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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Blutkraut; Blutkreislauf; Blutkrystalle; Blutlassen; Blutlaugensalz

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Blutkraut - Blutlaugensalz

densten Organe zur Folge haben könnten (Lehre der sog. Humoralpathologie). So sollte es z. B. eine zu Entzündungen disponierende krankhafte Blutmischung oder Krase (die hyperinotische), eine Krebskrase, d. h. eine die Entwicklung von Krebsgeschwülsten veranlassende Blutmischung u. s. w. geben. Es ist das unbestrittene Verdienst Virchows, durch die Begründung der Cellularpathologie (s. d.) nachgewiesen zu haben, daß es höchst wahrscheinlich keinerlei selbständige B. giebt, sondern daß dieselben lediglich die Folge anderweiter Krankheiten, insbesondere gewisser primärer Veränderungen der Gewebe und Organe sind (Lehre der sog. Solidarpathologie). Demgemäß sind sog. Dyskrasien entweder 1) die Folge von Störungen der blutbereitenden oder blutreinigenden Organe, d. h. eines mangelhaften Ersatzes der im Laufe des Stoffwechsels verbrauchten Blutbestandteile, oder einer mangelhaften Ausscheidung der durch das Blut wandernden Auswurfsstoffe des Stoffwechsels der verschiedenen Organe. So erklärt sich z. B. die Anämie und Hydrämie aus ungenügendem Ersatz des verbrauchten Blutplasmas und der zu Grunde gegangenen Blutkörperchen, die Leukämie aus der mangelhaften Neubildung roter Blutkörperchen, während die weißen übermäßig an Zahl zunehmen, die Urämie aus mangelhafter Ausscheidung und Anhäufung von Harnbestandteilen im Blute wegen Krankheiten des Harnapparats u. s. w.; 2) sind die Dyskrasien die Folge davon, daß von außen oder von einem bestimmten kranken Teile her Stoffe ins Blut geführt werden, welche auf andere Organe nachteilig wirken. So hat die Aufnahme des Pockenkontagiums ins Blut einen Pockenausschlag, die Aufnahme von Krebssaft aus einer Krebsgeschwulst krebsige Neubildung in entfernten Organen, die Resorption von Eiter und faulenden Substanzen aus einem an der Oberfläche oder im Innern des Körpers gelegenen Eiter- oder Jaucheherd die sog. Eitervergiftung des Blutes mit ihren gefahrdrohenden Einwirkungen auf lebenswichtige Organe zur Folge u. a. m. Endlich 3) entsteht die Dyskrasie durch Aufnahme von Stoffen ins Blut, die die roten Blutkörperchen unfähig machen, dem Organismus die nötigen Dienste zu leisten, d. h. insbesondere die Aufnahme und Verwendung des Sauerstoffs zu besorgen, wie z. B. bei Einatmung von Kohlenoxydgas und andern irrespirabeln Gasen. In allen Fällen also zeigt sich, daß das Blut nicht ursprünglich und selbständig aus sich selbst erkrankt, sondern erst durch Krankheit anderer Organe und Gewebe des Körpers oder durch Aufnahme schädlicher Stoffe abnorm verändert wird. (S. Krankheit.)

Blutkraut, s. Sanguinaria.

Blutkreislauf, s. Kreislauf des Blutes.

Blutkrystalle, Blutkuchen, s. Blut (S. 158a).

Blutlassen, s. Aderlaß und Blutentziehung.

Blutlaugensalz, gelbes, Ferrocyankalium, Kaliumeisencyanür, gelb-blausaures Kali, Blausalz, K4Fe(CN)6 ^[K<sub>4</sub>Fe(CN)<sub>6</sub>] + 3 H2O ^[H<sub>2</sub>O], ein technisch sehr wichtiges Salz, das zuerst beim Auslaugen von Blutkohle gewonnen wurde. Im Großen stellt man es dar, indem man verkohlte tierische Abfälle, wie Horn, Blut, Klauen, Wollstaub, Lederabfälle u. s. w., mit Pottasche und Eisenfeilspänen in eisernen Schmelzgefäßen in einem Flammofen erhitzt. Die tierischen Abfälle enthalten Stickstoff, der die Bildung von Cyankalium veranlaßt nach der Gleichung:

K2CO3 ^[K<sub>2</sub>CO<sub>3</sub>] + 4 C +2 N = 3 CO + 2 KCN.

Zugleich bildet sich aus den der Pottasche beigemengten schwefelsauren Salzen und dem Eisen Schwefeleisen. Wenn dann die erkaltete Schmelze mit Wasser ausgekocht wird, entsteht das B. neben Schwefelkalium nach der Gleichung:

6 KCN + FeS = K2S ^[K<sub>2</sub>S] + K4Fe(CN)6 ^[K<sub>4</sub>Fe(CN)<sub>6</sub>]

und krystallisiert beim Eindampfen der Laugen aus. Man hat auch versucht, durch die Einwirkung von Ammoniak auf glühendes Kaliumcarbonat sowie unter Mitwirkung des Stickstoffs der atmosphärischen Luft Cyanverbindungen zu erzeugen, doch scheint der Erfolg zweifelhaft zu sein. Fabrikmäßig wird zur Darstellung des B. neuerdings auch ein anderer Prozeß - das Glühen von Schwefelcyankalium mit Eisen - benutzt, wobei sich als Nebenprodukt ebenfalls Schwefelkalium und Schwefeleisen bildet:

6 KCNS + 6 Fe = K4Fe(CN)6 ^[K<sub>4</sub>Fe(CN)<sub>6</sub>] + 5 FeS + K2S ^[K<sub>2</sub>S].

Auch aus der sog. Gasreinigungsmasse wird B. gewonnen. - Das B. krystallisiert in luftbeständigen großen, blaß citronengelben, quadratischen Pyramiden. Es löst sich in 4 Teilen kaltem und 2 Teilen siedendem Wasser, aber nicht in Alkohol. In der Wärme verlieren die Krystalle ihr Krystallwasser leicht und werden dabei weiß und undurchsichtig, bei stärkerm Erhitzen (schwache Rotglut) schmelzen sie unter Zersetzung in Cyankalium, Eisen, Kohlenstoff und Stickstoff. B. dient in der Technik zur Darstellung von rotem B., von Berlinerblau, von Cyankalium, zur Erzeugung von Blau und Braunrot in der Färberei, außerdem hat man es zum Härten von Eisen (oberflächliche Umwandlung in Stahl) und zur Herstellung von weißem Schießpulver (B., chlorsaures Kali und Rohrzucker) verwandt. - Wert etwa 150 M. der Doppelcentner.

Blutlaugensalz, rotes, Ferri(d)cyankalium, rot-blausaures Kali, Kaliumeisencyanid, Gmelinsches Salz,

K6Fe2(CN)12 ^[K<sub>6</sub>Fe<sub>2</sub>(CN)<sub>12</sub>] oder K3Fe(CN)6 ^[K<sub>3</sub>Fe(CN)<sub>6</sub>],

entsteht unter Abspaltung von Chlorkalium, wenn man auf Ferrocyankalium Chlor einwirken läßt:

2 K4Fe(CN)6 ^[K<sub>4</sub>Fe(CN)<sub>6</sub>] + 2 Cl = K6Fe2(CN)12 ^[K<sub>6</sub>Fe<sub>2</sub>(CN)<sub>12</sub>] + 2 KCl.

Bei der fabrikmäßigen Darstellung wird gelbes B. durch scharfes Trocknen teilweise entwässert, fein gepulvert und in dünnen Schichten, auf hölzernen Hürden ausgebreitet, in einen kastenförmigen Raum gebracht, in den Chlorgas geleitet wird. Das Salz absorbiert das Chlor und wird auf angegebene Weise zersetzt. Man unterbricht die Einwirkung des Chlors, sobald eine Probe, in Wasser gelöst, auf Zusatz eines Eisenoxydsalzes keinen blauen Niederschlag, sondern eine braune Färbung zeigt. Dieser Moment ist genau zu beachten, da bei längerer Chlorwirkung Zersetzungsprodukte gebildet werden. Das entstandene Gemenge von Ferricyankalium und Chlorkalium wird entweder unter dem Namen Blaupulver in den Handel gebracht oder auf reines Salz verarbeitet. Zu letzterm Behufe wird das Blaupulver in siedendes Wasser eingetragen, bis eine heiß gesättigte Lösung entstanden ist, diese wird sofort filtriert und in bleierne Kübel gefüllt, worin beim Erkalten das Salz in schönen, großen, granatroten rhombischen Prismen anschießt. Die Mutterlauge verwertet man auf Berlinerblau, indem man sie mit der Lösung eines Eisenoxydulsalzes versetzt. Das Salz löst sich beim Sieden in 1 1/2 Teilen, bei gewöhnlicher Temperatur in 2 1/2 Teilen Wasser. Es dient zum Blaufärben von Wolle und Seide