (Berl. 1881), "Handbuch der Waldwertberechnung" (ebd. 1886), "Formzahlen und Massentafeln für die Fichte" (ebd. 1890). Außerdem redigiert B. seit 1866 die "Monatsschrift für Forst- und Jagdwesen", welche seit 1879 u. d. T. "Forstwissenschaftliches Centralblatt" in Berlin erscheint.

Baur, Gust. Adolf Ludw., evang. Theolog, Bruder des vorigen, geb. 14. Juni 1816 zu Hammelbach im Odenwald, studierte in Gießen, habilitierte sich daselbst 1841 und wurde 1847 außerord., 1849 ord. Professor; 1861 wurde er Hauptpastor an der Jakobigemeinde zu Hamburg, 1870 Professor und erster Universitätsprediger in Leipzig, wo er 22. Mai 1889 starb. In seinen theol. Anschauungen ist B. von Schleiermacher ausgegangen. Von seinen Schriften sind hervorzuheben: "Grundzüge der Homiletik" (Gieß. 1848), "Grundzüge der Erziehungslehre" (4. Aufl., ebd. 1887), "Geschichte der alttestamentlichen Weissagung" (Bd. 1, ebd. 1861), "Boetius und Dante" (Lpz. 1874), "A. Kempffers Selbstbiographie hg." (ebd. 1880), "Die vorchristl. Erziehung" "Stuttg. 1884, in K. A. Schmids "Geschichte der Erziehung", 1. Bd.). Ferner erschienen von ihm Predigtsammlungen u. d. T.: "Predigten" (Gieß. 1858), "Predigten über die epistolischen Perikopen" (2 Bde., Hamb. 1862), "Die Thatsachen des Heils" (ebd. 1864), "Durch Kampf zum Frieden" (Lpz. 1870).

Baur, Hans, Bildhauer, geb. 26. Febr. 1829 zu Konstanz, trat 1846 beim Bildhauer Öchslin in Schaffhausen in die Lehre und bezog 1851 die Kunstakademie zu München. 1856 erhielt er den Auftrag, zwei lebensgroße Statuen: St.Conradus und St. Pelagius, für den Dom zu Konstanz in Sandstein auszuführen, denen später noch zwei weitere, die des Markgrafen Bernhard von Baden und des Bischofs Gebhard von Konstanz, folgten. Nach einigen kunstgewerblichen Arbeiten und Büsten modellierte er die Kolossalfigur des Rheinstroms für die Kehler Rheinbrücke, sowie die beiden Sandsteinstatuen, Herzog Berthold von Zähringen und Großherzog Leopold von Baden, für die Rheinbrücke zu Konstanz. 1873 vollendete er das mit einer Victoria geschmückte Siegesdenkmal zu Konstanz, weiterhin etliche Dekorativ- und Heiligenbilder für Baden-Baden und Lahr. Im letzten Jahrzehnt entstanden das Denkmal des Komponisten Kreutzer für Meßkirch und die Statue des Fürsten Johann Georg I. von Hohenzollern-Sigmaringen für die Stadt Sigmaringen. B. lebt in Konstanz.

Baur, Wilh., evang. Theolog, Bruder von Gust. Adolf Ludw. B., geb. 16. März 1826 zu Lindenfels im Odenwald, besuchte 1844-48 die Universität Gießen und das Predigerseminar zu Friedberg, wurde 1855 Pfarrer in Ettingshausen bei Lich, 1862 in Ruppertsburg bei Laubach, 1865 Pastor zu Hamburg und Leiter der dortigen Stadtmission, 1872 Hof- und Domprediger zu Berlin, 1879 Oberkonsistorialrat, 1881 Propst des Stifts zum Heiligen Grabe, 1883 Generalsuperintendent der Rheinprovinz und