Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Carrier-Belleuse; Carrĭer-Indianer; Carriēra; Carriere; Carrière; Carrington

961

Carriera - Carrington

den Sturz der Girondisten am 31. Mai. Demnächst wurde er mit einem Auftrage gegen die Gemäßigten in der Normandie im Oktober nach Nantes geschickt, wo er für seinen Blutdurst in den durch die Niederlage der Vendéer bei Savenay angefüllten Gefängnissen zahlreiche Opfer fand. Er schlug vor, die Gefangenen in Masse hinrichten zu lassen, und drang damit durch. Am 15. Nov. ließ er 94 Priester in eine Barke bringen und nachts mittels Klappen, die am Boden des Fahrzeugs angebracht waren, ertränken, nach einigen Tagen 58 andere. Bald folgten mehrere derartige Hinrichtungen, die man Noyades, Baignades, Déportations verticales, Marriages républicains nannte. Der Opfer sollen mehrere Tausende gewesen sein. Schließlich wurde C. zur Verantwortung vor dem Konvent berufen. Doch gelang es ihm, sich zu rechtfertigen, und erst die Reaktion nach dem 9. Thermidor brachte ihn unter die Guillotine (16. Dez. 1794). – Vgl. Lallié, Études sur la terreur. Les noyades de Nantes (1879).

Carriēra, Rosalba, Malerin, geb. 7. Okt. 1675 in Venedig, wo sie bei Lazzari, dann bei Balestra lernte. Gefeiert und bewundert, verweilte sie an den meisten Höfen Europas (z. B. in Wien, Versailles, Dresden). Sie pflegte anfangs die Miniaturmalerei, späterhin fast ausschließlich die Pastellmalerei, worin sie einen hohen Grad der Vollkommenheit erreichte. Sie malte zahlreiche Bildnisse (Halbfiguren), Christusköpfe, Marien, Magdalenen, mytholog. und allegorische Gestalten. Die Dresdener Galerie besitzt von ihr 157 Pastellbilder und 17 Miniaturen; andere Bilder finden sich in Venedig, Wien, Paris u. s. w. Sie sind durchaus im Geiste des Rokoko gedacht und durch eine zarte Weichheit der Farbengebung wie durch höchst anmutige Auffassung gekennzeichnet. Aus ihrer Wiener Zeit stammt ihr interessantes Tagebuch: «Diario degli anni 1720 ed 1721», welches 1793 in Venedig erschien. Sie starb erblindet 15. April 1757 in Venedig.

Carrier-Belleuse (spr. -ĭeh bellöhs'), Albert Ernest, franz. Bildhauer, geb. 12. Juni 1824 zu Anisy-le-Château im Depart. Aisne, war ein Schüler von David d'Angers. Seine Arbeiten sind von vorzugsweise malerischer Behandlung. Außer einer Anzahl von Marmor-, Terrakotta- und Bronzebüsten (Napoleon Ⅲ., Jules Simon, Eugène Delacroix, Ernest Renan, Théophile Gautier, Thiers, Molière) sind von C.s Marmorstatuen hervorzuheben: Bacchantin an der Herme (1863), Angelika am Felsen (1866; nach Ariosts «Rasendem Roland»), Die verlassene Psyche (1872). Seine das Christkind emporhebende Madonna (1867; in der Kirche St. Vincent de Paul in Paris) brachte ihm die Ehrenmedaille des Salons ein. Er starb 3. Juni 1887 in Paris.

Carrière (frz., spr. -ĭähr), Rennbahn in der Reitschule; der volle Lauf eines Pferdes; die Laufbahn, die einer macht.

Carriere, Moriz, Philosoph und Ästhetiker, geb. 5. März 1817 zu Griedel im Großherzogtum Hessen, studierte zu Gießen, Göttingen und Berlin, lebte dann einige Jahre, namentlich mit Kunststudien beschäftigt, in Italien und habilitierte sich 1842 als Docent der Philosophie zu Gießen, wo er 1849 eine Professur erhielt. Seit 1853 Professor zu München, liest er an der Universität vorzugsweise Ästhetik. In der Kunstakademie, deren schriftführendes Mitglied er während 30 Jahren war, trug er Kunstgeschichte vor. C.s erste Schriften, wie namentlich «Vom Geist. Schwert- und Handschlag für Franz Baader» (Weilb. 1841) ^[Spaltenwechsel] und «Die Religion in ihrem Begriff, ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung und Vollendung» (ebd. 1841), bewegten sich teilweise noch in Hegelschen Gedankenkreisen, hoben aber bereits das Princip der Individualität entschieden hervor. Daran reihte sich «Der Kölner Dom als freie deutsche Kirche» (Stuttg. 1843) und eine Übertragung der Briefe und Leidensgeschichte von «Abälard und Heloise» (Gieß. 1844). In dem Werke «Die philos. Weltanschauung der Reformationszeit» (Stuttg. 1847; 2. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1887) schildert er die Übergangsperiode von der Scholastik zu Cartesius und legt namentlich die Lehren des Giordano Bruno, Campanella und Jakob Böhme in neuer und eigenartiger Weise dar. Zugleich tritt die Überwindung des Pantheismus und Deismus in der Anschauung eines sowohl selbstbewußten als unendlichen, in Natur und Geschichte sich offenbarenden Gottes als der Gedanke hervor, dessen Durchführung C. für die Aufgabe der Gegenwart hält. In diesem Sinne gehaltene Vorträge veröffentlichte er als «Religiöse Reden und Betrachtungen für das deutsche Volk» (2. Aufl., Lpz. 1856). Ein Buch über «Die Poesie, ihr Wesen und ihre Formen» (ebd. 1854; neu bearbeitet mit Grundzügen der vergleichenden Litteraturgeschichte 1884) war der Vorläufer einer «Ästhetik» (2 Bde., ebd. 1859; 2. Aufl. in neuer Bearbeitung 1873; 3. Aufl. 1885), welche die Idee des Schönen und ihre Verwirklichung im Leben und in der Kunst an der Hand der Erfahrung vom Standpunkte des Idealismus darlegte. Das ausgezeichnete Werk «Die Kunst im Zusammenhang der Kulturentwicklung und die Ideale der Menschheit» (5 Bde., Lpz. 1863–73; 3. Aufl. 1877–86) verbindet philos. Tiefblick mit geschichtlicher Treue. Das Charakterbild Cromwells im «Histor. Taschenbuch» (1851) kann als C.s polit. Glaubensbekenntnis gelten. Für Brockhaus' «Bibliothek der deutschen Nationallitteratur» besorgte er die Ausgaben von Goethes «Faust» (Lpz. 1869) und Schillers «Wilhelm Tell» (ebd. 1871) mit histor. Einleitung und namentlich die erstere mit reichen Erläuterungen. Seine philos. Lebensansicht faßte er in einem Werke über «Die sittliche Weltordnung» (Lpz. 1877; 2. Aufl. 1891) zusammen, worin er dem Mechanismus der Natur und seiner Notwendigkeit wie der Freiheit des Geistes in gleicher Weise gerecht zu werden und nach den gesicherten Ergebnissen der Erfahrungswissenschaft die Principien des Seins und Erkennens zu bestimmen sucht. Schon vor der 2. Auflage dieser Schrift suchte C. die in ihr enthaltenen Gedanken in «Jesus Christus und die Wissenschaft der Gegenwart» (Lpz., 2. Aufl. 1889) weiter zu führen und den Abriß einer Philosophie des Christentums zu geben. Er veröffentlichte auch Gedichte u. d. T.: «Agnes. Liebeslieder und Gedankendichtungen» (Lpz. 1883). Die «Lebensbilder» (ebd. 1890) schildern vornehmlich Denker, Dichter und Künstler, die dem Verfasser persönlich bekannt geworden. Seine «Gesammelten Werke» erscheinen seit 1886 (Lpz.).

Carrĭer-Indianer oder Tahkali (Tacullies), ein Athabaskenstamm (s. Tinneh) im nordwestl. Amerika, im Quellengebiete des Fraserflusses.

Carrington (spr. kärringt'n), Richard Christopher, engl. Astronom, geb. 26. Mai 1826 zu Chelsea, war drei Jahre lang Assistent bei Chevallier in Durham und baute später eine eigene Sternwarte in Redhill, auf welcher er von 1854 an Cirkumpolarsterne sowie, angeregt durch Schwabes Ent-^[folgende Seite]