Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

932

Bewässerung

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Bewässerung'

kolossalen Reste der philistinischcn Kanäle zwischen Etsch und Po Zeugnis. Sie übertrugen ihre Kunst auf die Römer. Am höchsten entfaltete sich die Organisation der B. in der Lombardei. Seit den Römerzeiten unablässig entwickelt und ausgebaut, erstreckt sich deren Kanalnetz für landwirtschaftliche Bewässerungszwecke gegenwärtig über 430000 ha. Die Hauptkanäle wurden zum Teil schon im frühesten Mittelalter von den Städten Mailand, Brescia, Cremona unter der Herrschaft der Visconti, Sforza, Pallavicini, Maggi, im Mantuanischcn durch die Gonzaga angelegt, unter Benutzung der vorhandenen Wasserbauten der Alten. Das Wasser liefern ihnen teils die Flüsse Adda, Tessin, Brembo, Serio, Oglio, Mella, Clisio und Mincio, teils in geringerm Maßstabe die Fontanili, gefaßte Quellen, von welchen insbesondere diejenigen geschätzt werden, welche auch in der rauhen Jahreszeit ein warmes Wasser von durchschnittlich 10° R. ergießen, zur Anlage u nd B. der herrlichen Winterwiesen, Marcite, die sich außer der Lombardei nur noch in Spanien vorfinden. Die Abschlüsse der B. münden sämtlich in den Po, der durch sie große Mengen an Schlamm und Befruchtungsstoffen zu geführt erhält. Die Länge aller lombard. Bewässerungskanäle beträgt über 7000 km. Die Wasserzufuhr, zu 1 l per Sekunde und Hektar, beläuft sich auf 428 cbm in der Sekunde. Der größte Bewässerungskanal der Lombardei ist der Naviglio grande, welcher, aus der Adda gespeist, die Wiesen, Hanf-, Lein- und Getreidefelder, auch einige Reispflanzungen im östl. Teile des Mailändischen und in der Provinz Lodi, im ganzen ein Gebiet von 98000 ha bewässert; er ist 50 km lang und zugleich schiffbar. Noch größer ist als Kanal die 57 km lange Muzza, welche jedoch bloß auf zwei Dritteilen ihres Laufs zur B. eines Gebietes von 16400 ha benutzt wird, welches die Gera d’Adda und Crema einschließt. An den großen Naviglio schließt sich der Kanal von Bereguardo, an die Muzza mehrere von Brembo, Serio und Oglio gespeiste Kanäle im Bergamaskischen; ihnen reihen sich an die von Pavia, Cremona, Gavardo, Martesana (mil dem Naviglio interno, der die Spülwasser der Stadt Mailand aufnimmt), Fusa; die Wasserleitungen Vailata, Ritorto, Pallavicino, Lonata, Calcinata, Aquanegra, Marchionale, Pozzola u. a.

Minder ausgebildet als in der Lombardei ist das Bewässerungswesen im Piemontesischen; doch hat dasselbe seit Erbauung des großen Cavourkanals (s. d.) einen größern Aufschwung genommen. (Vgl. Hamm, Die Meliorationen in Italien, Wien 1875.)

Aus der Lombardei gelangte durch heimgekehrte Söldner im 18. Jahrh, die Kunst der B. nach Deutschland, zunächst an den Niederrhein, wo sie sich besonders im Siegener Lande festsetzte und ausbildete. England, dessen Klima sie nicht bedarf, hat wenig an Bewässerungsanlagen auszuweisen, desto mehr Frankreich, das in seinem Süden noch mehr darauf angewiesen ist als die Lombardei; die bedeutendsten Bewässerungseinrichtungen finden sich hier in den Thälern der Loire und Garonne, ferner in den Depart. Savoie und Haute-Savoie, Bouches-du-Rhône, Herault, Gard u. s. w. In Spanien haben schon die Mauren die B. eingeführt; ihr verdankt die Huerta di Valencia einzig ihre üppige Fruchtbarkeit. Aber auch die Urvölker der Neuen Welt wußten sie zu gebrauchen, wie die Überbleibsel der von den Azteken in ↔ Mexiko ausgeführten großartigen Bewässerungsanlagen noch heute beweisen.

Die gegenwärtig in Anwendung befindlichen Bewässerungssysteme in Deutschland, meistens nur für Feuchterhaltung und Befeuchtung von Wiesenflächen benutzt, lassen sich in drei Gruppen bringen, je nachdem sie gewöhnliches Wasser verwenden oder zugleich eine Erdbewegung oder eine Düngung bezwecken. Zwar ist stets der wichtige Nebenzweck jeder B. eine direkte oder indirekte Befruchtung; allein es kommt darauf an, welche Stoffe dem Wässerungswasser aufgeladen werden. Die reine B. umfaßt die folgenden Systeme:

  • 1) Einsickerung oder Infiltration. Sie besteht darin, daß das in Gräben oder natürlichen Läufen zugeführte Wasser auf den Boden nur durch Eindringen von der Böschungsseite her wirkt, deshalb sich nicht über den Rand der Zuleitungen zu erheben braucht. Eine solche B. ergiebt auf leichtem, durchlassendem Terrain, insbesondere auf Moorland, ausgezeichnete Resultate; sie wird angewendet bei der Dammkultur der Moore und vorzugsweise in Lagen mit schwammigem Erdreich, deren Pflanzenwachstum viele Feuchtigkeit erheischt, also bei den Plantagenwirtschaften der warmen Zone. Eine hohe Temperatur unterstützt wesentlich die Wirkung der Infiltration.
  • 2) Stauung (Submersion) oder Überstauung. Es wird dabei ein Boden seiner ganzen Ausdehnung nach mit Wasser überflutet, welches so lange darauf stehen bleibt, bis er sich genügend vollgesogen hat. Es wird hierbei durch Absatz der im Wasser suspendierten Stoffe zugleich eine Düngung der überstauten Fläche herbeigeführt. Die Zuleitung erfolgt gewöhnlich mittels Schwellung eines Wasserlaufs durch Wehren oder Schleusen; das Wässerungsgrundstück muß in den meisten Fällen eingedämmt werden. Die Stauung erfolgt nur im ersten Frühjahr oder im Spätherbst.
  • 3) Rieselung (Irrigation). Bei diesem System wird der zu bewässernde Boden von laufendem Wasser unaufhörlich überrieselt, weshalb er ein Gefälle haben muß. Je nachdem dieses natürlich ist oder künstlich hergestellt werden muß, spricht man von natürlicher B. oder von Kunstbau. Läuft das Berieselungswasser bloß nach einer Seite hin, also auf einseitig schiefer Fläche hinab, so nennt man diese Bewässerungsart Hangbau; werden auf künstliche Weise zwei geneigte Flächen dachförmig aneinandergelehnt, so daß das Wasser von ihrer First aus beide überrieselt, so ist dies ein Dach- oder Rückenbau.

Eine Vermittelung zwischen Stauung und Rieselung bildet die Bewässerungsmethode von Petersen in Wittkiel in Holstein (daher auch Petersenscher Wiesenbau genannt) in Verbindung mit der Drainierung (s. d.); durch besondere von der Oberfläche durch Drähte zugängliche Ventile können einzelne Drainabteilungen geschlossen werden, so daß das Wasser, welches durch Berieselung zugeführt wird, unterirdisch nicht abfließen kann, sich staut und nun von unten den Boden und die Wurzeln der Pflanzen durchtränkt, bei genügender Wassermenge aus den Ventilschachten heraustritt und die Wiese berieselt. Beim Öffnen der Ventile wird der Boden durch die Drainanlage rasch entwässert und das Wasser steigt in eine neue tiefer gelegene Abteilung, wenn deren Ventile geschlossen werden, unterirdisch empor. Durch ein derartig wiederholtes Anstauen und Ablassen, verbunden mit einer oberirdischen Berieselung, wird nicht nur eine ausgiebige B., sondern

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 933.