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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Buchdruckerkunst

Schriftseiten der beiden Formen (Taf. II, Fig. 5), von welchen die eine die Vorder-, die andere die Rückseite des Bogens füllt, die Seitenzahlen, wenn der Bogen gefalzt ist, richtig aufeinanderfolgen. Ist der Bogen in dieser Weise ausgeschossen und der Raum zwischen den einzelnen Kolumnen durch Einfügung größerer, hölzerner, bleierner oder eiserner Körper, Stege (die niedriger sind als das Schriftmaterial, damit sie beim Druck von den Walzen nicht mit geschwärzt werden können), ausgefüllt, so legt man um das Ganze einen eisernen Rahmen; der übrige Raum wird mit Stegen ausgefüllt, und die vielen einzelnen Bestandteile werden durch Keile oder Schrauben fest aneinander gedrückt, sodaß es möglich ist, den Rahmen mit der Schrift zu transportieren; man nennt dies Schließen der Form und den hierzu dienenden Apparat Schließapparat (Taf. II, Fig. 5). Zum Schließen der Form hat man neuerdings noch das Patentschließzeug (Taf. III, Fig. 8), bestehend aus Schließsteg, Keil und Schlüssel. So ist nicht zu befürchten, daß der Satz auseinanderfällt, was indes trotz aller Vorsicht doch mitunter geschieht; man sagt dann, die Form sei in Zwiebelfische zerfallen. Die Schriftform bringt man nun in die Presse oder einen besondern Apparat zum Korrekturabziehen, wie die Tiegeldruckabziehpresse (Taf. II, Fig. 4), um zunächst die erste Korrektur abzuziehen. (S. Korrektur.)

Sind die Bogen mit den angezeichneten Fehlern vom Korrektor zurück, so berichtigt der Setzer die Fehler, indem er mit einer Ahle (Taf. III, Fig. 11) oder feinen Zange (Pincette, Taf. II, Fig. 7) die falschen Buchstaben oder Wörter herauszieht und durch richtige ersetzt. Bestehen die zu korrigierenden Fehler jedoch darin, daß Worte oder ganze Sätze doppelt gesetzt (Hochzeiten) oder daß Stellen ausgelassen sind (Leichen), oder macht der Verfasser wesentliche Änderungen, so muß der Setzer oft viele Zeilen, ja ganze Seiten anders ausschließen, bis der erforderliche Raum gewonnen oder ausgefüllt ist, was eine sehr mühsame, deshalb auch teure Arbeit ist. Ist die erste Korrektur seitens des Setzers besorgt, so wird eine zweite abgezogen, die gewöhnlich vom Verfasser gelesen wird, dann folgt die dritte, die "Revision". Oft sind vor letzterer noch mehrere Korrekturen abzuziehen, und um in der Zwischenzeit und bis zu dem Zeitpunkt, zu welchem die Formen dem Drucker als druckfertig übergeben werden können, den Satz vor Beschädigungen zu verwahren, wird er in ein in mehrere Fächer geteiltes Formenregal (Taf. II, Fig. 10) eingeschoben. Ist schließlich der Bogen für die Presse fertig, so muß der Drucker, ehe er druckt, die "Preßrevision" abziehen; dieser folgt, wenn auch die letzten Anstände beseitigt sind, der "Ansichtsbogen", und erst wenn dieser mit dem vidi des Beauftragten versehen ist, kann der Druck beginnen. Die geschilderte Manipulation beim Werksatz erleidet mancherlei Modifikationen bei den Accidenzien (s. d.) und beim Zeitungssatz, bei dem, sowie auch, wenn Werke rasch gefördert werden sollen, eine Teilung der Arbeit eintritt, indem verschiedene Setzer bloß Reihen von Zeilen setzen (Paketsetzer), während andere das Bilden der Seiten, Bogen, Zeitungsnummern u. s. w. besorgen (Metteurs en pages).

Für kunstvolle, bisher durch Feile und Schnitzer (Taf.III, Fig. 13) u. s. w. ermöglichte Satzkompositionen, vorzugsweise im Accidenzsatz, dienen neuer-

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dings Apparate, wie Linienschneidelade (Taf. II, Fig. 6), Linienschneider (Taf. III, Fig. 3), Linienbiegeapparat (Fig. 4), Accidenz-Hobelmaschine u. s. w., mit welchen Linien mit Gehrung versehen, in alle möglichen Formen gebogen, sowie die Kegelstärken von Typen und Ornamenten abgeschwächt werden können. Dabei dient ein Zirkel (Taf. III, Fig. 14) zum Abmessen von allerlei Dimensionen.

Die zweite Hauptarbeit, das Drucken, geschieht auf der Hand- oder auf der Schnellpresse. In beiden Fällen ist die Vorbedingung für einen guten Druck die vollständig gleichmäßige Höhe der auf dem Fundament stehenden Schriften und die vollständige Ebenmäßigkeit des Fundaments, das den Druck empfangen soll, mit dem vertikal wirkenden Tiegel in der Handpresse (Taf. II, Fig. 1) und der Tiegeldrucktretpresse (Taf. III, Fig. 10) oder dem rotierenden Cylinder in der gewöhnlichen Schnellpresse. Die Tiegeldrucktretpresse, vorzugsweise zum Druck kleinerer Accidenzen geeignet, leistet viel mehr als eine Handpresse, und ihre Behandlung ist viel einfacher als die einer Schnellpresse. Die abgebildete Tiegeldrucktretpresse besitzt ein vorzügliches Farbewerk; der Druck kann aufs genaueste reguliert, auch jederzeit abgestellt werden. Die Bewegungsweise der Walzen gestattet ein mehrmaliges Färben der Form. Die fast horizontale Lage des Drucktiegels ermöglicht ein bequemes Zurichten, und der Anleger kann sicher arbeiten, da die Ruhelage von langer Dauer ist. Eine vollkommene Ebenmäßigkeit besteht jedoch selten in der Praxis, namentlich in betreff der Höhe der verschiedenen gleichzeitig verwendeten Schriften, da eine öfters gebrauchte niedriger geworden ist als eine neue. Hier muß nun der Drucker kunstfertig versuchen, alle durch Schrift oder Presse verursachten Unregelmäßigkeiten auszugleichen, was man Zurichten nennt. Um einen zu großen Druck auf einer Stelle zu beseitigen, schneidet er aus der papiernen Einlage des Pressendeckels oder aus dem ähnlichen Überzug des Cylinders die entsprechende Stelle aus. Wo der Druck nicht kräftig genug wirkt, muß er dagegen mit Papierblättchen überkleben, bis die normale Höhe erreicht und somit die Gleichmäßigkeit des Drucks hergestellt ist. Noch schwieriger ist das Verfahren beim Illustrationsdruck. Empfangen alle Teile eines Bildes einen gleich starken Druck, so erhält man ein Bild ohne die richtige Abstufung der Töne, in welchem der Hintergrund sich ebenso kräftig ausdrückt wie der Schatten des Vordergrundes. Es handelt sich also darum, den Druck so zu regulieren, daß alle Töne sich auch in ihrer richtigen Stärke wiedergeben, nicht aber Einförmigkeit zeigen. Kräftige Stellen werden durch Papierblättchen höher gemacht, verschwindende bis auf die Grenze, wo der Strich der zarten Linien zu reißen beginnt, herausgeschnitten; da jedoch Licht und Schatten fortwährend abwechseln und oft dicht nebeneinander liegen, so müssen die Papierblättchen mit der größten Sorgfalt den Konturen der betreffenden Stelle folgen. Um dies zu erreichen, macht der Drucker gleich beim Beginn der Arbeit mehrere rohe Abzüge des zu druckenden Bildes. Aus dem Abdrucke schneidet er nun, den Konturen folgend, mittels des eigens hierfür gefertigten Zurichtmessers (Taf. III, Fig. 12) oder der Schere (Fig. 7) die nötigen Stellen aus und klebt sie oft mehrfach übereinander, je nachdem die Übergänge von Licht zu Schatten, vom Hintergrund zum Vordergrund