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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brasilianische Litteratur

Epos über Mariä Himmelfahrt: "A assumpção"), die zugleich als Kanzelredner glänzten. Unter ihren Nachfolgern ist José Eloy Ottoni (1764-1851) hervorzuheben. Neben dem religiösen begann sich fast gleichzeitig das nationale Element geltend zu machen, in patriotischen und eigentlich polit. Gedichten. Viele Dichter waren Staatsmänner, und alle polit. Parteiansichten suchten in der Poesie Ausdruck. So der Minister José Bonifacio de Andrada e Silva (s. d.), der, besonders durch patriotisch-polit. Poesien ausgezeichnet, in etwas sentimentalen Liebesliedern in den Fußstapfen des Filinto Elysio geht, und dessen Zeitgenosse, der Marineminister Francisco Vilella Barboza, Marquis von Paranaguá (1769-1846), dessen "Cantata á primavera" und einfach schöne Elegie auf den Tod seines Freundes Dom Pedro I. zu den Perlen der B. L. gehören. Der Justizminister Manoel Alves Branco (1797-1855), weniger bedeutend als Dichter, ist bekannt als Verfasser einer schwärmerischen Freiheitsode (á liberdade). Hervorragendes leistete der Diplomat und Senator Domingos Borges de Barros (1783-1855), der von Liebe und Schönheit sang. Sonst sind unter den Dichtern dieser Zeit der Kanonikus Januario da Cunha Barboza (1780-1846) wegen seiner beschreibenden Schilderung der reizenden Insel Nictheroy, Gualberto Ferreira wegen seiner "Georgicas brasileiras" und der Diplomat Alvaro Teixeira de Macedo (1807-49) besonders wegen des komisch-satir. Epos "A festa de Baldo" hervorzuheben. Während Francisco do Monte Alverne (1784-1858) alle Vorgänger in der Kanzelberedsamkeit übertraf ("Obras oratorias", Rio 1852), bekundeten sich Marianno José Pereira da Fonseca, Marquis von Maricá (1773-1848), in epigrammatischen Maximen ("Collecção completa das maximas, pensamentos e reflexões", Rio 1850) und der auch als Sprachgelehrter und Lexikograph verdiente Antonio de Moráes e Silva (1756-1820) durch geschmackvolle Übersetzungen als vorzügliche Prosaisten. Zahlreiche andere, weniger bekannte und weniger bedeutende Schriftsteller traten diesen zur Seite.

Mit der festern Gestaltung Brasiliens als unabhängiges Kaiserreich unter Dom Pedro II. nahm die B. L. einen immer selbständigern Aufschwung. Während die Dichter aus der Zeit Dom Pedros I. sich in der Form nicht von den Portugiesen zu entfernen wagten, zeigt sich bei einigen jüngern Dichtern, Vorläufern der Romantik, die unmittelbar aus franz. Quellen schöpften, so bei Francisco Bernardino Ribeiro (1814-37), Antonio Augusto de Queiroga (1811-55) und seinem Bruder João Salomé (1810-82), bei Maciel Monteiro (1804-68), Araujo Vianna (1793-1875) u. a. schon bewußtes Streben, sich von dieser Fessel loszumachen. Vollständig gelang dieses erst Domingos José Gonçalves de Magalhães, Visconde de Araguaya (1811-82), der mit seinen "Suspiros poeticos e Saudades" (1836) das erste größere Werk der neuen Brasilianischen Dichterschule lieferte, die, herangebildet unter den Einflüssen einesteils des erwachten Nativismus, andernteils des Romanticismus (den Magalhães gründlich in Frankreich kennen gelernt hatte), als wahrhaft nationale betrachtet werden kann, wenn man auch die mit ihnen beginnende Epoche, genau wie die entsprechende in allen europ. Litteraturen, die (dritte) Periode der Romantik nennen muß (1830-70). Die "Suspiros" wie die bald folgenden "Mysterios" enthalten manches Schöne. Als sein Meisterwerk gilt das Gedicht "Napoleão em Waterloo". In demselben romantischen Geiste trat Magalhäes bahnbrechend auch als Dramatiker und Epiker auf. Er war der erste Brasilianer, der durch Originalwerke, wie die Tragödien "Antonio José" und "Olgiato", eine Bühnenwirkung, erzielte, während er als Epiker, besonders in "Die Verbündeten von Tamoyos", den Nativismus zum vollen Ausdruck brachte und, nun durch keine Rücksicht auf die Portugiesen gehemmt, die freien Eingeborenen feierte. Unter den Mitkämpfern und Nachfolgern von Magalhães sind hervorzuheben Manoeli de Araujo Porto-Alegre (s. d.), der im beschreibenden Gedichte ("As Brasilianas" und "Colombo") das Vorzüglichste leistete, Antonio Gonçalves Dias (s. d.), der bedeutendste unter den neuern brasil. Lyrikern, der auch als Epiker Beachtung verdient, und Joaquim Manoel de Macedo (s. d.), der mit Erfolg als Tragödiendichter auftrat, als Romanschriftsteller aber bahnbrechend ward. Manoel Odorico Mendes (1799-1864) galt, was Klassicität der Sprache und Eleganz des Versbaues betrifft, zwar lange als Meister aller brasil. Dichter, doch hat man selbst in seinem Vaterlande bald das Unnatürliche, Pedantische seiner latinisierenden und gräcisierenden Wortzusammensetzungen erkannt und zum Glück nicht nachgeahmt, was in einem brasil. Homer ("Iliada", "Odysse") und Virgil ("Eneida", "Georgicas") noch allenfalls, in Originalwerken aber nicht erträglich war. Andere geschätzte Dichter der neuesten Zeit sind, außer dem jung verstorbenen, reich begabten Manoel Antonio Alvares de Azevedo (1831-52) und Luis José Junqueira Freire (1832-55), der vielseitige Joaquim Norberto de Souza e Silva (geb. 1820), der fruchtbare Antonio Gonçalves Teixeira e Souza (1812-61), dessen "Canticos lyricos" nicht weniger volkstümlich sind als seine zahlreichen und sehr beliebten, mit hyperromantischem Stoffe überfüllten Romane ("O filho do pescador" und "A providencia"); ferner der durch Fabeln bekannte Joaquim José Teixeira, der Lustspieldichter Luis Carlos Martins Penna, Laurindo José da Silva Rebello, Pedro de Calasans (1836-74), Casimiro de Abreu (1837-54), dessen "Primaveras" große Hoffnungen erweckten, Bernardo José da Silva Guimarães (1827-85), der als Lyriker, mehr aber noch durch Sittengemälde und Romane Ruhm gewann ("O Garimpeiro", "Isaura" u. s. w.). In der Periode des Konstitutionalismus entwickelte sich neben der geistlichen die politische Beredsamkeit, und bei ihrer großen Begabung dafür konnten die Brasilier sich bald so ausgezeichneter Parlamentsredner rühmen wie der Brüder Antonio Carlos und Martim Francisco Andrada, des José Bonifacio de Andrada e Silva (1826-64), des Lino Coutinho, des Vicomte von Jequitinhonha u. a. Als Geschichtschreiber haben nächst Norberto da Silva besonders João Manoel Pereira da Silva ("Varões illustres dos tempos coloniaes" und "Historia da fundação do Imperio Brazileiro"), Adolpho de Varnhagen ("Historia geral do Brasil") und João Francisco Lisboa einen geachteten Namen erworben.

Um 1870 vollzog sich in Brasilien ein Umschwung vom Romantischen zum Realistischen, der allem Anscheine nach der vierten Periode der B. L. (die neuerdings auch durch den Übergang zur Republik [1889] beeinflußt wird) Charakter und Namen geben wird. Verfechter der neuen naturalistischen, wissenschaftlichen und kritischen Richtung ist ganz be-^[folgende Seite]