Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

615
Brühl (Karl Friedr. Mor. Paul, Graf von) - Bruhns
des Starken, dessen Leibpage er um 1720 wurde.
In der Folge zum Kammerherrn ernannt, benutzte
B. die Gunst des Königs und erlangte rasch wichtige
Staatsämter. Als August II. 1. Febr. 1733 zu
Warschau starb, eilte B. mit der Krone und den
Reichstleinodien Polens nach Dresden und war
eifrig bemüht, dem Nachfolger die Thronfolge zu
sichern. Hierdurch sowie durch die Freundschaft des
Grafen von Sulkowski, des Günstlings Augusts III.,
erwarb er sich allmählich das Wohlwollen des ihm
anfangs abgeneigten Regenten, sodah dieser ihn in
den frühern Ämtern bestätigte. Seitdem wußte V.
vom Kurfürsten alle andern Einflüsse fern zu halten.
Infolge der verschwenderischen Hofhaltung des lctz-
tern wurden durch V. die Steuern erhöht und das
Land mit Schulden belastet. Um seine Stellung
noch mehr zu sichern, verheiratete er sich mit der
Gräfin Kolowrat-Krakowski, deren Mutter Oberhof-
meisterin der Kurfürstin war; 1738 bewirkte er die
Entlassung des Grafen Sulkowski.
Nachdem V. bereits 1733 Inspektor über sämt-
liche Staatskassen und Kabinettsminister mit Kon-
ferierung des Departements der Civilangelegen-
heiten, 1737 Chef des Departements der Militär-
angelegenheiten und 1738 des Departements der
auswärtigen Angelegenheiten geworden, erhielt er
10. Febr. 1738 die Stelle eines dirigierenden Ober-
kämmerers und endlich 1747 die eines Premier-
ministers unter Erhöhung seines Ranges über alle
Chargen im Kurfürstentum Sachsen; auch behielt B.
die meisten der ihm übertragenen Staatsämter und
deren Einkünfte bei. Außerdem erhielt er 1740 die
Herrschaft Forsta und Pforten in der Niederlausitz,
ferner 20. Mai 1746 das von seiner Familie ver-
äußerte Stammgut Ganglosf-Sömmern, und nach
dem Tode der Königin die ganze Apanage derselben
(die Starostei Zips), zur (Entschädigung für die im
Siebenjährigen Kriege erlittenen Verluste. Dabei
betrieb er mit den Steuerscheinen die für das Land
verderblichsten Operationen und erlaubte oder be-
günstigte fortdauernd die schreiendsten Ungerechtig-
keiten in der Kabinettsjustiz. Zur kath. Kirche über-
getreten, kaufte er als angeblicher Nachkomme eines
Grafen B., Woiwodcn von Posen, mehrere Herr-
schaften in Polen und bekleidete später mehrere Kron-
ämter daselbst oder wußte sie seinen Söhnen zuzu-
wenden. Kaiser Karl VI. erhob ihn 27. Mai 1737
zum Neichsgrafen. V. hielt 200 Bediente und be-
zahlte seine Ehrenwache besser als der König die
leinige; seine Tafel war die köstlichste, seine Gar-
derobe die glänzendste. Seine mächtige Stellung
und seine gewissenlose Verwaltung hatte wachsen mit
schweren auswärtigen Verwicklungen und nament-
lich mit dem Unglück des Siebenjährigen Krieges
zu bezahlen, während dessen der Minister mit dem
Kurfürsten in Warschau verweilte. Kurz nach der
Rückkehr nach Dresden starb der König 5. Okt. und
B.28.Okt.1763. Prinz Xaver ließ, als Administrator
von Sachsen, V.s Güter mit Beschlag belegen und
eine Untersuchung verhängen, die indes damit
endigte, daß die Söhne alle Güter des Vaters erbten.
Der Schauplatz seiner Feste war das an der seitdem
sog. Brühlschen Terrasse gelegene Brühlsche
Palais in Dresden. Seine Bibliothek, die 62000
Bände umfaßte, bildet gegenwärtig einen Haupt-
bestandteil der dortigen königl. Bibliothek. - Vgl.
Iusti, Leben und Charakter des Grafen von V.
(3 Bde., 1760-64); Zuverlässige Lebensbeschrei-
bung des Grafen von N. und des Kabinettsmini-
sters A. I. Fürsten von Sulkowsli (Franks, u. Lpz.
1766); Die Geheimnisse des sächs. Kabinetts Ende
1745 bis Ende 1756 (2 Bde., Stuttg. 1866).
Brühl, Karl Fricdr. Mor. Paul, Graf von, Eolm
des Grafen Hans Moritz von B. und Enkel des Mi-
nisters Grasen Heinrich V., geb. 18. Mai 1772 zu
Pforten in der Lausitz, wo er von früh an an den thea-
tralischen und musikalischen Aufführungen auf dem
Familientheater seines Oheims, Grafen Aloysius
Friedr. von V. (s. d.), teilnahm, wurde 1790 Iagd-
junker in Berlin, 1796 Forstreferendar bei der kur-
märkischen Kammer. Unter Goethes Leitung war er
1798 bei dem herzogt. Privattheater in Weimar wirk-
sam. 1800 Kammerherr des Prinzen Heinrich von
Preußen geworden, mit dem er einige Jahre zu
Rheinsberg lebte, stand er dem Theater nahe, da dcr
Prinz eine franz. Schauspielertruppe unterhielt. 1813
machte er den Feldzug als Major im Generalstabe mit
und begleitete den König von Preußen nach London.
Nach der Rückkehr wurde er 1815 Generalintendant
der königl. Schauspiele in Berlin. Hier entwickelte er
eine rastlose Thätigkeit, die sich aber mehr auf Kor-
rektheit der Kostüme und Dekorationen als auf die
eigentlich künstlerische Leistung erstreckte. Auf eigene
Kosten begründete er das "Dramatische Wochen-
blatt" (1815-17) und gab mit Spiker die "Dar-
stellung des Festspiels Lalla Rookh, welches auf dem
27. Jan. 1821 im königl. Schlosse veranstalteten
Maskenball gegeben wurde" (Berl. 1822, mit 23
Kupfern) heraus. Er nahm 1828 seine Entlassung,
wurde 1830 Generalintendant der königl. Museen,
wo er aufs neue seinen Kunstsinn bewährte, und
starb 9. Aug. 1837 zu Berlin. - Vgl. Dingelstedt
in "Teichmanns litterar. Nachlaß" (Stuttg. 1863).
Bruhns, Karl Christian,Astronom,geb.22.Nov.
1830 zu Ploen in Holstein, widmete sich dem
Studium der höhern Mathematik und Astrono-
mie. 1851 in einer mechan. Werkstätte in Berlin
beschäftigt, erwarb er sich durch Lösung verschie-
dener astron. Aufgaben das Vertrauen Enckes,
des damaligen Direktors der Berliner Sternwarte,
und wurde von diesem 1852 als Assistent angestellt.
1856 promovierte er mit der Schrift "Do plaustiZ
miuoi-iduä" (Berl. 1856), habilitierte sich 1859 an
der Universität und war seit 1860 Professor der
Astronomie und Direktor der Sternwarte zu Leipzig,
die nach seinen Angaben neu erbaut wurde. B. starb
25. Juli 1881 zu Leipzig. Ganz Hervorragendes
leistete V. auf rechnerischem Gebiete, namentlich
durch Berechnung vieler Kometenbahnen: bekannt
ist er auch durch die Entdeckung mehrerer Kometen.
Von seinen astron. Arbeiten sind noch zu nennen:
"Die astron. Strahlenbrechung in ihrer histor. Ent-
wicklung" (Lpz. 1861), "Geschichte und Beschreibung
der Leipziger Sternwarte" (ebd. 1861), "Neues
logarithmisch - trigonometr. Handbuch auf sieben De-
cimalen" (ebd. 1870; 2. Aufl. 1881), "Atlas der
Astronomie" (ebd. 1872). Als Baeyer (s. d.) die
mitteleurop. Gradmessung ins Leben rief, wurden
V. die astron.-geodätischen Arbeiten in Sachsen über-
tragen, auch war er längere Zeit Chef der astron.
Sektion im Preuh. Geodätischen Institut und gab
in dieser Stellung mehrere Bände der "Astron.-geo-
dätischen Arbeiten, Publikationen des Königlich
Preuh. Geodätischen Instituts" (Lpz. 1865-74)
und neuere Bestimmungen astron. Längendifferenzen
heraus. Auch auf Meteorolog. Gebiete hat sich V. ver-
dient gemacht, namentlich durch Errichtung eines aus-
gedehnten Netzes meteorolog.Beobachtungsstationen