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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Chemnitz (Stadt)
lcr, die die Appretur der bezogenen Waren und die
mannigfaltige Verpackung besorgen (1890! etwa
3500 Arbeiter). Die Möbelstossfabriken beschäftigten
(1890) etwa 3300 Arbeiter und lieferten für mehr
als 20 Mill. M. Waren, die andern Webereien be-
schäftigten 600, die Färbereien und Appreturanstal-
ten 2300 Arbeiter. Von den (1890) 12800 im
Maschinenbau beschäftigten Personen entfallen 5600
auf den Bau von Maschinen für Spinnerei, Weberei,
Wirkerei, Strickerei und Appretur, 2500 auf Werk-
zeugmaschinenbau, 2700 auf den allgemeinen Ma-
schinenbau (Dampfkessel, Dampfmaschinen, Pumpen,
Spritzen u. s. w.), 500 auf den Bau von Brauerei-
maschinen. Die Gesamtproduktion des Maschinen-
baues beträgt (1889) etwa 27 Mill. M. (1851:
4 Mill. M.). Am 1. Mai 1890 wurden in Gewerbs-
anlagen, die mindestens 10 Arbeiter beschäftigen
oder doch Dampfkessel oder Wind-, Wasser-, Gas-,
Heißluftmaschinen benutzen, gezäblt 24087 männ-
liche und 10565 weibliche Arbeiter, von diesen
34652 waren über 21 I. alt 22 849, zwischen
16 und 21 Jahren: 7476, 14-16 Jahre. 3365,
12-14 Jahre: 962. C. ist Sitz der 9. Sektion der
Papiermacher- und der 4. Sektion der Sächsischen
Baugewerks - Berufsgenossenschaft.
Handel. Der.Handel bewegt sich hauptsächlich
in Rohmaterialien und .Halbfabrikaten, zum Teil
auch in Ganzfabrikaten der genannten Industrie-
zweige sowie in Getreide und Petroleum. Größere
Buch- und Kunsthandlungen bestehen 10, Musikalien-
bandlungen 2. An Banken bestehen eine Reichs-
bankstelle (Gesamtumsatz 1892: 983^ Mill. M.),
Chemnitzer Stadtbank (118^ Mill. M.), Chemnitzer
Bankverein (183^ Mill. M.), Chemnitzer Vieh-
marktsbank mit dem Sitz im Schlacht- und Viehhof,
Filialen der Sächsischen Bank zu Dresden und
des Dresdener Bankvereins sowie 9 kleinere Bank-
geschäfte. Sämtliche Industriezweige, mit Aus-
nahme der Appretur und teilweise der Färberei,
exportieren. Die Ausfuhr aus dem Konsulatsbezirk
(5. nach den Vereinigten Staaten von Amerika be-
trug ohne Glauchau (1892) 27 Mill. M. In (5.besteht
eine .Handels- und Gewerbekammer für die Stadt C.,
die Amtshauptmannschaften (5., Flöha, Marienberg,
Annaberg, Borna, Döbeln, Rochlitz und Glauchau.
Verkehrswesen. Der wiederholt, zuletzt 1888
erweiterte und zur Verbindung zweier Stadtteile
untertunnelte (230000 M. Kosten) Centralbahnhof
im O. der Stadt, nahe dem Schillerplatz, nimmt
folgende Linien der Sächs. Staatsbahnen auf: C.-
Dresden (79,7 I<m),C.-Annaberg-Weipert (74,00 Ilm),
C.-Döbeln-Riesa (66,u)kiu), C.-Zwickau-Reichenbach
(71,5 km), C.-Aue (50,93 km), Leipzig-Kieritzsch-C.
(83km), C.-Reitzenhain-Komotau (48km) sowie
die Nebenlinien C.-Wittgensdorf-Limbach (16,7 km),
C.-Hainichen-Rohwein (46 km) und (5.-Stollberg
(33,i Km); außerdem besteht im S. der Stadt der
.Haltepunkt Nikolaivorstadt. 1890 verkehrten auf dem
.Haupt- (und dem mit ihm verbundenen Werkstätten-)
Bahnhof insgesamt 88220, d. i. täglich 242 Züge,
mit 1584472 Wagen. Die 1133761 Fabrkarten
brachten 1,972 Mill. M. ein. Im Güterverkehr gin-
gen ein 406 094 t, aus 409 259 t. Eine Pferdebahn-
linie durchzieht die lHtadt vom Schlachthof (im NO.)
bis nach dem Vorort Sckönau (SW.); gleichzeitig
ist eine neue Linie von Altendorf durch die Hart-
mannsstrahe über den Markt und die Reitbahn-
strahe entlang nach dem neuen Friedbof angelegt
worden; auf beiden Linien ist elektrischer Betrieb
Artikel, die mau umer C ver
eingerichtet. Ausserdem besteht ein lebhafter Omni-
busverkehr mit den entferntem Ortschaften. Den
Post- und Telegraphenverkehr vermitteln 2 Post-
ämter erster, 4 Postämter zweiter Klasse und ein
Telegraphenamt mit insgesamt 109 Beamten und
211 Unterbeamten. 1890 gingen ein8 238 700Briefe,
Postkarten, Drucksacken und Warenproben, 709066
gewöhnliche und Wertpakete, 62290 Geldbriefe,
67594 Nachnahmesendungen, 28580 Postaufträgc
im Werte von über 4^ Mill. M., Postanweisungen
im Betrage von 33,089 Mill. M. und 2750110 Zei-
tungsnummern. Abgesandt wurden 9910900Briefe
u. s. w., 912629 Pakete, 67 940 Geldbriefe, An-
weisungen im Betrage von 23,68i Mill. M. 1890
kamen an 123022 Telegramme, gingen ab 112252.
Die Stadtfernsprecheinrichtung umfaßt über 1100
Sprechstellen.
Geschichte. Die Stadt hat ihren Namen von
dem Flusse (5. (kurz nach 1000 0g.m6iiixi, d. i.
Steinfluß). (5in offener Ort (1oou8 Kamkinn) be-
stand indes bereits, als Kaiser Lothar (gest. 1138)
hier ein Bencdiktinerkloster, jetzt Schloß C., stiftete
und dasselbe mit jener Ortschaft wie mit aus-
gedehnten Gütern in der Umgegend ausstattete,
die damals Reichsgut war. Indem König Kon-
rad III. dann 1143 dem Kloster das Marktrecht ver-
lieh, gab er den ersten Anlaß zur Begründung einer
größern städtischen Niederlassung an der Stelle der
heutigen Altstadt. Das rasche Aufblühen derselben
wird im 13. Jahrh, durch die Existenz der Pfarr-
kirche zu St. Jakob (erwähnt 1254) und einer zwei-
ten Kirche zu St. Johannis (6xtia mui-o") bezeugt
l1264). In derselben Zeit erscheint C.als befestigter
Ort (civit^, 1254); 1298 hat es ausgebildete städti-
sche Verwaltungsbehörden (mg^ikter oivium, eon-
"ul68, d. i. Bürgermeister und Ratsherren). Als
das Pleißnerland, zu dem C. damals gehörte, 1290
an das Reich zurückgenommen wurde, erhielt C.
(Kßmiiic-/.) die Eigenschaft einer Reichsstadt, kam
aber am Anfange des 14. Jahrh, mit dem Pleißner-
lande endgültig an die Wettiner. 1414 erhielt es sein
ältestes Stadtrecht. Neben der uralten Leinweberei
und einer ausgedehnten, durch Regierungsmonopole
geschützten Bleicherei erreichte das Tuchmacherge-
werbe bald einen für damalige Zeiten großartigen
Umfang, und als die Stadt 1485 bei der Teilung
Sachsens an die Albertinische Linie kam, war sie
eine der blühendsten im Meihnerlande. 1539 wurde
durch Heinrich den Frommen die Reformation ein-
geführt und 1546 das reiche, bei der Stadt befind-
liche,vonLothar 1125 begründeteBenedittinerkloster
(Schlohchemnitz) aufgehoben. Im Dreißigjährigen
Kriege wurde die Stadt 1633-36 fast gänzlich zer-
stört; erst in der letzten Hälfte des 17. Jahrb. erhob
sich die Baumwollweberei als ein neuer Nahrungs-
zweig, welcher 1739 schon 2000 Stühle beschäftigte
und 20 Iabre später alle deutschen Konsmntions-
plätze mit rohen Kattunen versorgte. C. wurde 1765
Sitz der in den umliegenden Dörfern verbreiteten
Strumpfwirkerei. Schlüssel aus Hamburg legte hier
1770 die erste sächs. Zeugdruckerei an. Die engl.
Piqusweberei wurde 1775, die engl. Handspinn-
maschine 1790 durch Forke! und Irmscher, die Baum-
wollmaschinenspinnerei nach Arkwrightscheln System
1799 durch Wöhler und Whitfield eingeführt. Alle
diese Gewerbe erhoben C. während der Kontinental-
sperre zur böchsten Blüte, die aber nach dem Pariser
Frieden durch die unglückliche Handelspolitik des
Landes erheblich beeinträchtigt wurde, bis C. 1834
mißt, sind unter K aufzusuchen. 10^