Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

513
Breslau (Stadt)
255 601 M. Vermögen), Handlungsdienerinstitut
(1108 Mitglieder).
Verkehrswesen. V. hat 4 Bahnhöfe und liegt
an den Linien B.-Grenze-Halbstadt (100.39 km), B.-
Glogau-Cüstrin-Stettin (352,4 km, die im Frei-
burger Bahnhof münden), V.-Liegnitz-Sagan-Berlin
(329,2 km). bez. B.-Liegnitz-Kohlfurt-Berlin (359,9
km, Märkischer und Oberschlesischer Centralbahn-
Hof), B.-Posen-Stargard (336,8 km), V.-Mittel-
walde-Grenze (129,90 km), B.-Ströbel (40,2km)
und B.-(5osel-Oderberg, bez. Oswiecim (277,4 km,
Oberschlcsischcr Centralbahnhof), V.-Oels-Sosno-
wice (214,4km) und V.-Hundsfeld-Trebnitz (26,5km,
Märkischer und Oderthor-Bahnhof) der Preuß.
StaatZbahnen; ferner besteht eine Güterbahn (1km)
von B.-Oderthor nach Oderhafen und eine solche nach
der Verladestelle bei Pöpelwitz an der Oder, sowie
eine Verbindungsbahn zwischen den einzelnen Bahn-
höfen. Eine neue viergleisige Verbindungsbahn zur
Umleitung durchgehender Güterzüge auf der Süd-
seite der Stadt befindet sich im Bau. Demnächst soll
auch die Verbindungsbahn für den Personenverkehr
umgebaut und das Empfangsgebäude des Ober-
schlesischen Centralbahnhofs erweitert werden. Die
Pferdebahn (seit 1877) hatte 1891 27,306 km Be-
triebslänge, 86 Wagen, 337 Pferde und beförderte
8202343 Personen; das Aktienkapital betrug 2 Mill.
M., Einnahme 908841M., Dividende 7 Proz. Die
elektrische Straßenbahn (Gesamtbetrieb eröff-
net 1.Juli 1893) hat 17,66km Betriebslänge, 40 Mo-
tor- und 20 Anhängewagen und befährt die Linien
Scheitnig-Sonnenplatz-Gräbfchen und ^cheitnig-
Sonnenplatz-Morgenau. Kapital: 3150000 M.
Post und Telegraph. B. hatte Ende 1891
30 Post-, 16 Telegrapbenaustalten (einschließlich
Pöpelwitz und den 3 Bahnpostämtern) und 270
Briefkästen; die Zahl der eingegangenen Briefe,
Postkarten, Drucksachen und Warenproben betrug
26472498, Pakete ohne Wertangabe 1597 785,
Briefe und Pakete mit Wertangabe 226162, Post-
nachnahmesendungen und Aufträge 129548; auf
Postanweisungen wurden ausgezahlt 120,245 Mill.
M., eingezablt 49 Mill. M.; die Zahl der aufge-
gebenen Briefe, Postkarten u.s.w. 38110 930, der
Briefe und Pakete mit Wertangabe 47 772. Der
Telegrammverkehr umfaßte 829 831 Stück (im Ein-
gang 43 342, im Ausgang 396 411). Die Fern-
sprecheinrichtung (seit 1. Sept. 1881) hat ein Lei-
tungsnetz von 1329 km und 1574 Stadtfernsprech-
stellen (4542603 Verbindungen).
Der Schiffsverkehr wird in Ermangelung
eines Oderhafcns durch Verladevorrichtungen und
Echienengleise nach den Bahnhöfen vermittelt. Die
Gesamtfrequenz stellt sich (1891) auf 9832 bcladcne
Kähne mit 1310 702 t Ladung, darunter Stein-
kohlen (800000 t), Zucker, Getreide, Ziegel, Eisen,
Düngemittel, Mehl, Petroleum, Spiritus und Erze;
der Floßverkehr beträgt (1891) 51000 Stämme. Ein
Umschlagsverkehr sindet statt in Pöpelwitz, im Ha-
fen der Rechten Oderuferbahn und dem der Frank-
furter Gütereisenbahngesellschaft. Ferner bestehen
2 Dampferliuien für Personenbeförderung, so fluß-
aufwärts von der Sandbrücke aus nach dem Zoo-
logiscken Garten, Zedlitz und dem Oderschlößchen
(1891: 188 200 beförderte Personen); flußabwärts
von der Königsbrücke aus nach Pöpelwitz, Oswitz,
Maselwitz und Ohlau.
Umgebung. Außer dem erwähnten Promena-
dcngürtel dienen noch die meisten der öffentlichen
Brockh^us' Konversations-Lexikon.. 14. Aufl. IH.
Platze mit ihren Parkanlagen und die Umgebung
der Erholung und dem Vergnügen, so der schöne
Botanische Garten <s. oben) in der Sandvorstadt, der
großartige Scheitniger Park, an einem Oderarm
stromauf, der Eichenpark in Pöpelwitz, vor dem 9?i-
kolaithor (westl.) und der Zoologische Garten im O.
der Stadt. Einige Kilometer von B. bei Kanth liegt
das Dorf Kriebtowitz, wo Blücher 12. Sept. 1819
starb und unter 3 Linden begraben wurde. Sein Grab
ist jetzt durch eine Grabkapelle aus Granit geschmückt.
Geschichte. Die Anfänge von B. knüpfen sich
an die bischöfl. Kirche (1000) und an die her-
zogl. Burg (1017), welche beide auf die Dom-
insel, als den ältesten Kern der Niederlassung,
weisen. Dieselbe war sowohl nach der Bevölke-
rung wie nach der Ortsanlage ursprünglich pol-
nisch und entwickelte sich im 11. und 12. Jahrb.
hauptsächlich unter dem Schutze der Kirche. Zuerst
entstanden die großen Stifter zu Unserer Lieben
Frauen auf dem Sande und zu St. Vincenz auf
dem rechten Oderufer, dann ging die Ansiedelung
auf das linke Ufer hinüber, die Öder abwärts und
die ursprünglich der Sandinsel gegenüber mündende
Ohlau aufwärts. An der Oder bildete sich eine deut-
sche Kolonie mit geschlossenem Kaufhaus, an der
Ohlau eine wallonische, teilweise aus Webern be-
stehend. Erst die Niederbrennung der linksuferigen
Ansiedelungen durch die Mongolen 1241 gab Raum
zur Bildung einer Stadt zu deutschem Necht mit
dem Ring als Mittelpunkt. Dieselbe erhielt 1261
das Magdeburger Recht, sie sog die wallon. und
poln. Elemente bald völlig auf. Durch die Vermitte-
lung Friedrich Barbarossas hatte Schlesien 1163
eigene poln. Herzöge erhalten; dieselben germani-
sierten sich rasch, voran die Breslauer Linie. Im
14. Jahrh, kamen sie alle unter die Lehnshoheit
der böhm. Luxemburger; 1335-1741 stand B.
unmittelbar unter der Krone Böhmen. Es ent-
wickelte sich jetzt rasch zu einem mächtigen deutschen
Handelsplatz an der Pforte des slaw. Ostens. Neue
Straßen legten sich um den ältesten Stadtkern,
um den künstlich die Ohlau gezogen worden war,
und wurden in weitem Umkreis von einer zweiten
Mauer eingeschlossen. Das herrliche Rathaus,
die großen Kirchen wurden im 14. Jahrh, be-
gonnen, im 15. vollendet. Die innere Verfassung
! entwickelte sich unter heftigen Kämpfen, die in dem
Aufstand von 1418 ihren Höhepunkt erreichten, zu
einem aristokratischen Regiments des Kaufmanns.
Aber die Hussitenkriege und ihre Nachwirkungen
trennten Schlesien und namentlich V., das durchaus
zum geistigen und polit. Mittelpunkte des Landes
emporgewachsen war, innerlich von demwiederslawi-
sicrten Böhmen; in leidenschaftlicher Feindseligkeit
gegen das hussit. Czechentum trieb die Stadt jakr-
zehntelang hohe Politik, um sich schließlich aus Haß
gegen den Czechen Georg von Podiebrad dem Ma-
gyaren Matthias Corvinus in die Arme zu werfen.
1527 kam sie mit dem übrigen Schlesien unter die
Herrschaft des Hauses Habsburg. Damals hatte sie
bereits in raschem Eifer den Protestantismus ein-
geführt und behauptete ihn der Habsburg. Haus-
politik zum Trotze durch alle Fährlichkeiten des 16.
und 17. Jahrh. Doch blieb in den Vorstädten, die
unter den großen geistlichen Stiftungen standen,
der Katholicismus bestehen, und beide Konfessionen
lebten sich leidlich nebeneinander ein. Auch be-
wahrte sie sich die innere Selbständigkeit, sogar die
eigene Garnison und Freiheit von jeder österr. Ein-
33