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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bismarck (Otto Eduard Leopold, Fürst von)

Holsteinische Frage infolge des Todes Friedrichs Ⅶ. (s. d.) von Dänemark wieder eine lebhafte Bewegung an, welche die beiden Großmächte von den innern Streitigkeiten ablenkte. Als Friedrichs Nachfolger, Christian Ⅸ. (s. d.), 18. Nov. 1863 die Gesamtstaatsverfassung für Dänemark-Schleswig unterzeichnete, rückten hannov. und sächs. Truppen in Holstein ein, um die Exekution zu vollstrecken. Darauf bewog B. Österreich, in Gemeinschaft mit Preußen gegen Dänemark kriegerisch vorzugehen, falls Dänemark der Aufforderung, die Gesamtstaatsverfassung wieder aufzuheben, nicht entspreche, und als dies eintrat, überschritten 1. Febr. 1864 preuß. und österr. Streitkräfte die Eider. (S. Deutsch-Dänischer Krieg von 1864.) Durch formelles Festhalten an dem Londoner Protokoll gelang es B., sowohl den europ. Mächten jeden Anlaß zur Einmischung zu nehmen, als auch jedes Übergreifen des Bundes, der seine Mitwirkung zum Kriege verweigert hatte, fern zu halten, um so die Früchte des gemeinschaftlichen Vorgehens nur den beiden Großmächten und in letzter Reihe Preußen und Deutschland zufallen zu lassen.

Der preuß. Verfassungskonflikt hatte inzwischen einen heftigern Charakter angenommen (s. Preußen). Nachdem die Forderungen der Regierung vom Abgeordnetenhause abgelehnt, aber das Budget durch das Herrenhaus abermals gutgeheißen worden war, wurde 25. Jan. 1864 der Landtag geschlossen. Ohne Unterstützung seitens der Volksvertretung begann nun B. im Verein mit Österreich seine Aktion gegen Dänemark.

Was für B. seit seinem Wirken als Bundestagsgesandter das Ziel seiner Politik bildete: die Lösung der Deutschen Frage durch eine Einigung der deutschen Staaten unter Preußens Führerschaft und unter Ausschluß Österreichs, das trat durch die sofort nach Beendigung des Krieges und nach Abschluß des Wiener Friedens sich ergebenden Zerwürfnisse zwischen den beiden deutschen Vormächten seiner Verwirklichung näher. Die Begünstigung, deren sich das mittelstaatliche Projekt einer Einsetzung des Erbprinzen Friedrich von Augustenburg in die Regierung von Schleswig-Holstein seitens des Wiener Kabinetts zu erfreuen hatte, und das ungeschickte Verhalten des Prinzen in einer Unterredung mit B. bestimmte diesen, den Prätendenten gänzlich fallen zu lassen, und befestigte in ihm den Plan, die Herzogtümer als preuß. Landesteile zu erwerben. Bereits im Dez. 1864 war es ihm gelungen, durch einen Beschluß der Bundesversammlung die Entfernung der sächs. und hannov. Exekutionstruppen aus Holstein zu erwirken. Österreichs fortgesetzte Duldung des vom augustenburgischen Hofe in Kiel geleiteten preußenfeindlichen Treibens in den Herzogtümern (s. Schleswig-Holstein) steigerte die Mißhelligkeiten zwischen den beiden deutschen Großmächten fast bis zum offenen Bruche. Doch wurde der Bruch durch die Gasteiner Konvention (s. Gastein) noch vermieden. Die großen Erfolge der Politik B.s in der Herzogtümerfrage wie in der Zollvereinsfrage fanden seitens des Königs Wilhelm die vollste Anerkennung. Nachdem der Ministerpräsident schon früher den Schwarzen Adlerorden erhalten, wurde er 15. Sept. 1865 für sich und seine Nachkommen in den Grafenstand erhoben. Einen Badeaufenthalt in Biarritz im Oktober benutzte B. dazu, Napoleons Absichten betreffs Deutschlands zu erforschen.

Auch in der neuen Landtagssession (vom 15. Jan. bis 17. Juni 1865) kam kein Budget zu stande; die Forderungen für Reorganisation des Heers und für Erweiterung der Flotte sowie die nachträgliche Genehmigung der Kriegskosten wurden verweigert; die Zollvereinspolitik B.s dagegen fand bereitwillige Zustimmung. Trotz der Gasteiner Konvention begannen die Zerwürfnisse zwischen beiden deutschen Vormächten bald von neuem. Als der österr. Statthalter eine Massenversammlung zu Altona zu Gunsten des Augustenburgers duldete, sprach B. in einer Depesche nach Wien vom 26. Jan. 1866 es offen aus, daß diese Politik zur Lösung der österr.-preuß. Allianz führe. Die österr. Antwort vom 7. Febr. lautete abweisend. Für B. aber war jetzt die Zeit gekommen, auch sein deutsches Programm wieder aufzunehmen, zumal als Österreich 16. März die Absicht kundgab, die Entscheidung der Herzogtümerfrage dem Bunde anheimzugeben. Am 9. April 1866 gelangte während der beiderseitigen Kriegsrüstungen der preuß. Antrag an den Bund, ein aus allgemeinen Wahlen hervorgehendes Parlament zu berufen zu Vereinbarungen über die Reform der Bundesverfassung. Das von Napoleon im Mai angetragene Bündnis wurde von B., wie alle frühern seit 1862 gemachten Anträge, abgelehnt. Die antipreuß. Majorität am Bunde beschloß 14. Juni auf Antrag Österreichs eine kriegerische Aufstellung gegen Preußen, dessen Gesandter auf B.s Unterweisung diesen Beschluß für einen das Bundesverhältnis auflösenden Rechtsbruch erklärte. Gleichzeitig überreichte er die unter dem Namen «Grundzüge vom 10. Juni 1866» bekannten preuß. Reformvorschläge, die später bei der Begründung des Norddeutschen Bundes maßgebend waren. Trotzdem die Dinge immer offener zum Bruche drängten, war am Berliner Hofe eine entschiedene Friedensstimmung vorhanden, welche die Aktionen B.s zu lähmen drohte. Dennoch gelang es ihm schließlich, den König Wilhelm (s. d.) zur Entscheidung durch das Schwert zu bestimmen. Jetzt endlich bahnte sich auch in der öffentlichen Meinung der Umschwung an. Denn wenn es B. auch nur teilweise gelungen war, das preuß. Volk in betreff der Schleswig-Holsteinischen Frage von der Notwendigkeit seiner Maßregeln zu überzeugen, so hob doch die geschickte Verknüpfung jener Frage mit der der Bundesreform und das rückhaltlose Vorgehen gegen den Bundestag über die noch bestehenden Bedenken hinweg. Ebenso hatte B., der selbst an eine friedliche Lösung der verwickelten Bundesverhältnisse wohl nie geglaubt, jetzt auch dem preuß. Volke bewiesen, daß nach Erschöpfung aller Künste der Verhandlungen eine friedliche Durchführung selbst der bescheidensten, von ganz Deutschland längst als notwendig erkannten Forderungen in der That unmöglich war. (S. Deutscher Krieg von 1866.)

Am 30. Juni reiste B. in der Begleitung des Königs zur Armee ab. Nach dem entscheidenden Siege Preußens bei Königgrätz (3. Juli 1866) rief Österreich die Vermittelung Frankreichs an, mit dem es schon 12. Juni einen geheimen Vertrag wegen Venetiens abgeschlossen hatte. B. verstand es jedoch, die fremde Einmischung abzuwehren, bis die kriegerische Entscheidung erfolgt war, und sie auch bei den Nikolsburger Friedenspräliminarien (26. Juli 1866) auf einen äußerst bescheidenen Einfluß zu beschränken. Ein nicht geringeres Verdienst als diese Durchkreuzung der franz. Interventionsgelüste war B.s entschiedenes Beharren auf der Beschränkung des preuß. Siegeszugs nur bis vor die Thore Wiens