Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

272

Bonaparte (Familie)

wählen (1771), worunter sich die Familie B. befand. Durch den Einfluß des franz. Gouverneurs Marboeuf wurde Carlo B. 1773 zum königl. Rat und Assessor der Stadt und Provinz Ajaccio ernannt. 1777 ward er Mitglied der cors. Adelsdeputation, die an den franz. Hof ging. B. nahm seine zwei ältesten Söhne, Joseph und Napoleon, für die er Freiplätze im Seminar zu Autun und in der Militärschule zu Brienne zugestanden erhalten hatte, mit nach Frankreich. Ein Erbschaftsprozeß führte ihn 1784 nochmals dahin. Jetzt nahm er seine Kinder, Lucian und Elisa, mit; die letztere hatte eine Freistelle im Erziehungsinstitut St. Cyr erhalten. Carlo B. starb 24. Febr. 1785 in Montpellier. Aus seiner Ehe mit Lätitia hinterließ er 8 Kinder (s. oben die Übersicht), die man mit ihren Nachkommen in Rücksicht auf Napoleon I. im allgemeinen als Napoleoniden zu bezeichnen pflegt. Successionsrechte auf den franz. Thron erhielten durch die Volksabstimmung und den Senatsbeschluß vom 6. Nov. 1804, außer Napoleon, nur dessen Brüder Joseph und Ludwig mit ihren Nachkommen, während Lucian und Hieronymus ausgeschlossen wurden, weil sie sich gegen den Willen des Kaisers verheiratet hatten. Indes wurde Hieronymus, der sich auf Befehl des Kaisers von seiner Gattin trennte, durch ein Senatskonsult vom 24. Sept. 1806 als franz. Prinz und etwaiger Thronerbe anerkannt. Bei der Proklamation der Zusatzakte vom 22. April 1815 soll zwar Napoleon I. die Absicht gehabt haben, auch seinem Bruder Lucian das Successionsrecht in aller Form zu verleihen, doch wurde dieser Akt nicht vollzogen. Die Nachkommen Ludwig B.s behielten demnach, da der älteste Bruder Napoleons I., Joseph, keine Söhne hatte, ihr Vorrecht, und auch durch das Dekret vom 24. Dez. 1852 wurde die eventuelle Thronfolge nur der Linie des Hieronymus, nicht der des Lucian zugesprochen.

Die Gattin Carlo B.s, Maria Lätitia Ramolino, aus einem Patriciergeschlecht von Ajaccio, geb. 24. Aug. 1750, zeichnete sich durch seltene Schönheit wie durch Verstand und Willenskraft aus. Als 1793 Corsica durch die Paoli unter brit. Botmäßigkeit geriet, während die Familie B. die Partei des revolutionären Frankreich ergriffen hatte, flüchtete sie mit ihren Kindern nach Marseille, wo sie in großer Dürftigkeit von der Pension lebte, die der Konvent den cors. Flüchtlingen gewährte. Erst nachdem Napoleon seine Feldzüge begonnen hatte, kam sie in bessere Verhältnisse. Nach dem 18. Brumaire (1799) zog sie nach Paris; 1804, mit Napoleons Thronbesteigung, erhielt sie den Titel "Madame Mère" und einen glänzenden Hofstaat. Bescheiden, ihres frühern Mißgeschicks eingedenk, sparte sie für künftige schlimmere Tage. Sie blieb durchaus Corsin und sprach auch französisch schlecht und mit cors. Accent. Der Kaiserin Marie Luise war sie abgeneigt. Nach dem Sturze Napoleons lebte sie mit ihrem Stiefbruder, dem Kardinal Fesch (s. d.), im Winter zu Rom, im Sommer zu Albano. Sie starb 2. Febr. 1836. - Vgl. Arndt, Letitia B., geb. Ramolino (Mütter berühmter Männer, Hft. 10, Lpz. 1875); Larrey, Madame mère (2 Bde., Par. 1892).

Kinder von Carlo und Maria Lätitia B.:

1) Joseph B., geb. 7. Jan. 1768 zu Corte auf Corsica, erhielt seine Bildung im Seminar zu Autun. Den Plan, in die Armee zu treten, gab er 1785 beim Tode seines Vaters auf, studierte in Pisa und ließ sich 1788 in Ajaccio als Advokat nieder. Er schloß sich, wie seine Brüder, an Paoli (s. d.) an, mußte aber 1793 nach dem Bruch mit diesem Corsica verlassen und mit den Seinen in der Provence eine Zuflucht suchen. Nach der erfolgreichen Belagerung von Toulon, die seinem Bruder Napoleon zur Geltung verhalf, zum Kriegskommissar in Marseille ernannt, heiratete B. 1. Aug. 1794 eine Kaufmannstochter, Julie Clary (s. unten), und lebte zumeist in Genua. 1796 begleitete er Napoleon im ital. Feldzuge, der ihm den Auftrag verschaffte, die Verwaltung Corsicas nach Abzug der Engländer zu reorganisieren. Im März 1797 wurde er Gesandter beim Herzog von Parma, Anfang Mai in Rom, das er nach des Generals Duphot Ermordung Ende Dezember verließ. Von einem cors. Departement in den Rat der Fünfhundert gewählt, bewahrte er eine gemessene Haltung, trat auch aus, kurz bevor sein Bruder (Okt. 1799) aus Ägypten zurückkehrte, half aber heimlich sehr wesentlich mit, durch Verbindung mit Sieyès u. a. eine Änderung der Verfassung herbeizuführen. Nach dem 18. Brumaire ernannte ihn sein Bruder zum Staatsrat und Tribun. Er ward 1800 Bevollmächtigter für den Abschluß eines Freundschafts- und Handelsvertrags mit den Vereinigten Staaten von Amerika, sodann bevollmächtigter Minister beim Friedenskongreß zu Lunéville. Als solcher unterzeichnete er den Frieden 9. Febr. 1801, und 1802 den mit England zu Amiens. Zugleich leitete er nebst Cretet und Bernier die Unterhandlungen mit Kardinal Consalvi, Erzbischof Spina und Pater Caselli über das Konkordat vom 15. Juli 1801. Als Napoleon Kaiser geworden war, ward Joseph zum Inhaber der Senatorie Brüssel, zum Großoffizier der Ehrenlegion, endlich zum franz. Prinzen und Großwahlherrn von Frankreich erhoben.Die Krone des "Königreichs Italien", die ihm Napoleon antrug, schlug er aus, da er sein Anrecht auf den franz. Thron nicht opfern wollte. Während der Kaiser 1805 in Deutschland kämpfte, war Joseph sein Stellvertreter in Frankreich. Nach 3 Monaten erhielt er den Oberbefehl über die Armee von Neapel, dessen Beherrscher er wurde, nachdem die Bourbonische Dynastie 27. Dez. 1805 entthront war. Joseph zog 15. Febr. 1806 in Neapel ein und wurde durch das kaiserl. Dekret, das die Verfassung des Reichs bestimmte, 30. März zum König ernannt. Seine an sich vortrefflichen Reformen in Verwaltung, Justiz, Agrar- und Steuerwesen, Kirche und Schule fanden bei der Masse der noch in mittelalterlichen Zuständen verharrenden Bevölkerung kein Verständnis. Es brachen fortwährend Aufstände aus, und alles war im Schwanken, als Joseph durch Napoleons Machtwort, 10. Mai 1808, den Thron Spaniens erhielt. Vor seiner Abreise von Neapel, 23. Mai, machte er, noch ehe Murat an seine Stelle trat, die eiligst entworfene Konstitution des Reichs bekannt. Am 7. Juni kam Joseph nach Bayonne, am 20. Juli zog er, während die Revolution in allen Provinzen aufflammte, in Madrid ein, am 31. Juli mußte er wieder bis hinter den Ebro zurückweichen. Napoleon gewann dann im Winterfeldzuge von 1808 Madrid und seinem Bruder den Thron wieder. Doch genoß Joseph als Monarch sehr wenig Ansehen. Die Generale, die von Napoleon unmittelbar ihre Befehle erhielten, waren die Herren, er selbst ein Schattenkönig, von jenen mit Geringschätzung, von Napoleon mit Zorn und Drohbriefen überhäuft, da der Kaiser 1810 daran dachte, seine unmittelbare Herrschaft auch über Spanien