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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bayern (neuere Geschichte seit 1886)

diesem die Denkschrift der Bischöfe, die Antwort des Ministeriums, das Schreiben des Papstes, die Frage der weltlichen Herrschaft des Papstes und die Abhaltung der Bruno-Feier als Punkte der Tagesordnung vorzulegen. Am 23. und 24. Sept. wurde der Katholikentag von etwa 5000 Personen gehalten unter Vorsitz des Fürsten Karl zu Löwenstein.

Anfang Okt. 1889 trat der Landtag wieder zusammen. Das Centrum brachte seine kirchenpolit. Anträge ein: Placet, Altkatholikenfrage, Redemptoristen. Betreffs des Placet beharrte die Regierung auf ihrem Standpunkt, worauf das Centrum eine Erklärung abgab, wonach es den von ihm geleisteten Verfassungseid nicht als geschworen anerkenne. Bei der Beratung der Altkatholikenfrage erklärte von Lutz, daß man die Altkatholiken erst als eigene Religionsgesellschaft anerkennen könne, wenn sie selbst es wünschten. Der Antrag auf Zurückberufung der Redemptoristen wurde angenommen. Auch nahm das Abgeordnetenhaus das Reichsgenossenschaftsgesetz, das Malzaufschlaggesetz und die Vorlage über Ausführung des Alters- und Invaliditätsgesetzes an. Die kirchenpolit. Anträge des Centrums wurden in der Reichsratskammer einer Kommission überwiesen.

Am 10. März 1890 machte das Kapitularvikariat in München eine Vorlage, in der einseitig festgesetzt wurde, daß die Altkatholiken keine Katholiken mehr seien, da sie den Ehren- und Richterprimat des Papsttums nicht anerkannt und das Dogma von der unbefleckten Empfängnis verworfen hätten. Die Staatsregierung kam auch hier den Wünschen der Katholiken entgegen, indem sie diesen Standpunkt zu dem ihrigen machte, den Altkatholiken die Ausübung des öffentlichen Gottesdienstes in der Diöcese München-Freising verbot und 30. Okt. 1891 definitiv die Anerkennung der Altkatholiken als öffentliche Korporation versagte. Das Vorgehen der ultramontanen Abgeordneten bei der Beratung des Kultusetats und ihre Streichung von Forderungen für Wissenschaft und Kunst rief allgemeine Entrüstung wach. Petitionen kamen von der Akademie der Künste, wie von den Stadtverordneten Münchens: namentlich die Auslassungen über die Pflege der Kunst ließen erkennen, daß man auf klerikaler Seite die Bedeutung der neuen Kunstrichtung als Gegnerin zu fühlen begann. Von den geforderten 120000 M. wurden nur 60000 bewilligt, doch hier trat Prinz Ludwig in der Reichsratskammer am 22. April 1890 für die vom Referenten beantragte Erhöhung der ausgeworfenen Summe von 60000 M. ein. Der Haushaltsetat schloß mit 20 Mill. M. mehr als der vorige ab, trotzdem waren noch bedeutende Erübrigungen vorhanden. Am 3. Mai wurde der Landtag geschlossen.

Die innere Bewegung, die durch das Land ging, zeigte sich ebenso beiden Reichstagswahlen 20. Febr. 1890. Von den gewählten48 Reichstagsabgeordneten gehörten 33 dem Centrum, 9 den Nationalliberalen, 3 den Socialdemokraten, 2 den Deutschfreisinnigen, 1 den Konservativen an. Auf allen Gebieten zeigte sich das Bestreben nach einem Umschwung zu freierer Entfaltung der geistigen und materiellen Kräfte. Daß der Prinz-Regent diese Friedensarbeit nicht gestört sehen wollte durch ultramontane Bestrebungen, bewies er durch sein Handschreiben vom 10. Mai an den Erzbischof Thoma. Infolgedessen wurde beschlossen, den Deutschen Katholikentag nicht in München zu veranstalten.

An die Stelle des am 22. Jan. 1890 verstorbenen Freiherrn von Franckenstein wurde vom Prinz-Regenten 27. Jan. der erbliche Reichsrat Graf Törring-Jettenbach zum Präsidenten der Reichsratskammer ernannt. An die Stelle des Kriegsministers von Heinleth trat am 6. Mai der Generallieutenant von Safferling und an die des Kultusministers von Lutz, der am 31. Mai sein Entlassungsgesuch einreichte, der Polizeipräsident von Müller. Staatsminister von Crailsheim wurde zum Vorsitzenden im Ministerrate ernannt. Nachdem der Landtag außer andern Vorlagen noch 40 Mill. M. zur Herstellung von Doppelgleisen und Beschaffung von Fahrmaterial, auch eine Aufbesserung der Gehälter der Staatsbeamten und Lehrer bewilligt und den Etat von 306292271 M. in Einnahmen und Ausgaben genehmigt hatte, schloß am 28. Mai 1892 die letzte Session der Wahlperiode 1887–93. ^[Spaltenwechsel]

In den Centrumskreisen des Landes herrschte schon seit einiger Zeit Unzufriedenheit mit dem Verhalten der Fraktion im Landtag, deren Paktieren mit der Regierung («Geschäftskatholicismus») und zahlreiche Bewilligungen man mißbilligte. Diese Mißstimmung machte sich namentlich in den Kreisen des bayr. Bauernbundes geltend, wo man eine kräftigere Wahrung des Interesses der Steuerzahler wünschte und bei den künftigen Wahlen eigene Kandidaten aufzustellen beschloß. Der Erfolg zeigte sich schon bei den Reichstagswahlen vom 15. Juni 1893, wo außer 30 Centrumsmitgliedern, 8 Nationalliberalen, 3 Socialdemokraten, je 1 Freisinnigen, Konservativen und Demokraten 4 Bauernbündler gewählt wurden. Bei den Landtagswahlen am 12. Juli verlor das Centrum von 82 Mandaten 8 an die Bauernbündler und damit die Mehrheit, aber auch die Liberalen büßten 6 Sitze (von 73) ein, und zum erstenmal zogen die Socialdemokraten mit 5 Mann in das Abgeordnetenhaus ein. Außerdem wurden 3 Konservative und 1 Demokrat und später noch 1 Bauernbündler gewählt. Der am 28. Sept. eröffnete neue Landtag bewilligte eine Aufbesserung des Einkommens der kath. und prot. Geistlichkeit sowie der Gehalte der niedern Beamten, ferner Summen für die Korrektion des Mains von Aschaffenburg bis Kitzingen und Einrichtung einer Kettenschleppschiffahrt auf dieser Strecke. Aber das Projekt des Umbaues des Donau-Main-Kanals lehnte die Kammer der Abgeordneten entgegen der der Reichsräte ab. Der Etat wurde in Höhe von 328341269 M. genehmigt. Ein Antrag auf Einführung einer progressiven Einkommensteuer und Reform der Kapitalrentensteuer wurde von der Zweiten Kammer 22. Mai 1894 einstimmig angenommen. Doch kam die Frage der Steuerreform in der Reichsratskammer nicht mehr zur Erledigung, da der Landtag 4. Juni geschlossen wurde.

Litteratur: Aventin (s. Turmair), Sämtliche Werke; Buchner, Geschichte von B. (10 Tle., Regensb. u. Münch. 1820–55); Zschokke, Sechs Bücher der Geschichten des bayr. Volks (2. Aufl., 4 Bde., Aarau 1821); Preger, Lehrbuch der bayr. Geschichte (Erlangen 1864): Riezler, Geschichte B.s (3 Bde., Gotha 1878–89); Schwann, Illustrierte Geschichte von B. (3 Bde., Stuttg. l890–94); Schreiber, Geschichte B.s in Verbindung mit der deutschen Geschichte (2 Bde., Freib. i. Br. 1889–91; kath. Tendenz); Rudhart, Geschichte der Landstände in B. (2. Aufl., 2 Bde., Münch. 1819). – Zur ältern Geschichte: Rudhart, Älteste Geschichte B.s (Hamb. 1841); A. Quitzmann, Die älteste Geschichte der B. bis zum J. 911 (Braunschw. 1873); ders., Die älteste