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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Colico - Coligny (Gaspard de)
Unter furchtbaren Stürmen wurde die Entfernung
beweibter Priester von ihren Funktionen in Deutsch-
land, Frankreich und Oberitalien durchgesetzt. Fast
allerorten erhob sich der niedere Klerus zum Wider-
stände: Bischöfe und pästl. Legaten wurden, wenn
sie die Verordnungen von 1074 publizierten, miß-
handelt und mit dem Tode bedroht. Allein Gregor
führte die Volksmassen gegen die verheirateten
Priester in den Kampf. In Deutschland trieben
außerdem die innern Kämpfe gegen die Kaiserge-
walt den größern Teil der Reichsfürsten und der
Bischöfe ins päpstl. Lager. Auch nach Gregors Tode
war die Priesterehe noch nicht völlig vertilgt, wie
eine Verordnung Nrbans II. vom I. 1089, die Be-
schlüsse eines Konzils von Reims 1119 und zweier
Lateransynoden (1123 und 1139) beweisen. Trotz-
dem ermattete allmählich der Widerstand, und im
12. Jahrh, verschwindet die Priesterehe völlig im
Bereich der abendländ. Kirche, mit Ausnahme des
german. Nordens, wo sie nach Ausweis der altnord.
Rechtsbücher noch im 14. Jahrh, anerkannt war.
Nach kanonischem Recht darf kein Beweibter die
höhern Weihen empfangen, außer wenn seine Gattin
das Gelübde der Keuschheit ablegt, d. h. ins Kloster
geht; Subdiakone, Diakone, Priester und Bischöfe,
welche nach der Weihe eine Ehe schließen, verlieren
Pfründe und Amt, die Ehe selbst aber ist null und
nichtig; dagegen sind die Ehen der Kleriker der
niedern Weihegrade gültig, und der Bischof kann
ihnen, falls sie eine Jungfrau geheiratet haben,
auch die Ausübung der Funktionen gestatten, zu
denen die niedern Weihen befugen. Die Klagen
über die große Sittenverderbnis des Klerus sind
so alt wie die Errichtung des C., mehren sich aber
in erschreckendem Maße seit dem 14. Jahrh. Die
hussitische Bewegung brachte den Streit über den
C. aufs neue in Gang. Wohl räumten die Baseler
Kompaktaten den Ntraquisten die Priesterehe aus-
nahmsweise ein, aber Rom erkannte diese Kon-
zessionen nicht an, und auf dem Tridentiner Konzil
wurden nur die alten, heute noch gültigen Bestim-
mungen bestätigt. Auch im 19. Jahrh, wurden Ver-
suche zur Abschaffung des C. gemacht, doch von
Gregor XVI. und Pius IX. mit aller Schärfe zurück-
gewiesen, ja der erstere gestattete 1833 nicht einmal
den Rücktritt Geistlicher höberer Weihen in den
Laienstand. Erst der Altkatholicismus hat, aller-
dings erst nach langen Verhandlungen, mit dem
C. gebrochen. Das Preuß. Landrecht hat das Ehe-
hindernis der höhern Weihen unberücksichtigt ge-
lassen, ebenso der franz. Ooä6 civil. In Frankreich
hat sich indessen, nachdem in der Revolution viele
vereidigte Priester sich verehelicht, das Konkordat
von 1801 aber wieder den C. fixiert hatte, die Praxis
der Gerichte für die Nichtigkeit der Ehen der Geist-
lichen entschieden. Ausdrücklich aufrecht erhalten ist
das Ehehindcrnis der höhern Weihen zur Zeit noch
in Osterreich (doch cessiert es nach Gesetz vom 25. Mai
1868 bei dem Übertritt des Geistlichen zu einer an-
dern Konfession). In Italien ist es bei Einführung
der Civilehe gefallen, und ebenso im Deutschen Reiche
durch das Reichsgesetz vom 6. Febr. 1875, welches
für ganz Deutschland den kath. Geistlichen die Mög-
lichkeit der Eingehung der Ehe gewährt hat; doch
verlieren solche nach Kirchenrecht Amt und Pfründe.
Ob der Staat zur Durchführung dieser Rechtsfolgen
verpflichtet sei, ist streitig.
Vgl.die Sammlung der Cölibatsverordnungen bei
Roskovany, (Ü06iid3.tii8 6t drOviariuni, Bd. 1-4
Artikel, die man unter E vermißt, sind unter K aufzusuchen.
(Pest 1861); Theiner, Die Einführung der erzwun-
genen Ehelosigkeit bei den christl. Geistlichen und
ihre Folgen (2 Bde., Altenb. 1828; 2. Aufl. 1845);
Carovs, über das Cölibatsgesetz des röm.-katb.
Klerus (2 Bde., Franks. 1832-33); ders., Das röm.-
kath. Cölibatsgesetz in Frankreich und Deutschland
(Offenb. 1834); Lea, Historie^ 8k6tek ok^coi-äotai
celidae? (Philad. 1867; 2. Aufl., Boston 1884);
Holtzendorff, Der Priestercölibat (Berl. 1875); von
Schulte, Der Cölibatzwang und dessen Aufhebung
(Bonn 1876); Laurin, Der C. der Geistlichen nach
kanonischem Recht Wien 1880).
Die evangelische Kirche hat von Anfang an
den Priestercölibat aufgegeben. In der Schrift "An
den christl. Adel deutscher Nation von des christl.
Standes Besserung" (1520) hat Luther die Priesterehe
ausführlich gerechtfertigt, entschloß sich auch 1525
selbst "mit seinem Beispiele voranzutraben". Schon
vorher hatten mehrere evang. Geistliche diesen
Schritt gethan. Die Augsburgische Konfession
(Art. 23), die Apologie (Art. 11), die reform. Be-
kenntnisse (z. B. Erste helvet. Konfession, Art. 37;
Zweite helvet. Konfession, Art. 29) und die Angli-
kanische Kirche begründen das Recht der Geistlich-
keit auf den Ehestand aus der Naturordnung, der
Heiligen Schrift und der altkirchlichen Sitte, zugleich
mit Hinweis auf die Folgen des erzwungenen C. -
Vgl. Meuß, Leben und Frucht des evang. Pfarr-
hauses (Bielef. 1877); Wiener, Das evang. Pfarr-
haus in seiner socialen Bedeutung (Gotha 1881).
Eolico (OoiLcum der Römer), Ort in der ital.
Provinz und im Kreis Como, am Südrande des
Anschwemmungsgebietes der Adda, in ungesunder
Lage und an den Linien Chiavenna-C. und Sondrio-
C. des Adriatischen Netzes, hat (1881) 914, als Ge-
meinde 3539 E., und als Ausgangspunkt des Velt-
lins und Stapelplatz des Dampsschissverkehrs auf
dem Comersee lebhaften Handel und Touristenver-
kehr. In der Nähe, im NO. von C., die 1603 von
den Spaniern erbaute, 1796 von den Franzosen
zerstörte Felsenfestung Fuentes.
Eolieren, s. Kolieren.
Coligny (spr. kollinjih), Francois de, Herr von
Andelot, geb. 18. April 1521, wurde 1552 General-
oberst der franz. Infanterie und 1557 mit seinem
Bruder Gaspard C. (s. d.) in St. Quentin gefangen.
Er entfloh jedoch und nahm an der Einnahme von
Calais und Guines teil. Schon in einer frühern
langen Haft zu Mailand war er der Reformation
gewonnen, die er 1558 vor Heinrich II. eifrig ver-
teidigte; unter Gaspard war er seit der Bildung der
hugenottischen Partei einer ihrer kühnsten militär.
Vorkämpfer, focht 1562 und seit 1567 mit Aus-
zeichnung für sie, starb aber 1569 am Fieber.
Goligny (spr. kollinjih), Gaspard de, Herr von
Chatillon, Admiral von Frankreich urw franz.
Staatsmann, wurde 16. Febr. 1519 zu Chatillon-
sur-Loing geboren. Sein Vater, Marschall von Cha-
tillon, starb 1522, seine Mutter, Luise von Mont-
morency, erzog ihn und seine Geschwister daheim
und am Hofe Franz' I. in der freiern Bildung der
Renaissance. Am königl. Hofe lernte er vielseitiges
Weltleben und das Wafsenhandwerk und wuchs,
unter der Zucht und Beförderung seines Oheims
Anne de Montmorency (s. d.), als strenger Royalist
empor. An den Kriegen gegen Karl V. nahm er
schon als Jüngling teil. 1542-44 kämpfte er an
der Südost- wie der Nordostgrenze tapfer mit, 1545
-46 im Norden gegen die Engländer. Eine ital.