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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Braunschweig (Herzogtum; Geschichte)
linie Braunschweig-Vevern, aus der sich der
Herzog August Wilhelm von Vraunschweig-Vevern
(s. Vevern) im Siebenjährigen Kriege hervorthat.
Die Wolfenbütteler Linie sehte Rudolf August fort,
der als Jüngling durch Reisen und wissenschaft-
liche Studien sich eine umfassende Bildung er-
worben hatte. Er trat die auf seinen Vater ver-
erbten dannenbergischen Amter an die Lüneburger
Linie ab, die dagegen auf ihre Ansprüche auf die
Stadt V. (s. d.) verzichtete, deren Landsässigkeit erst
jetzt (1671), nach einem Kampfe von mehrern hun-
dert Jahren, entschieden ward. Rudolf August starb
1704, nachdem er bereits seit 1685 seinen Bruder
Anton Ulrich zum Mitregenten angenommen hatte.
Dieser ließ die Grafschaft Blankenburg zum Fürsten-
tum erheben, trat 1710 zur kath. Kirche über und
regierte bis 1714. Von seinen beiden Söhnen August
Wilhelm und Ludwig Rudolf erhielt der letztere
Blankcnburg, der erstere aber folgte dem Vater in
der Regierung des Herzogtums B. Da August
Wilhelm 1731 kinderlos, und sein Bruder Lud-
wig Rudolf ohne Söhne zu hinterlassen 1735 starb,
so gelangte die Linie Vraunschweig - Bevern zur
Regierung in B. in der Person Ferdinand Albrechts,
des Sohnes des gleichnamigen Stifters dieser Linie.
Ferdinand Albrecht starb indes noch in demselben
Jahre, und ihm folgte sein ältester Sohn Karl, der
erst 22 Jahre zählte. Seine Prachtliebe, die außer-
ordentliche Vermehrung des Militärs sowie manche
Projekte zu großartigen und wohlthätigen Zwecken
(Stiftung des Kollegium Karolinum u. s. w.) er-
schöpften die ganze Kraft des Landes. Der Staat
wurde unter ihm mit einer Schuld von 11 bis 12 Mill.
Thlrn. belastet, und es wäre ein reichsgerichtlicher
Lehnskonkurs unvermeidlich gewesen, wenn nicht seit
1773 der Erbprinz in die Regierung eingegriffen
und neue Ordnung in den Finanzen zu schassen ge-
wußt hätte. Als 1780 Karl starb und ihm der Erb-
prinz Karl Wilhelm Ferdinand (s. d.) folgte, war ein
Teil der Staatsschulden bereits wieder getilgt. Als
Oderbefehlshaber des preuß. Heers in der Schlacht
bei Auerstädt tödlich verwundet, starb er 1806 zu
Ottensen bei Mona, wohin er geflüchtet war, wenige
Tage nachdem Napoleon I. das Haus V. der Negie-
rung für verlustig erklärt hatte. Infolge des Tilsiter
Friedens wurde das Herzogtum B. ein wesentlicher
Teil des neugeschaffenen Königreichs Westfalen, und
erst die Schlacht bei Leipzig hatte die Wiederein-
Oheim, dem Herzog von Vraunschweig-Als, das
schles. Fürstentum Öls (s.d.) ererbt hatte. Die Rück-
kehr Napoleons rief den Feldherrn 1815 von neuem
ws Feld, wo er bei Quatre-Vras 16. Juni 1815
den Heldentod starb. Da seine Söhne Karl und Wil-
helm noch minderjährig waren, so erhielt 7. Juli
1815 der Prinz-Regent von Großbritannien (nach-
mals König Georg IV.) die vormundschaftliche Re-
gierung für den ältesten Sohn Karl.
Hierauf leitete der Graf von Münster (s. d.) von
London aus die öffentlichen Angelegenheiten B.s.
Im ganzen wurde Ordnung in der Staatsverwaltung
hergestellt, namentlich das Schuldenwesen geregelt.
Auf das Drängen der Ritterschaft wurde nach eini-
gen Jahren die landständische Verfassung wieder-
hergestellt, und 1820 kam, im Einverständnis mit
den zusammenberufenen Ständen, die revidierte
Landschaftsordnung zu stände, ein Werk, das weit
hinter den Forderungen der Zeit zurückblieb. Am
30. Okt. 1823 trat der unterdessen mündig gewor-
dene Herzog Karl (s. d.) die Regierung an. Nach-
dem wiederholte Anträge an den eigenmächtig schal-
tenden Fürsten auf Anerkennung der Verfassung
von 1820 fruchtlos geblieben waren, traten 1829
die Landstände kraft des ihnen zustehenden Konvo-
tationsrechts zusammen, um die Hilfe des Bundes
für dieselbe in Anspruch zu nehmen. Die Verhand-
lungen darüber zogen sich jedoch in die Länge, bis
7. Sept. 1830 der schon lange in den Gemütern
herrschende Unwille in offenen Aufruhr ausbrach,
das Residenzfchloß des Herzogs in B. erstürmt und
in Brand gesteckt wurde und der Herzog entfloh.
Schon 10. Sept. langte der Bruder des vertrie-
benen Fürsten, der damals in Berlin sich aufhal-
tende Herzog Wilhelm (s. d.) in B. an und übernahm
anfangs provisorisch, später selbständig die Regie-
rung. Die Ruye wurde bald wiederhergestellt; auch
sprach der Bundestag nun die Rechtsgültigkeit der
Verfassung von 1820 aus. DieAgnaleneMärten den
Herzog Karl der Regierung für unfähig und ver-
lustig , worauf 25. April 1831 die Huldigung des
Herzogs Wilhelm erfolgte, nachdem derselbe die
Verfassung anerkannt hatte. Noch 1831 wurde
cin neues Landesgrundgesetz entworfen und den
Ständen vorgelegt. Ein neuer Verfassungsentwurf
wurde im wesentlichen im Okt. 1832 von den Ständen
angenommenundalsLandesgrundgesetz nebst denda-
mit zusammenhängenden Umänderungen im Staats-
organismus veröffentlicht. Die erste reformierte
Landesversammlung trat 30. Juni 1833 zusammen
und blieb nach mehrmaligen Vertagungen bis zum
Mai 1835 in Wirksamkeit. Unter vielen neuen Ge-
setzen, die die ständische Zustimmung erhielten, zeich-
neten sich die Ablösungsordnung und die Städteord-
nung aus, und ihren Einwirkungen verdankte das
Land zunächst die Entwicklung der polit. Freiheit.
Der zweite Landtag (1836/37) genehmigte das
Gesetz über die Aufhebung (Modifikation) der Feu-
dalrechte und eine Summe zum Bau einer Eisen-
bahn von V. nach Harzburg. Eine kurze außer-
ordentliche Versammlung der Stände Ende 1837
hatte den Anschluß einiger Gebietsteile des Herzog-
tums (Vlankenburg, Walkenried und Kalvörde) an
den Preußisch-Deutschen Zollverein zum Gegen-
stande. Das wichtigste Werk des dritten ordentlichen
Landtags (1839-42) war das neue Kriminalgesetz-
buch, dessen Gültigkeit mit dem 1. Okt. 1840 begann.
Von besonderm Belang waren die Verhandlungen
über die Zoll- und Steuerverhältnisse des Landes,
die durch den mit Schluß des 1.1841 bevorstehenden
Ablauf der Verträge nötig wurden. Nachdem Diffe-
renzen zwischen B. und Hannover den Abbruch der
Unterhandlungen zur Folge gehabt hatten, wandte
die braunschw. Regierung sich an den Preußisch-Deut-
schen Zollverein und erreichte 19. Okt. 1841 die Auf-
nahme des Landes in denselben. Doch blieb der
südwestl. Teil des Landes noch auf ein Jahr mit
Hannover vereint, welches bis zu dessen Ablauf feinen
Veitritt zu dem Zollverein in Aussicht stellte. Der
vierte ordentliche Landtag wurde im Nov. 1842 er-
öffnet. Nachdem das Provisorium hinsichtlich der
Steuerverbindung der südwestl. Landesteile mit Han-
nover nochmals auf ein Jahr verlängert war, wurden
dieselben (mit Ausnahme der hannov. LnNaven)
1. Jan. 1844 in den Zollverein aufgenommen. Die
einzige Aufgabe des im Nov. 1845 eröffneten fünften
ordentlichen Landtags sollte die Feststellung des