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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Borgia (Stefano)

loniere (s. d.) der Kirche. Darauf setzte er sich in Besitz von Sermoneta, welches Alexander VI. Febr. 1500 an Stelle der verjagten Gaetani seiner Tochter Lucrezia B. verliehen, deren zweiten ihm unbequemen Gatten, Alfonso von Biseglia, Bastardsohn Alfons II. von Neapel, Cesare im Aug. 1500 ermordet hatte. Durch Verkauf von Kardinalshüten mit neuen Mitteln versehen, ging Cesare hierauf an die weitere Eroberung der Romagna; Okt. 1500 bis April 1501 nahm er Pesaro, Rimini und Faenza, dessen Herrn Astorre Manfredi er ermorden ließ, und wurde nun von Alexander VI. zum Herzog der Romagna erhoben. Von Frankreich an der Wegnahme Bolognas verhindert, wandte er sich, nachdem ein Versuch auf Florenz fehlgeschlagen, mit Erfolg gegen Piombino, Elba und Pianosa. Aus Rom 13. Juni 1502 wieder nach der Romagna abgezogen, bemächtigte sich Cesare durch Verrat Urbinos und Camerinos, machte hierauf einen erneuten Anschlag auf Florenz, dem jedoch Ludwig XII. entgegentrat. Auf des letztern Anwesenheit in Oberitalien stützte sich auch der Aufruhr, den Cesares Condottieri Okt. 1502 gegen diesen anstifteten. Sie schlossen Cesare in Imola ein, doch gelang es ihm sie bei ihrer Uneinigkeit einzeln zu gewinnen und dann zu vernichten (Dez. 1502). Während zugleich Alexander VI. die Orsini niederschlug und durch Hinrichtungen und Verkauf von Kardinalshüten Mittel schaffte, unterwarf Cesare den Rest von Umbrien und Siena, um dann den Blick auf Neapel zu richten, aus welchem der Papst die Franzosen durch die Spanier hatte wegjagen lassen. Indessen gleichzeitig mit seinem Vater Aug. 1503 erkrankt, wie vielfach angenommen wurde an Gift, das sie für andere bestimmt hatten, war Cesare bei dem 18. Aug. erfolgten Tode des Papstes nicht Herr der Lage. Zwar gelang es ihm, eine Verständigung der Colonna und Orsini zu verhindern und Frankreich für sich zu gewinnen; aber nach dem kurzen Pontifikat Pius' III. (s. d.) erfolgte dennoch die Aussöhnung dieser Familien. Er selbst ließ sich von seinem erbitterten Feinde Giuliano della Rovere täuschen und dazu gewinnen, dessen Erhebung zum Papst (s. Julius II.) zu fördern. Sobald letzterer (Okt. 1503) den päpstl. Stuhl bestiegen hatte, zwang er Cesare an seine Hauptleute in den romagnolischen Citadellen den Befehl zu deren Auslieferung zu senden. Von aller Macht entblößt, wandte er sich nun an Gonsalvo de Córdova, um in die Dienste Spaniens zu treten; dieser jedoch sandte ihn 27. Mai 1504 gefangen nach Spanien, wo er 2 Jahre im Kerker zu Medina del Campo verbrachte. Dez. 1506 entfloh er zu seinem Schwager, dem König von Navarra, zog mit diesem nach Castilien und fiel 12. März 1507 bei der Belagerung des Schlosses von Viana. Indem Cesare B. in Italien die Feudalherrschaften und zahllosen kleinen Stadtherrschaften vernichtete, bereitete er nur den Boden für Julius' II. Werk, die Neuaufrichtung des Kirchenstaates, und verschaffte der Fremdherrschaft Eingang. Das Urteil der Nachwelt über ihn hat Machiavelli, welcher als Gesandter vielfach um ihn war, sehr beeinflußt durch die Schilderung, die er von ihm im "Principe" giebt; er feiert ihn als denjenigen, der auf Italiens Einigung ausging, was ihn wohl bestimmte, über seine furchtbaren Thaten hinwegzusehen. - Vgl. Leben des Cesare B., Herzogs von Valentinois (Berl. 1782); F. Alvisi, Cesare B. duca di Romagna (Imola 1878); Ch. Yriarte, Cesare B., sa vie, captivité, sa mort d'apés de nouveaux documents (2 Bde., Par. 1889); eine blinde Verteidigung der B. bietet Ollivier, Le pape Alexandre VI et les B. (1. Tl., ebd. 1870).

Lucrezia B., geb. 18. April 1480, war von ausgezeichneter Schönheit und hoher geistiger Begabung. Nach dem Willen ihres Vaters verlobte sie sich zuerst mit Gasparo da Procida, heiratete dann Juni 1493 den Grafen Gian Francesco von Pesaro, einen Bastardabkömmling von Francesco Sforza. Diese Ehe, welche kinderlos blieb, löste Alexander VI. wieder Sept. 1497 und verheiratete Lucrezia Juli 1498 an Alfonso von Biseglia, den natürlichen Sohn Alfons II. von Neapel; 1499 machte sie Alexander VI. zur Regentin von Spoleto und Febr. 1500 zur Herrin von Sermoneta. Nachdem Cesare ihren zweiten Mann, den sie wirklich liebte, ermordet und ihr Sermoneta entrissen hatte, ward sie von Alexander VI. mehrmals mit der päpstl. Regierung betraut. Dann 28. Dez. 1501 mit Alfonso von Este, nachmaligem Herzog von Ferrara, vermählt, hat sie als dessen Gattin einen trefflichen Ruf hinterlassen. Im Kreise von Dichtern und Gelehrten zu Ferrara lebend, starb sie als Mutter mehrerer Kinder 24. Juni 1519.

Von zeitgenössischen Dichtern, wie Ariosto, Bembo u. a., in Gedichten gepriesen, wurden ihr von ihren Feinden Ausschweifungen schuld gegeben, die sie während ihres Aufenthalts in Rom begangen haben soll, namentlich ein blutschänderischer Umgang mit ihrem Vater und ihrem Bruder Cesare. Ihre Geschichte nach der gewöhnlichen Überlieferung ward von Victor Hugo (1833) zu einem Trauerspiel, von Donizetti (1834) zu einer Oper benutzt. Eine Ehrenrettung Lucrezias hat zuerst W. Roscoe, der Geschichtschreiber Lorenzos de Medici und Leos X., versucht. Ihm folgte darin Gregorovius ("Lucrezia B. Nach Urkunden und Korrespondenzen ihrer eigenen Zeit", 1.-3. Aufl., 2 Bde., Stuttg. 1874-75); doch geht er zu weit, wenn er nicht nur die Böswilligkeit der gegen Lucrezia erhobenen Beschuldigungen, sondern auch die Gewißheit ihrer Unschuld behauptet. - Vgl. ferner Campori, Una vittima della storia, Lucrezia B. (in der "Nuova Antologia", 1866); Antonelli, Lucrezia B. in Ferrara (Ferrara 1867); Zucchetti, Lucrezia B., duchessa di Ferrara (Mail. 1869); Gilbert, Lucrezia B., duchess of Ferrara (2 Bde., Lond. 1869; deutsch, Lpz. 1870); Cerri, B. ossia Alessandro VI ed i suoi contemporanei (2. Aufl., 2 Bde., Tur. 1873-74).

Borgia (spr. bordscha), Stefano, aus dem berühmten Geschlechte B., geb. 3. Dez. 1731 zu Velletri, erhielt die erste Erziehuug bei seinem Oheim Alessandro B., Erzbischof von Fermo, der 1764 starb, und legte seit Mitte des Jahrhunderts in seiner Vaterstadt ein Museum von Altertümern an, das nach und nach eine der reichsten Privatsammlungen wurde. Seit 1759 päpstl. Gouverneur von Benevent, bewahrte er durch weise Maßregeln 1764 Stadt und Gebiet vor der im Lande herrschenden Hungersnot. Dann war er 1780-88 Sekretär der Propaganda, wobei er seine Sammlung erweiterte. Durch Pius VI. ward er 1789 zum Kardinal und zum Oberaufseher der Findelhäuser ernannt. Als der Revolutionsgeist sich 1797 im Kirchenstaat zu zeigen begann, legte Pius VI. die Diktatur von Rom in die Hände B.s, dem er zwei Kardinäle beigesellte. Nach Einzug der Franzosen und Proklamierung der Republik Landes verwiesen, ging er nach Venedig, hierauf nach Padua.