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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cicero

sah er sich enttäuscht: Antonius trat an Cäsars Stelle. Auch in diesem unruhvollen Jahre fand er so, aufs Land zurückgezogen, Muße für gelehrte Beschäftigungen. Da er sich aber auch als Schriftsteller nicht mehr sicher fühlte, ging er nach Griechenland, kehrte aber, als Antonius aus Rom weggezogen, bald zurück und verfaßte jene berühmten 14 Reden gegen Antonius, die er nach dem Vorbilde des Demosthenes "Phillipicae" nannte, von denen aber nicht alle, wenigstens nicht in der jetzigen Form, wirklich gehalten worden sind. Aus Haß gegen Antonius glaubte er den jungen Octavius als Werkzeug gegen jenen begünstigen zu müssen. Als aber nach dem Siege über Antonius bei Mutina, und nach dem Tode der beiden Konsuln Hirtius und Pansa, Octavius die Maske der Ergebenheit gegen den Senat abgeworfen, sich mit Hilfe seiner Legionen des Konsulats bemächtigt und sogar mit Antonius und Lepidus ein Bündnis geschlossen hatte (Triumvirat), war es mit C.s Einfluß und bald auch mit seinem Leben vorbei. Sein Name stand auf der Ächtungsliste, Antonius hatte es verlangt. Als C. dies erfuhr, begab er sich an die Meeresküste und schiffte sich ein, kehrte aber ans Land zurück, um in seinem Landhause bei Formiä zu verweilen. Seine ergebenen Sklaven versuchten, ihn in einer Sänfte wieder nach dem Meere hinzutragen; aber bald wurden sie von den Mördern erreicht. C. verbot allen Widerstand, ließ die Sänfte niedersetzen und streckte sein Haupt den Mördern entgegen. So starb C. 7. Dez. 43 v. Chr. in einem Alter von beinahe 64 Jahren. Seinen Kopf und seine Hände ließ Antonius auf derselben Rednerbühne befestigen, von welcher herab der Redner, wie Livius sagt, eine Beredsamkeit hatte hören lassen, die nie eine menschliche Stimme wieder erreicht hat. C.s Tod verursachte eine allgemeine Trauer. C. hinterließ, da seine von ihm zärtlich geliebte Tochter Tullia (zuerst an C. Piso Frugi, nach dessen frühem Tode an Furius Crassipes, und nach der Scheidung von diesem an P. Cornelius Dolabella verheiratet, aber auch von diesem schließlich wieder geschieden) vor ihm gestorben war, nur einen Sohn, Marcus Tullius C., der mit dem Vater geächtet, später von Octavian 30 v. Chr. zum Konsul-Suffectus, dann zum Statthalter von Syrien ernannt wurde.

C.s persönlicher Charakter, für dessen Kenntnis sein zum Teil erhaltener Briefwechsel die Hauptquelle ist, zeigt manche schöne Seiten. Er besaß ein warmes Herz für seine Angehörigen und Freunde, auch für alles Große, und einen rastlosen Eifer für seine eigene Ausbildung; auch durch Sittenreinheit überragte er die meisten seiner Zeitgenossen. Mit diesen guten Eigenschaften waren allerdings auch Schwächen verbunden, wie Unentschlossenheit, Mangel an Festigkeit und Konsequenz, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit, die in seinem Thun und Reden ungescheut zu Tage tritt. Während er daher als Staatsmann nicht hochzustellen ist, nimmt er ohne Frage den ersten Platz unter seinen Zeitgenossen auf dem Felde der Litteratur, vor allem der Beredsamkeit ein. Schon von Natur reich begabt mit Verstand und Einbildungskraft, bildete er sich durch unermüdliches Studium zum ersten Meister der röm. Redekunst aus. Durch seine Vermittelung griech. Bildungselemente ist C. ein Förderer röm., aber auch allgemeiner humaner Bildung und ein Träger menschlicher Kultur geworden.

Neuere Gesamtausgaben C.s sind die von Orelli (2. Aufl., fortgesetzt von Baiter und Halm, 4 Bde., Zür. 1845-63), die von Baiter und Kayser (11 Bde., Lpz. 1860-69), die von R. Klotz (11 Bde., 2. Ausg., ebd. 1869-74) und die neueste, die von C. F. W. Müller (ebd. 1878 fg.). Deutsche Übersetzungen seiner Werke sind in Stuttgart (vollständig in 76 Bändchen 1827-78 bei Metzler und in 160 Lieferungen bei Hoffmann; neue Ausg., Berlin bei Langenscheidt) erschienen; unter den Specialübersetzungen (Briefe an Atticus und an Quintus C.) ist die von Ch. M. Wieland hervorzuheben. Merguet giebt ein Lexikon zu den Schriften C.s heraus (Tl. 1: zu den Reden, 4 Bde., Jena 1877-84; Tl. 2: zu den philos. Schriften, Bd. 1-3, ebd. 1884-93).

Ausgaben sämtlicher Reden C.s mit Kommentar lieferten Manutius (Vened. 1546) und Lambinus (ebd. 1570); mit kritischen und erklärenden Anmerkungen Klotz (Lpz. 1835-39). Von den Ausgaben einer Auswahl von Reden sind hervorzuheben die von Madvig (5. Aufl., Kopenh. 1867), die des Waisenhauses zu Halle (22. Aufl., von Heine, 1893), die von Eberhard und Hirschfelder (2. Aufl., Lpz. 1879); ferner Ausgaben einiger Reden mit lat. Kommentarien von Halm und Jordan (ebd. 1845 fg.), die von Halm mit deutschen Anmerkungen (ebd. 1850 fg., in wiederholten Auflagen erschienen), die in der Teubnerschen Sammlung erschienene (ebd. 1856 fg.), endlich die (noch nicht vollendete) von H. Nohl: "Ciceronis orationes selectae scholarum in usum". Als unecht gilt fast allgemein die dritte der "post reditum" gehaltenen. Zu einzelnen Reden giebt es Kommentare von Asconius (s. d.) und außer- dem zu einer größern Anzahl Reden Scholien (hg. von Orelli, in der Gesamtausgabe C.s).

Die rhetorischen Schriften C.s (mit welchen von jeher ein nichtciceronianisches Werk, die "Rhetorica ad Herennium" [s. Cornificius] verbunden wird) sind: die Jugendarbeit "De inventione" (hg. von Weidner, Berl. 1878), die drei Bücher "De oratore", wohl das beststilisierte Prosawerk der lat. Litteratur (hg. von Ellendt, Königsb. 1840; Bake, Amsterd. 1863; Sorof, 2. Aufl., Berl. 1882; Stangl, Prag 1893), der Dialog "Brutus, de claris oratoribus" (hg. von Jahn, 4. Aufl. von Eberhard, Berl. 1877), der "Orator" (hg. von Ellendt, Königsb. 1825; Jahn, 3. Aufl., Berl. 1869; Piderit, 2. Aufl. 1876; Heerdegen, Lpz. 1884) und einige kleinere. Eine Auswahl gab Weißenfels heraus (Lpz. 1893).

Die philosophische Schriftstellerei C.s ist für uns weniger wertvoll wegen ihres Inhalts als wegen ihrer Form. C., dem der philos. Geist völlig abging, ist hier wirklich, außer etwa in kleinern Abhandlungen, nur Übersetzer, aber als solcher hat er die lat. Sprache wesentlich bereichert und geschmeidigt und seine Landsleute für philos. Fragen empfänglich gemacht. Hierher gehören die Schriften "De republica" (hg. aus einem Palimpsest [s. d.] - soweit erhalten - zuerst von Mai, Rom 1822, zuletzt von Osann, Gött. 1847), "De legibus" (hg. von Bake, Leid. 1842, und von Vahlen, 2. Aufl., Berl. 1883; erklärt von Du Mesnil, Lpz. 1879), "De finibus bonorum et malorum" (epochemachende Ausgabe von Madvig, Kopenh. 1839, 1869 u. 1876), "Academica" (hg. von Reid, Lond. 1874), "Tusculanae disputationes" (hg. von Kühner, 5. Aufl., Hannov. 1874; von Tischer und Sorof, 8. Aufl., Berl. 1884), "De natura deorum" (hg. von Schömann, 4. Aufl., Berl. 1876, und A. Goethe, Lpz. 1887), "De divinatione", "De officiis"

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