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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Chirurgie

Neigung und Religionsansichten der operativen C. Gering ist daher auch der Gewinn, den die C. aus den Schriften der arab. Ärzte ziehen kann, wenn das ihnen von den Griechen Überlieferte abgerechnet wird. Doch wurden sie die Mittelspersonen, welche die mediz.-chirurg. Bildung des Altertums dem Mittelalter überlieferten.

Während des Mittelalters sank die C. tief herab; manche Errungenschaft der alten griech. und röm. Chirurgen geriet in Vergessenheit. Nur wenige Mönche und Juden, welche die einzigen Förderer der Medizin jener Zeit waren, und einzelne herumziehende Zahnbrecher, Steinschneider, Bruchschneider, Staroperateure u. dgl. wagten bedeutendere operative Eingriffe. Geringere Operationen, wie Schröpfen und Aderlassen, übten die Bader und Bartscherer. Allmählich suchten sich jedoch diese Handlanger als praktische Chirurgen zu emancipieren. Bereits 1271 wurde das Kollegium der Chirurgen zu Paris gegründet, welches durch den Eintritt Lanfranchis (1295) eine festere Stütze erhielt. Die Einführung der Feuerwaffen hatte schon der Behandlung der Wunden eine andere Richtung gegeben. Noch mehr aber förderte das erwachte Studium der Zergliederungskunst die Ausbildung der C. im allgemeinen, zumal da die praktische Seite der Anatomie, die Sektionen und das Präparieren der Leichname, allein den Chirurgen zufiel. In Frankreich glänzen als ältere Vertreter der C. bis zum 19. Jahrh. die Namen Guy von Chauliac (um 1350), Paré (1517-90), Guillemeau (1550-1612), Garengeot (1688-1759), de la Motte (1655-1703), Morand (1697-1773), Quesnay (1694-1774), Louis (1723-92), J. L. Petit, Ledran u. s. w. Das äußere Ansehen der Chirurgen wie die Wissenschaft selbst förderte wesentlich die Stiftung der Académie de Chirurgie durch die Bemühungen des unermüdlichen de la Peyronie 1731. Desault (1744-95) endlich wurde der Schöpfer der chirurg. Anatomie, der Begründer der wissenschaftlichen Höhe der C., die sie im 19. Jahrh. erlangte. Die fortwährenden Kriege seit der Revolution trugen wesentlich zur Entwicklung der C. bei, die schließlich auch die innere Heilkunde im Erfolge überflügelte. Sabatier, Percy, Boyer, Delpech, Larrey, vor allen Dupuytren sind in Frankreich die gefeierten Namen der neuern Zeit. In Italien, der Wiege der modernen Wissenschaften, vermochte die C. nicht mit den Bestrebungen der Franzosen Schritt zu halten. Doch sind auch hier gefeierte Namen zu nennen, wie Saliceto (1470), Cerlata (1480), im 16. Jahrh. Vigo, Benivieni, Maggi, de Romanis, Fern, Bido Bidius, della Croce, Tagliacozza und besonders Fabricius ab Aquapendente. Namentlich im 17. Jahrh. war der Anteil der Italiener an der Ausbildung der C. gering, bedeutend dagegen im 18. Jahrh., wo Molinelli (1702-64), die beiden Nannoni in Florenz, Palluci, Bertrandi (1723-65), Flajani in Rom (1741-1808), Palletta in Mailand (1747-1832), Assalini (1759-1840), Vacca Berlinghieri, vor allen der um die Hernien und Aneurismen verdiente Scarpa (1752-1832) sich auch einen Namen jenseit der Alpen erwarben. In England wurde erst spät ein wissenschaftliches Interesse für die C. rege, aber bald auch das Versäumte nachgeholt. Die Reihe der trefflichen Chirurgen eröffnete hier im 18. Jahrh. Cheselden (1688-1752), dem sein Schüler Sharp, ferner Monro, Pott, William und John Hunter, Benj. Bell, Alanson, Keate, Pearson, Earle, Abernethy, Latta u. a. folgten.

In Deutschland blieb die Ausbildung der C. länger als in den andern Ländern zurück. Nur Bruchschneider, Zahnbrecher und Starstecher durchzogen das Reich, sodaß lange Zeit eine Art Verruf auf dem chirurg. Zweige der Heilkunde lastete. Sehr wenige Ärzte ließen sich herab, mit dem Messer, den Bandagen und Maschinen eine genaue Bekanntschaft zu machen. Hervorragende Leitsterne der C. waren zuerst Hieron. Brunswig, Paracelsus, Gersdorf, besonders aber Fabricius Hildanus und Purmann. Der erste Universitätslehrer, welcher C. vortrug, war Lorenz Heister (1683-1758) in Altdorf und Helmstedt, zu dem sich dann Zach. Platner und Günz in Leipzig, Mauchart in Tübingen, Kaltschmidt in Jena, Siebold in Würzburg und der große A. G. Richter in Göttingen gesellten. Indessen vermochten sie selten einen Arzt so für die Kunst zu gewinnen, daß er sie praktisch geübt hätte; auch war damals auf den deutschen Universitäten die C. eigentlich nur geduldet. Seit dem Siebenjährigen Kriege empfand man in Preußen und Österreich das Bedürfnis, wenigstens bessere Militärchirurgen auszubilden, und es geschah dies hier durch Brambilla, Hunczovsky und Plenck, dort durch Eller, Scharschmidt, Henkel, Bilguer, Schmucker, Theden und Mursinna. Indessen führten auch diese Militärchirurgen immer noch den Namen Feldscherer.

Die C. der neuern Zeit. Seit den Napoleonischcn Kriegen schließt sich in Frankreich an Dupuytren und Larrey eine Reihe bedeutender Chirurgen, darunter Lisfranc, Guérin, Sédillot, Malgaigne, Roux, Belpeau, Rélaton, Chassaignac. In England entfaltete sich seit Astley Cooper die C. unter der Pflege von Liston, Fergusson, Guthrie, Davies, Erichsen, Syme, Simpson, James Paget, Joseph Lister u. a. In Deutschland entwickelte sich nach den Befreiungskriegen die C. hauptsächlich durch Rust (1775-1840), Gräfe (1787-1840), Fricke, Walther (1782 - 1849), Wattmann, C. J. M. Langenbeck, Chelius, Textor, Dieffenbach, Blasius u. a. Durch die Wirksamkeit dieser und anderer Männer als klinische Lehrer bildete sich namentlich eine große Anzahl tüchtiger Schüler. Viele der letztern schlugen bald selbständige Wege ein und förderten vorzugsweise bestimmte Felder in der chirurg. Kunst. So erweiterte der erfindungs- und erfahrungsreiche Dieffenbach das Gebiet der Operationslehre, und Männer wie Baum, Stromeyer, von Langenbeck, Heyfelder, Schuh, Bruns, Ried, Wernher, von Bardeleben, Simon, Roser schlossen sich ihm an. Sie förderten die C. zunächst dadurch, daß sie ihr mehr und mehr die Anatomie als Grundlage anwiesen (anatomische C.), dann daß sie immer mehr neue mechan. Kräfte und Werkzeuge in Anwendung brachten. Hatte man einerseits zahlreichere Operationsmethoden ersonnen, so war man doch auch andererseits bestrebt, die Grenzen des operativen Eingriffs möglichst einzuschränken. Insbesondere wiesen Stromeyer und dessen Anhänger darauf hin, daß man sich hüten müsse, einer schon bestehenden Verletzung durch operatives Eingreifen eine neue hinzuzufügen, namentlich da, wo die Natur selbst noch Hilfe schaffen kann. Der humane Sinn der Neuzeit machte sich in der C. vor allem in dem Bestreben geltend, Mittel aufzusuchen, durch die der Verlust von Gliedern vermieden werden kann, wo man früher amputierte. Man nennt diese chirurg. Kunst, Gliedmaßen zu erhalten, die konservative C. Während der operativen C. der Neuzeit

^[Artikel, die man unter C vermißt, sind unter K aufzusuchen.]