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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Bürger (Gottfr. Aug.)
nnttter des haliischcn Philologen Klotz, nnt dem cr
vertraut verkehrt hatte, in Verbindungen, die seinen
Sitten und Studien nicht förderlich waren. Biester,
Sprengel und namentlich Voie, die in Göttingen
stndicrten, leiteten ihn auf bessere Wege. Mit ihnen
las cr außer den Alten die Dichter der Engländer,
Franzosen, Italiener und Spanier, besonders Shake-
speare und Pereys "Ileli^ueZ". Durch Voies Ver-
mittelung erhielt cr 1772 die kärgliche Stelle eines >
Amtmanns im Uslarschcn Amte Ältengleichen, Göt-
tingen nahe genug, um mit dcm "Göttinger Dichter-
bund') (s. d.) persönlichen Verkehr zu unterhalten. In
Gelliehausen, wo V. zunächst seinen Wohnsitz aus-
schlug (vgl. Gödeke, V. in Göttingcn und Gellic-
hausen, Hannov. 1873), dichtete cr die "Lenore", die
1773 im "Göttingcr 3)tuscnalmanach für 1774" er-
schien und seinen Dichtcrruhm begründete. 1774 hei-
ratete er Dorette Leonhart, die Tochter eines han-
nov. Beamten zu Niedeck, und zog nach Wöllmars-
hauscn. Anfangs war die Ehe glücklich, aber bald
entbrannte in V. eine unwiderstcbliche Neigung zu
seiner aufblübcnden Schwägerin Auguste, die seine
Gedichte als Molly feiern. Sie erwiderte seine Liebe,
und nach längern Kämpfen gestaltete sich mit dcm
Willen der Gattin V.s Verhältnis zu den Scbwestcrn
zu eincr thatsächlichen Doppelehe. Nackdcm cr als
Pachter in Appenrode 1780-83 fast sein ganzes
Vermögen zugesetzt hatte, gab cr wcgcn Zwistig-
tciten mit der Gerichtsherrschaft Sommer 1784 feine
Stelle auf, um fich in Göttingen als Privatdocent
niederzulassen. Kurz vor dem Umzüge starb Dorette,
die ibm eine 1862 unvermählt gestorbene Tochter
hinterließ, und 1785 heiratete V. Molly. Durch
Vorlesungen, Privatunterricht und schriftstellerische
Arbeit erwarb er hinlängliches Auskommen und
schien einer glücklichern Zukunft entgegenzugehen,
als Molly schon 9. Jan. 1780, 14 Tage nach der
Geburt einer Tochter, starb. Das 50jährige Jubi-
läum der Universität brachte ihm die philos^ Doktor-
würde; 1789 ward cr außcrord. Professor ohne
Gehalt. 8. Sept. 1789 erschien im "Stuttgarter
Beobachter" ein anonymes Gedicht "An den Dichter
B.", in dem ein "Schwabenmädckcn" seine Be-
geisterung und Liebe für den Dichter aussprach
und ihm feine .Hand anbot. V., der feit einiger
Zeit, hauptsächlich seiner 3 Kinder wegen, wieder
heiraten wollte, reizte das Geheimnisvolle. Er zog
Erkundigungen ein, und das "Schwabenmädchen"
Christine Elise Hahn (s. unten) ward herbst 1790
seine Frau. Einem kurzen Glück folgte die bitterste
Enttäuschung, und 31. März 1792' wurde V. von
der Unwürdigen gerichtlich geschieden. An Leib
und Seele, auch durch ein wachsendes Vrustleiden
heftig erschüttert, von Schulden und Nahrungs-
sorgen bedrängt, sodaß er die meiste Zeit aus Über-
setzungen verwenden mußte, durch Schillers bittere
Recension seiner Gedichte sin der "Allgemeinen Lit-
teraturzcitung" von 1791) tief verletzt, lebte er trau-
rig dahin, bis ihn der Tod 8. Inni 1794 erlöste.
Der allgemeine Beifall, der V.s Balladen, wie
. "Lenore", sein Meisterwerk, "Lenardo undVlandine",
"Des Pfarrers Tochter von Taubenhain", "Der
wilde Jäger", "Das Lied vom braven Mann", "Der
Kaiser und der Abt", "Das Lied von Treue", "Die
Kuh" und andere teils nachgebildete, teils erfundene,
cmpfing, beweist, daß cr zuerst den richtigen Weg
einschlug, um die cngl. Balladcnpoesie in Deutsch-
land einzubürgern (va.l. Vonet-Maury, 0.^.13.
yt las s"i-j"in08 kiisslki'808 (Io III I"aIIiicio iittöiaii'0
on ^1l0maFii0, Par. 1889); in andern Balladen
gefällt cr sich in einem gesucht burlesken Ton ("Der
Raubgras", "Die Weiber von Wcinsbcrg", "Frau
Ecbnips"). Im eigentlichen Liede, wo er sich dcm
Volkstone nähert und sich nicht, wie im "Hohen
Liede" oder in der "Nachtfeier der Venus", mit Rhe-
torik und rhythmifchcm Glänze begnügt, steht V.
den bcstcn Dichtern gleich. Seine Liebesgedichte,
obschon sie die Liebe mehr in ihrem sinnlichen Ge-
halt als in ihren zarten Tiefen und geistigen Ele-
menten erfassen, sind oft hinreißend durch den klang-
vollen Strom der Worte und die leidenschaftliche
Glut des Gefühls. Er zuerst wieder ließ alle Empfin-
dungen des Herzens in feinen Versen zu völlig un-
gekünsteltem, chrlichcm und doch poetisch vollendetem
Ausdruck gelangen. Kräftiger Mannessinn lebt
in manchen tücktigcn Gedichten, wie V. auch als
einer der ersten Deutschen die abgeschlossene, dünkel-
bafte und pedantische "i)uisquiliengelehrthcit" mutig
angriss. V. ist als Mitschöpfcr der neudcutschen
Dichtersprache zu betrachten. Fast überängstlich
auf Korrektheit und Wohllaut des Verses haltend
und z. V. in seiner "Rechenschaft über die Verände-
rungen in der Nachtfcier der Venus" Zeile 1-4 in
40 eng gedruckten Seiten behandelnd, hat er auch
fremdländische poct. Formcn, wie das Sonett, in
Deutschland ncu zu Ehren gcbracht; seine Sonette
geboren zu den bcstcn in deutscher Sprache; der
glänzende Formkünstler Aug. Wilh. Schlegel war
sein Jünger. B. war mit der erste, dcr (in l'lbcr-
setzungsprobcn aus dcr Iliade und in der Über-
tragung von Buch 4 dcr Ancide) leichte und flie-
ßende deutsche Hcramctcr licfcrtc; auch verfuchte er
cinc Ubcrsetzung der Iliade in fünffüßigen reimlosen
Iamben und eine prosaische des Shakespcareschen
"Macbeth" (vgl. Lücke, V.s Homer-Nbersctzung,
Norden 1891). Die erste Sammlung seiner "Gedichte"
lmit Kupferstichen von Chodowiecki) erschien 1778 zu
Göttingcn, 1779 ebenda cinc zweite (Iubclausgabe
mit Einleitung und bibliogr. Register von Grisebach,
2 Bde., Verl. 1889). Diese Sammlungen sind beach-
tenswert wegen vieler Lesarten, die B. später durch
weniger passende ersetzte. Von 1779 bis znmTode gab
cr dcn "Göttinger Musenalmanach" und 1790-91
das Journal "Akademie dcr schönen Redekünste"
(Berlin) heraus. Die zum Volksbuch gewordenen
"Wunderbaren Reisen und Abenteuer des Freihcrrn
von Münchhauscn" (Gott. 1787) sind von V. nicht
verfaßt, sondern nach dcm 1785 in London erschiene-
nen cngl. Urtext von Raspe übersetzt und erweitert.
Von V.s Werken besorgte K. von Reinhard meh-
rere Ansgabcn (zuletzt 7 Bde., Verl. 1823-24),
dann Vohtz ("V.s Sämtliche Werke", 1 Bd., Gott.
1835), eine Auswahl Grisebach, "V.s Werke"
(2 Bde., Verl. 1872), mit biogr.-litterar. Skizze. Die
"Gedickte" allein haben außer Grisebach <s. oben)
Tittmann (Lpz. 1869), Vcrgcr (ebd. 1891) und am
besten Sauer (Stuttg. 1881) mit Biographie heraus-
gcgcben. V.s Leben beschrieb außerdem Pröhle
("G. A. V. Sein Leben und seine Dichtungen", Lpz.
1856). A. Strodtmann veröffentlichte "Briefe von
und an V." (4 Bde., Verl. 1874). Rctzsch illu-
strierte mehrere von V.s Balladen (neue Aufl., Lpz.
1872), Ruhl "Lenorc" in 12 Umrissen (Cass. 1827),
Fübrich "Der wilde Jäger" (5 Blätter, mit kritischen
Aufsätzen von A. Müllncr, Prag 1827). Die be-
deutendsten Balladen V.s wurden in fast alle Kul-
tursprachcn übersetzt, namentlich "Lcnorc" (z. B.
auch von Walter Scott ins Englische).