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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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China (Geschichte)

zweite Stadt von Jün-nan, vor. Die Besatzung ergab sich ohne Widerstand, die chines. Beamten entflohen oder wurden ermordet. Von hier aus unterwarf sich Tu-wen-si allmählich das ganze westl. Jün-nan, eroberte 1868 selbst die Hauptstadt Jün-nan-fu und stiftete einen selbständigen Staat von etwa 165000 qkm Flächeninhalt mit gegen 4 Mill. E., an dessen Spitze er sich als König Suleiman stellte, mit einem Staatsrate von acht Beamten zu seiner Seite. Dieses Reich der Panthai hatte seinen Sitz in Ta-li-fu, dessen Namen das Land schon vor der Eroberung der Mongolen geführt hatte. Erst mit der Einnahme dieser Stadt durch die kaiserl. Truppen 1872 endete dieser Aufstand. Wie der südwestl. Teil von Jün-nan ging auch der größte Teil der Dsungarei, chines. Thien-schan-pelu, und ein Teil von Ostturkestan, chines. Thien-schan-nanlu, etwa 1540000 qkm mit einer Bevölkerung von mehr als 1 Mill. Seelen, ebenfalls durch Aufstände der mohammed. Bevölkerung, dem Chinesischen Reiche verloren. 1862 entstand nämlich, unabhängig von den Panthai, in dem westl. Teile der Provinz Schen-si eine Empörung des mohammed. Stammes der Dunganen und verbreitete sich bald über Kan-su nach der Dsungarei. Im Sommer 1864 eroberten die Dunganen die Stadt Urumtschi daselbst, wobei viele Tausende umkamen; im August desselben Jahres auch Kuldscha und 15. und 16. Jan. 1865 Tarbagatai oder Tschu-gutschak. Von Urumtschi verbreitete sich der Aufstand auch gegen Süden. Die Dunganen bemächtigten sich noch 1864 der Städte Kuldscha, Chamil, Aksu und Jarkand, sodaß bald nachher fast das ganze Ostturkestan (s. d.) für C. verloren war.

Der Haß der chines. Bevölkerung gegen die Europäer, namentlich gegen die christl. Missionare, gab nicht selten zu blutigen Auftritten Veranlassung und erforderte ein entschiedenes Auftreten der westl. Mächte. Ein engl. Geschwader erschien im Nov. 1868 vor Nan-king, um Genugthuung für die den Missionaren zu Jang-tschou zugefügten Beleidigungen zu erzwingen, und 25. Dez. desselben Jahres beschossen engl. Schiffe Thai-wan-fu auf Formosa, wo engl. Unterthanen beleidigt waren. Anfang 1870 wurden einige Missionare und chines. Christen und 21. Juni desselben Jahres zu Tien-tsin zahlreiche europ. und chines. Christen ermordet. Prinz Kung ließ sich jedoch durch die Abneigung der Chinesen gegen alles Europäische nicht abschrecken, und Tschung-hou, der zur betreffenden Zeit in Tien-tsin Oberhandelsaufseher gewesen war, wurde als außerordentlicher Gesandter nach Frankreich geschickt, um die durch die Tien-tsiner Morde aufgestiegenen Mißverständnisse zu beseitigen. Schon damals wurde der Empfang des franz. Gesandten durch den Kaiser in Aussicht gestellt. Allein sowohl die Ausführung dieses, auch von den übrigen Mächten beanspruchten Rechtes, wie die Verhandlungen wegen Erneuerung der mittlerweile abgelaufenen Verträge zogen sich in die Länge. Mittlerweile war 1868 der frühere Gesandte der Vereinigten Staaten, Anson Burlingame, als Bevollmächtigter der chines. Regierung nach Washington und den europ. Häfen gereist, um den guten Willen der erstern auszudrücken, allmählich in die Bahnen des Fortschritts einzulenken, war aber 18. März 1870 in Petersburg gestorben. Im Zusammenhang mit diesen Fortschrittsbestrebungen hatte die Regierung schon 28. Febr. 1868 die Stiftung einer Art Polytechnischen Instituts zu Peking mit Ernennung europ. und amerik. Lehrer sowie die Telegraphenverbindungen mit Rußland und Indien genehmigt. Im Febr. 1873 übernahm der junge Kaiser Tung-tschi selbst die Regierung, nachdem 16. Okt. 1872 seine Hochzeit stattgefunden hatte, doch starb er schon 12. Jan. 1875 im Alter von kaum 19 J. Sein Nachfolger wurde ein 1871 geborener Vetter Tsai-thien, dessen Herrscherzeit den Namen Kwang-sü erhielt. Über die Vorgänge auf Formosa s. d. 1875 wurde ein Zerwürfnis mit England wegen des Überfalls einer engl. Expedition in Jün-nan, als schon ein Krieg unvermeidlich schien, gütlich beigelegt. Im Febr. 1876 verlangte die Regierung des Deutschen Reichs von C. Genugthuung für einen auf das Küstenfahrzeug Anna gemachten räuberischen Anfall und zog vor Hongkong ein Geschwader zusammen. Darauf hin erfolgte im Mai 1876 die Absetzung der schuldigen Beamten sowie die Hinrichtung zweier Rädelsführer der Räuber. In dem zunächst mit England abgeschlossenen Vertrage von Tschi-fu (17. Sept. 1876) versprach C. den Ausländern den Schutz der Regierung bei Reisen im Innern sowie Öffnung der Häfen I-tschang und Wu-hu am Jang-tse-kiang, Wen-tschou in Tsche-kiang und Pak-hoi an der Südküste.

Im Frühjahr 1876 begannen die Chinesen endlich den Aufstand in der Dsungarei und Kaschgarien mit größerer Energie zu bekämpfen. Urumtschi wurde 28. Aug. 1876, Jarkand 21. Dez. 1877, Kaschgar 26. Dez. 1877 genommen. (S. Dsungarei und Kaschgar.) Während dieses Aufstandds hatte Rußland 1871 im Einvernehmen mit C., um die Ruhe herzustellen, Kuldscha besetzt, später aber die versprochene Rückgabe an C. verweigert und die Provinz als "Kuldschagebiet" mit dem Generalgouvernement "Russisch-Turkestan" vereinigt. Anfang 1880 wurde zwischen der russ. Regierung und dem chines. Gesandten in Petersburg, Tschung-hou, ein Vertrag abgeschlossen, daß C. gegen Zahlung von 5 Mill. Rubel an Rußland den östlichen, kleinern Teil von Kuldscha zurückerhalten solle. Diese Übereinkunft wurde aber von der Regierung in Peking nicht anerkannt, Tschung-hou zurückberufen und wegen Übertretung seiner Vollmacht zum Tode verurteilt, aber begnadigt. Die diplomat. Verhandlungen beider Staaten wurden fortan durch den chines. Gesandten in London, Tseng, geleitet. Beide Staaten bereiteten sich auf einen Krieg vor, die Russen vorzugsweise zu einem Angriff auf C. von der Seeseite, zu welchem Zwecke, vielleicht nur um C. einzuschüchtern, zu Wladiwostock unter dem Marineminister Viceadmiral Lessowski eine bedeutende Seemacht zusammengezogen wurde. Ihren Abschluß fand diese Angelegenheit endlich darin, daß 1882 das Kuldschagebiet von Rußland großenteils an C. zurückgegeben wurde.

In den folgenden J. 1882-85 wurde C. in die Streitigkeiten Frankreichs mit Annam über Tong-king (s. d.) verwickelt, in die es zu Gunsten Annams eingriff, ohne dessen Niederlage verhindern zu können. Die chines. Regierung nahm im April 1885 die Bedingungen des zu Paris vereinbarten Präliminarfriedens an, dem 9. Juni der definitive Friedensvertrag von Tien-tsin folgte, in dem Frankreich auf jede Kriegsentschädigung verzichtete und Formosa, die Pescadoresinseln und das im Busen von Pe-tschi-li besetzte chines. Gebiet räumte. Dagegen erkannte C. die franz. Herrschaft in Tongking an und gewährte die Eröffnung der Landgrenze für den franz. Handel,

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