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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cervantes Saavedra

erhielt dann den königl. Auftrag, rückständige Abgaben von Städten des Königreichs Granada einzuziehen - die einzige Gnade, welche Philipp II. seinen Verdiensten, Wunden, Bitten und Empfehlungen gewährt hat. Als im folgenden Jahre die wenig dankbare Aufgabe beendet war, blieb ein verhältnismäßig unbedeutender Fehlbetrag, allem Anschein nach erwachsen aus der erheblichen Differenz zwischen der vorausgesetzten und der wirklichen Dauer des Mandats. C. wurde deshalb von der Rechnungskammer bei jeder neuen Revision angefochten, 1597 selbst gefänglich eingezogen. Sein Aufenthalt blieb 1596-1600 und vielleicht bis 1603 fortdauernd Sevilla, wo er, wie auch später in Valladolid und Madrid, als Sachwalter für Private thätig gewesen zu sein scheint. Was über ein längeres Verweilen in der Mancha, eine Gefangenhaltung in Argamasilla erzählt wird, sind Konjekturen und Fabeln. Seine Übersiedelung nach Valladolid (1601-6 Residenz) dürfte 1603 zum Zweck persönlicher Verantwortung vor der Rechnungskammer erfolgt sein. 1604 erhielt er dort die Druckerlaubnis für den 1. Teil des "Don Quixote", der wahrscheinlich schon 1597 im Kerker von Sevilla begonnen war, 1605 herausgegeben und im selben Jahre dreimal nachgedruckt wurde. Die mißgünstige Haltung Lopes de Vega, der sich durch eine gemäßigte Kritik gewisser Schwächen des span. Theaters gekränkt fühlte, trug jedenfalls dazu bei, daß der Dichter die materiellen Früchte seines großen Erfolges nicht erntete. In den nächsten Jahren hören wir sehr wenig von C. Die Akten eines Prozesses, worin ihn das span. Rechtsverfahren mit aller ihm eigenen Brutalität verwickelte, weil er einen im Duell tödlich Verwundeten aufgenommen hatte, gewährt interessante Einblicke in sein Haus und dessen beschränkte Verhältnisse. Die Erwähnung einer natürlichen Tochter Isabella hat zu einer Reihe von Fabeln Veranlassung gegeben. 1608 forderte ihn die Rechnungskammer neuerdings vor sich und veranlaßte so vielleicht seine Übersiedelung nach Madrid, wo er 1609 einer frommen Bruderschaft beitrat. 1613 erschienen seine Novellen ("Novelas ejemplares"); die Approbation datiert von 1612, einzelne sind jedenfalls schon Jahre vorher niedergeschrieben. Ihre Aufnahme stand der des "Don Quixote" wenig nach. 1614 folgte "El viage del Parnaso", eine poet. Darstellung der zeitgenössischen Litteraturverhältnisse; 1615 eine Sammlung von acht neuen, Lope nachgeahmten Schauspielen und acht höchst lebendigen Zwischenspielen; in demselben Jahre, beschleunigt durch die Usurpation Avellanedas, eines pseudonymen Schriftstellers, der 1614 eine Fortsetzung des "Don Quixote" veröffentlicht hatte, erschien der 2. Teil dieses Romans. Im Vorwort dazu spricht er von seiner wankenden Gesundheit. Die Wassersucht führte ihn langsam der Auflösung entgegen. Am 18. April 1616 empfing er die Letzte Ölung, schrieb am folgenden Tage die rührende Widmung des Reiseromans "Persiles y Segismunda" an den Grafen von Lemos, am 23. April trat der Tod ein. Die Beisetzung erfolgte, nach seinem Wunsch, im Konvent der Trinitarianerinnen. Den "Persiles" veröffentlichte seine Gattin im folgenden Jahre; von einigen Werken, die noch seine letzten Tage beschäftigten, dem zweiten Teil der "Galaatea" und "El famoso Bernardo", ist nichts erhalten, vielleicht aber ein Bruchstück der "Semanas del Jardin" in der in unserm Jahrhundert ans Licht gekommenen Novelle "La tia fingida".

Die Unterstützungen, die der Dichter in den letzten Jahren von dem Grafen von Lemos und dem Erzbischof von Toledo erhielt, waren von bescheidener Art. Manche der durch die neuere Forschung ans Licht geförderten Daten erzählen von Sorge und Bedrängnis, erhöhen aber alle zugleich die Achtung vor dem Seelenadel des Dichters, vor der Großherzigkeit und dem Mut, die ihn in keiner Lebenslage verlassen, seiner ungetrübten Milde und Heiterkeit, tiefen Gerechtigkeit und der edlen Einfalt seiner Selbstbeurteilung. Die Tragödie "Numancia", die reizenden Zwischenspiele und "Die Reise zum Parnaß" würden für sich C. einen Namen in der span. Litteraturgeschichte geben; auch der "Persiles" wird nur deshalb gering geachtet, weil man von C. etwas Besseres erwartet. Auf "Don Quixote" und den Novellen beruht seine Stellung in der Weltlitteratur, auf ihnen baute sich die Prosadichtung auf; als Vorbilder nehmen sie noch heute die erste Stelle in der Gattung ein. Zu Beginn des "Don Quixote" war nur die Verspottung der Ritterbücher beabsichtigt. Dann gewann C. seinen Helden lieb, vertiefte den Charakter und die Handlung und erschuf in der Darstellung des Gegensatzes zwischen Idealismus und Wirklichkeit den humoristischen Roman. Den Realismus hatte der Schelmenroman in die Prosaerzählung eingeführt, bei C. wurde er durch die Verbindung mit dem Ethos und dem Seelenleiden des Dichters geadelt. Butlers "Hudibras", Wielands "Don Sylvio" sind direkte Nachbildungen, beide in ihren Ländern die Ausgangspunkte einer langen Reihe ähnlicher Werke. Nicht weniger weittragend ist der Einfluß der Musternovellen gewesen. Unter ihrer unmittelbaren Einwirkung steht z. B. E. T. A. Hoffmann und L. Tieck.

Von den Ausgaben und Übersetzungen können nur die wichtigsten genannt werden, als Gesamtausgabe die von Argamasilla (12 Bde., 1864); in der "Biblioteca de autores españoles" fehlt das Theater. Von den unzähligen des "Don Quixote" die Londoner (1738, mit Biographie von Mayans); die der Akademie (4 Bde., Madr. 1780; mit der "Vida" Navarretes, 5 Bde., ebd. 1819); diejenigen Pellicers (5 Bde., ebd. 1797, und 9 Bde., ebd. 1798-1800, mit fleißiger Biographie); die kommentierte Clemencins (6 Bde., ebd. 1833-39), die phototypische Reproduktion der 1. Ausgabe (2 Bde., Barcel. 1872); als Handausgabe die der Leipziger "Coleccion de autores españoles" (2 Bde., 1891). Die älteste unter den Übersetzungen war die englische Sheltons (Lond. 1612-20); ihr folgt die französische Oudins 1616 (1681 die Filleaus de Samt Martin); die italienische Franciosinis 1622-25; eine deutsche Bearbeitung "Don Kichote de la Mantscha, das ist Juncker Harnisch aus Fleckenlandt" (Köthen 1621, Hofgeismar 1648 und Frankf. 1669); eine andere nach der franz. Übersetzung Filleaus (1682 u. ö.); deutsche Übersetzungen nach dem Original von Bertuch (1776), Tieck (zuerst 1799), Soltau (1800) u. a. m.; die beste von Braunfels in der "Collection Speemann" (4 Bde., Lpz. 1883). Die Musternovellen u. a. ebenda von Keller und Notter (1881), von Baumstark (1868). Die "Numancia" im "Span. Theater" von A. W. von Schlegel (1803-9; 2. Aufl. 1845); die Zwischenspiele von Kurz in Rapps "Span. Theater" (Bd. 2, 1868); vier derselben in Schacks "Span. Theater" (Tl. 1, 1845). - Vgl. Dorer, Die Cervantes-Litteratur in Deutschland (Lpz. 1877); ders., C. und seine Werke nach deutschen Urteilen. Mit einem Anhang: Die Cervantes-Bibliographie (1881). Ein

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