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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Böhmen (Klima. Mineralreich. Tierreich)

Haufen dichtgedrängter Bergkuppen vor, die zwischen Leitmeritz und Aussig von der Elbe durchbrochen werden. Östlich sind es die unzusammenhängenden Gruppen des Kleis- und des Geltschberges (725 m) und westlich die gleichfalls basaltischen Massen des Böhmischen Mittelgebirges, welches in dem Donnersberg (Mileschauer) 835 m Höhe erreicht und im N. durch die tiefe Furche der Biela vom Erzgebirge getrennt wird. Dieses begrenzt mit seinen Steilabfällen den nördl. Egerabschnitt, trägt die böhm. Grenze auf seinem plateauförmigen, breiten Scheitel, erreicht im Lande die größte Höhe im Keilberg (1238 m) und geht westlich zu den sanftern Formen des Egerlandes über, das sich allmählich dem Fichtelgebirgsplateau öffnet. Mit dem Wechsel der äußern Formen des Bodens steht auch vielfach die Änderung des geognost. Bildes in Verbindung. Der höhere Süden ist aus den Massen des Urgesteins (Gneis, Granit u. s. w.) zusammengesetzt. Die westl. Mitte zwischen Prag und Klattau besteht aus den Schichten der Cambrischen, der Silur- und Steinkohlenformation, und die östl. Mitte in und um den Elbkessel gehört der Kreidegruppe an. Ein noch bunteres Bild zeigt der nördl. Abschnitt. Östlich von der Elbe herrscht der Quadersandstein vor, stellenweise auf den Schichten des Rotliegenden aufliegend; westlich nehmen die mächtigen Schichten der Braunkohlenformation den Fuß des Erzgebirges ein. Überall treten hier Kuppen, Kegel und Ströme vulkanischer Gesteine (Basalt, Phonolith), das basaltische Mittelgebirge bildend, auf, während an der westl. Grenze die Primärformation, die sog. Urschieferformation des Südens im Anschluß an das Fichtelgebirge vorherrscht.

Klima. Die klimatischen Verhältnisse schließen sich zwar den günstigen Beziehungen Mitteldeutschlands an durch das Vorhandensein einer, von den Gebirgen abgesehen, ziemlich gleichmäßigen Temperatur, die Bodengestaltungen greifen jedoch wesentlich zur Erzeugung eigentümlicher Erscheinungen ein. Während die westl. und nördl. Grenzgegenden noch oceanischen Einflüssen zugänglich sind, hat das Klima des übrigen Landes rein kontinentalen Charakter. Der höhere Süden ist rauher als der tiefere Norden, die Gebirgsgegend kälter als die geschützte Ebene. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt in Budweis 8,0, in Deutsch-Brod 7,2, Pilsen 8,4, Eger 7,4, Prag 9,2, Bodenbach 8,6° C., ist also in Prag im Mittelpunkte des Landes am höchsten und nimmt gegen die Ränder ab. Am niedrigsten ist sie im Egerbecken, am Plateau von Tepl, im Süden und Südosten, endlich auf dem nordöstl. Kreideplateau, wo Minima unter -30° C. beobachtet wurden, während in Prag die Temperatur nur bis -26,8° C. sank. Das absolute Maximum betrug in Prag 36,4° C. in 30 Jahren. Die Niederschlagsmengen schließen sich den Höhenverhältnissen an, sind am größten an den Rändern, am geringsten in der Mitte; Prag hat nur 416 mm Regenmenge, in Marienbad erreicht sie 758 mm, im Riesengebirge steigt sie dagegen über 1200 mm.

Mineralreich. Außerordentlich rasch sind die Fortschritte, welche das durch seinen Produktenreichtum von Natur gesegnete Land in der neuern Zeit auf allen Gebieten der physischen und der technischen Kultur genommen hat. Zunächst ist es das Mineralreich, welches in ergiebigster Weise die mannigfaltigsten Schätze darbietet. Goldgruben giebt es bei Eule, die aber seit mehrern Jahren nicht mehr ausgebeutet werden. Die Produktion von Golderzen betrug (1891) 283 Doppelcentner, von Gold 1,96 kg (im Werte von 351 Fl.), von Silber 35 314 kg (im Werte von 3 146 481 Fl.), besonders in den Werken von Joachimsthal und Přibram; Kuttenberg östlich von Prag wurde im Mittelalter ausgebeutet und neuerdings wieder in Angriff genommen. Der Eisenbergbau ist zu einer bedeutenden Entwicklung gelangt (1891: 3 133 204 Doppelcentner Eisenerze); die sich jährlich mehrenden Hochöfen erzeugten (1891) 1097 009 Doppclcentner Frisch- und 175 733 Doppelcentner Gußroheisen, zusammen im Werte von 5,15 Mill. Fl. B. ist unter allen österr. Kronländern das einzige, welches Zinn produziert, und zwar im Erzgebirge (1891) 7205 Doppelcentner Zinnerze und daraus 562 Doppelcentner Zinn; der Bergbau lieferte 15 610 Doppelcentner Blei und 22 676 Doppelcentner Glätte, etwas Kupfer, Nickel und Kobalt, Antimon (1541 Doppelcentner), Wismut, Arsenik, Uran- und Wolframerz (567 Doppelcentner),Braunstein, Schwefel (456 Doppelcentner), 122 679 Doppelcentner Schwefelsäure, 8384 Doppelcentner Mineralfarben und 11 843 Doppelcentner Eisenvitriol, Graphit (126 830 Doppelcentner), Alaun, Porzellanerde, vorzügliche Bau- und Nutzsteine sowie mehrere Arten Edel- und Halbedelsteine (insbesondere die berühmten böhm. Granaten), deren Aufsuchen und Bearbeitung jedoch bei weitem nicht mehr die Ausdehnung hat wie ehedem. Den größten Anteil am Bergbau des Landes, der Menge wie dem Wert nach, hat die Kohlenproduktion. Im mittlern B. (Pilsen, Nürschan, Kladno) werden Steinkohlen gewonnen, im nördl. Teile des Landes (Dux, Brüx, Ossegg, Falkenau) befinden sich Braunkohlengebiete, die zu den reichsten in Europa gehören. B. produzierte (1891) 37 911 924 Doppelcentner Steinkohlen und 129 563 004 Doppelcentner Braunkohlen im Werte von 12,52, bez. 20,84 Mill. Fl. Torflager werden nur vereinzelt, namentlich im Oberlaufe der Moldau ausgebeutet. Der Wert der Produktion des Bergbaues in B. betrug (1891) 37 953 588 Fl., der des Hüttenbetriebes 9651326 Fl. Kochsalz fehlt ganz; dagegen haben die Mineralquellen (s. Böhmische Bäder) dem Lande einen Weltruf verschafft.

Tierreich. Unter den Tieren sind die wilden mit zunehmender Landeskultur immer mehr den Haustieren gewichen oder doch wenigstens die Gegenstände geregelten Jagdbetriebes geworden. Bär und Wolf sucht man jetzt vergebens, wohl aber trifft man noch, wenn auch selten, die wilde Katze an; in den Gebirgswaldungen ist der Dachs verbreitet. Schwarz- und Rotwild giebt es in großer Menge, zumeist in eingezäunten Waldstrecken; Hasen sind so häufig, daß jährlich beinahe ½ Mill. Felle ausgeführt werden; die Zucht der böhm. Fasane ist weithin berühmt. Die Viehzucht ist im allgemeinen in starkem, wenn auch in den einzelnen Gegenden und in ihren verschiedenen Zweigen ungleichem Betriebe und in neuern Zeiten ein Gegenstand höherer Sorgfalt geworden. Die Pferdezucht hat sich besonders aus Veranlassung militär. Rücksichten unter Maria Theresia und Joseph II. gehoben. Außer vielen Privatgestüten giebt es ein kaiserl. Hofgestüt zu Kladrub. Der Pferdebestand des Landes betrug (1890) 215 729 Stück; der beste Schlag findet sich in den südl. und östl. Landesteilen. An Rindvieh zählte man 2 022 305 Stück. Die Schafzucht stand ehedem, vorzüglich durch die Fürsorge der Kaiserin Maria Theresia, in Blüte, ist aber neuestens stark zurückgegangen. Die Anzahl