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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Brüdergemeine
Hieronymus und Gregor d. Gr., die sie als Patrone betrachteten) hieß eine christl. Brüderschaft, die von Gerhard Groote (s. d.) um 1376 gestiftet und von Florentius Radewins (Radewynzoon, d. h. Sohn des Nadewin, einem Utrechter Kleriker, geb. 1350, gest. 1400) und Gerhard Zerbolt (1367) weiter geführt wurde. Die B. führten in eigenen "Fraterhäusern" ein klösterliches Leben, hatten Besitz, Tracht, Mahlzeiten und Erbauung gemeinsam, doch ohne durch ein Gelübde gebunden zu sein, übten strenge Ascese, beschäftigten sich besonders mit Abschreiben von Büchern, mit Gebet und Erziehung der Jugend. An der Spitze jedes Hauses stand ein Rektor. Alljährlich kamen die Rektoren zu gemeinsamer Beratung zusammen. Der Rektor des Haupthauses zu Deventer wurde "Vater" genannt. Außer den Brüderhäusern gab es auch Schwesternhäuser. Einem solchen Hause stand eine Pflegerin, Martha genannt, vor; über alle Schwesternhäuser führte eine Obermartha zu Utrecht die Aufsicht. Trotz der Feindschaft der Bettelmönche wurde ihre Vereinigung von mehrern Päpsten, auch von dem Konzil zu Konstanz bestätigt. Die Anzahl der Brüderhäuser mehrte sich vorzüglich in den Niederlanden, wo die Häuser Windesheim bei Deventer und Agnetenberg bei Zwolle berühmt wurden, und in ganz Norddeutschland, aber auch in Italien, Sicilien, Portugal so, daß 1430 deren schon 45, etwa 30 Jahre später aber mehr als 130 gezählt wurden. Das letzte entstand 1505 zu Cambrai. Später traten viele der Brüder der Reformation bei, andere ihrer Stiftungen nahmen die Jesuiten in Besitz, sodaß die Genossenschaft allmählich erlosch. Aus den Brüderhäusern sind viele berühmte Männer hervorgegangen, wie Hendrik Maude, Thomas a Kempis, der Kardinal Nikolaus Cusa, Wessel u. a.; auch Erasmus verdankte ihnen seine Bildung. - Vgl. Delprat, Die Brüderschaft des gemeinsamen Lebens (deutsch von Mohnike, Lpz 1840); Ullmann, Reformatoren vor der Reformation (2 Bde., 2. Aufl., Gotha 1866); Acquoy, Het Kloster te Windesheim (Utrecht 1875); Kettlewell, Thomas a Kempis and the brothers of common life (2 Bde., Lond. 1882); Bonet-Maury, De opere scholastico fratrum vitae communis (Par. 1889).
Brüdergemeine, evangelische, oder Erneuerte Brüderuni tät, eine selbständige Religionsgemeinschaft innerhalb der prot. Kirche. Ihr Ursprung geht teils auf die alte Unität der Böhmischen Brüder (s. d.), teils auf den Grafen Zinzendorf (s. d.) zurück. Neste jener Brüder sammelten sich an der Grenze von Mähren, verließen unter Christian Davids (s.d.) Führung die Heimat und siedelten sich 1722 auf den Besitzungen des Grafen Zinzendorf in der sächs. Oberlausitz an. Ihre Kolonie nannten sie Herrnhut und erhielten davon den Namen Herrnhuter. Zunächst bildeten sie in kirchlicher Beziehung kein besonderes Gemeinwesen, sondern schlössen sich dem luth. Pfarrer Rothe zu Berthelsdorf an. Seit 1723 sammelte Zinzendorf mit Rothe in erbaulichen Hausversammlungen einen Kreis erweckter Seelen um sich, dem sich auch die Brüder anschlössen. Am 12. Mai 1727 traten alle Einwohner von Herrnhut durch Annahme des unter Berücksichtigung der alten Verfassung der Brüder festgesetzten "Statuts" zu einem Verbände zusammen auf Grund brüderlicher Liebe und gegenseitiger Unterordnung. Zinzendorf, der schon als Gutsherr eine gewichtige Stellung einnahm, ward neben dem Freiherrn von Wattewille aus Bern "Vorsteher" der Gemeine; aus den zwölf Ältesten wurden ihnen je vier als Berater beigeordnet. Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit als einer Gemeine von Erweckten ward besonders lebendig bei der gemeinsamen Abendmahlsfeier in der Kirche zu Berthelsdorf, 13. Aug. 1727; dieser Tag wird deshalb als der Stiftungstag der B. gefeiert. Die Gemeine blieb indessen in enger Beziehung zur evang.-luth. Kirche. Erst nachdem 1735 David Nitschmann auf Grund des seit der alten Brüderkirche noch fortbestehenden Bischoftums zum ersten Bischof der erneuten Brüderkirche geweiht war und 1737 die Weihe Zinzendorfs gefolgt war, der dann auch die Leitung der verschiedenen Gemeinen übernahm, die sich mittlerweile auch an andern Orten Deutschlands gebildet hatten, führte die vermehrte kirchliche Selbständigkeit auch eine gewisse Trennung von der evang. Landeskirche herbei. Dennoch hat die B. sich nie völlig und namentlich niemals grundsätzlich von dieser losgesagt und überhaupt den Zusammenhang mit den größeren evang. Kirchen bewahrt. In allen diesen will die B. die wahren, lebendigen Christen sammeln und erkannte in sich selbst drei "Tropen" an, je nachdem ihre Glieder aus der luth., der reform. oder der mähr. Kirche zu ihr getreten waren. Später bat die B., besonders als die Ausschreitungen und sinnlichen Abgeschmacktheiten der sog. Sichtungszeit 1743-50 überwunden waren, sich ausdrücklich als der Augsburgischen Konfession verwandt bezeichnet. Auch stimmt Spangenbergs "Idea fidei fratrum", die in der V. hohes Ansehen genießt, mit dem Lehrbegriff der Augsburgischen Konfession wesentlich überein. Die B. stellt die persönliche Herzensgemeinschaft des Einzelnen mit dem Erlöser und die innere Erfahrung der eigenen Erlösung als das eigentlich Wesentliche der Religion der bloßen Annahme irgendwelcher Lehren entgegen und hat eine Ordnung des Gemeinschaftslebens getroffen, die nur auf die Förderung dieser Heilsgemeinschaft abzielt. Die dogmatische Lehre tritt zurück, mit Ausnahme der Einen Grundwahrheit von der durch Christi Tod geschehenen Versöhnung der ganzen Menschheit mit Gott und der Forderung, daß der Einzelne diese Wahrheit im lebendigen Glauben am eigenen Herzen erfahre. Von: Pietismus (s. Pietisten), mit dem die B. das Dringen auf persönliche Aneignung des Heils und die Sammlung kleiner Gemeinen von Erweckten teilt, unterscheidet sie der Umstand, daß dort das niederdrückende Bewußtsein der Sünde und Schuld, hier die beseligende Gewißheit der Erlösung und der Genuß eines steten vertrauten Umgangs mit dem Heiland die wesentliche Grundstimmung des Christen ausmacht. Diese persönliche "Konnexion" der Seelen mit dem Heiland, von Zinzendorf unter dem Bilde einer Ehe des Gläubigen mit Christo dargestellt und in jener Sichtungsperiode öfter stark sinnlich ausgemalt, giebt den Gliedern der V. eine sichere Freudigkeit und unerschütterliche Zuversicht ihres Glaubens und Lebens. Die Verfassung der Gemeine zeigt in Anlehnung an die Ordnungen der alten Mährischen Brüder ein System eigentümlicher Einrichtungen und Gebräuche, die sämtlich darauf abzielen, den persönlichen Herzensumgang des einzelnen Gläubigen mit dem Heilande zu fördern. Daß auch die Gemeine als solche einer besonders engen Gemeinschaft mit dem Erlöser gewiß ist, wird ausgesprochen durch den Satz: der Heiland ist der Generalälteste