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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Cromwell (Oliver)
zwischen dem Presbyterianismus des Unterhauses
und dem Independentismus der Armee führte zum
vollkommenen Bruch. Die Soldaten sahen sich be-
droht vom Joch einseitigster presbyterianischer
Kircbenordnung und erhoben sich im Gefühl ihrer
Macht. Dem Parlament wurde der Gehorsam auf-
gesagt, durch einen Handstreich der gefangene König
aus den Händen des Parlaments in die Gewalt des
Heers gebracht und Aug. 1647 London besetzt. Die
Führer des Heers traten mit dem Konig in Verhand-
lung,' C. erstrebte ernstlich einen Ausgleich, doch
schon wurden die argwöhnischen Truppen unruhig,
sie wollten keine Verhandlung mit Karl, sondern
dessen Absetzung und die Republik. (5. ließ den gefähr-
deten Konig nach der Insel Wight entkommen
(11. Nov. 1647), von wo aus dieser sich mit den
Schotten in Verbindung setzte und den zweiten
Bürgerkrieg hervorrief, den C. durch den Sieg bei
Preston über die Schotten (17. bis 19. Aug. 1648)
und die Einnahme Edinburghs schnell beendete.
Inzwischen hatte auch das Parlament mit dem König
gegenüber dem gemeinsamen Feind, der indcpen-
dentiscken Armee, seinen Frieden geschlossen, beide
traf daher die Strafe. Am 6. und 7. Dez. 1648 ließ
(5. die presbyterianischen Mitglieder des Unter-
hauses verhaften und aus dem Parlament aus-
schließen, nur ein kleiner independentischer Nest blieb
als sog. Rumpfparlament bestehen. Jan. 1649
wurde der König vor einen besondern Gerichtshof
gestellt, verurteilt und 30. Jan. enthauptet.
So waren die alten Regierungsgewalten, das
Königtum und bis auf einen geringen Rest das
Parlament vernichtet, es herrschte eine in England
unerhörte neue Gewalt, das aus dem Bürgerkrieg
hcrvorgegangene von (5. beeinflußte Heer. Noch
ließ man den Rumpf des Parlaments bestehen,
neben ihm erhielt ein ^taatsrat, in dem C. die
Hauptrolle spielte, die ausübende Gewalt. Die
Armee hatte die Stellung des neuen "Gemeinwesens"
(conimouwealtli) sofort zu behaupten gegen die
rebellischen Nachbarreiche Irland und Schottland,
die sich für des Königs Sohn, Karl II., erhoben.
Die irische, seit 1641 lebendige Erhebung erstickte
C. in Strömen Bluts (1649); er überließ die voll-
kommene Niederwerfung seinem Schwiegersohn Ire-
ton, während er nach Schottland gerufen wurde, wo
Karl II. erschienen war und sich mit den Presbyte-
rianern unter dem Herzog von Argyll verbunden
hatte. Aus einer schwierigen Stellung bei Dunbar
rettete C. sich und sein Heer durch einen glänzenden
Sieg (3. Sept. 1650), und gerade ein Jahr darauf
schlug er den in England eingefallenen Karl II. bei
Worcester vernichtend aufs Haupt.
Die militär. Vorarbeit war so durch C.s Fcld-
berrngenie in der vollkommensten Weise gethan, und
der neue Freistaat erhob sich im Gefühl seiner Macht:
das Rumpfparlament führte in der Navigation^-
akte, welche das Monopol der Holländer im inter-
nationalen Frachtverkehr brechen sollte, einen wuch-
tigen Angriss gegen diesen Rivalen zur See; im
ausbrechenden Kriege (1651 - 54) erzwang der
Seeheld der Republik, Robert Blake, die An-
erkennung der Akte. Im Innern bemühte sich C.,
einen Ausgleich herzustellen zwischen der neuen
in der Armee ruhenden revolutionären und dem
Rest der alten gesetzlichen Staatsgewalt. Aber der
Rumpf des Parlaments forderte alle Macht für
sich, sodaß ibn C. sckließlick mit militär. Hilfe au5-
einandertrieb (20. April 1653). Ein neuer Staats-
Artilel, die man unter E ver
rat von 12 Personen und C. als Vorsitzendem trat
zusammen und schrieb ein Parlament aus; aber da
man der Mehrheit im Lande durchaus nicht sicher
war, wurde dasselbe durch Ernennung, nicht durck
Wahl gebildet. Es war eine Art puritanischer
Notabelnversammlung, Barebones Parlament ge-
nannt, deren Sitzungen einen fast kirchlichen Charak-
ter trugen. C. eröffnete es (Juli 1653) mit einer
seiner wunderbaren Reden, die mit alttestament-
lichem Grundton polit. Gedanken und Auslassungen
von seltenster Klarheit und Schärfe verbanden. Aber
diese Versammlung zeigte sich ihrer Aufgabe nicht
gewachsen, und C. löste sie bereits im Dezember wieder
auf. Von allen Seiten bedrängt, von Royalisten
und Presbytcrianern sowie von den in religiöse und
polit. Schwärmerei ausartenden Radikalen, den
Levellern (s. d.), mußte C. zur Sicherung des Er-
reichten zwischen diesen Gegensätzen eine widerstands-
fähige Macht errichten, und so ging aus den Vera-
tungen der Offiziere, Dez. 1653, eine neue Verfassung
hervor, die (5. zum Lord-Proteltor und damit zum
obersten Herrn des Staates ernannte. Der Protektor
war gebunden an die Beschlüsse eines Staatsrats,
dieser hatte im wesentlichen die ausübende, das
Parlament, in dem zum erstenmal auch Schotten
und Iren sahen, die gesetzgebende Gewalt.
C., der sich als ein Staatsmann von seltenster
Größe und Begabung offenbarte, führte das geeinte
Reich sofort mitten hinein in die große europ.
Politik und verband noch einmal wie Cecil unter
Elisabeth den Kampf für den Protestantismus in
Europa mit dem Kampf für die Meeresherrschaft
Englands gegen Spanien. Schnell folgten einander
Freundschafts- und Handelsverträge mit den führen-
den prot. Mäckten, wie Schweden und Dänemark;
auch mit kath. Gegnern Spaniens, wie mit Portugal,
schließlich auch mit Frankreich, schloß er Verträge,
aber erst nachdem dieses auf seine Veranlassung den
verfolgten Waldensern Piemonts Hilfe geleistet hatte.
Zwei engl. Flotten liefen aus, eine eroberte für
England Jamaika, eine zweite nnter Blake brand-
schatzte die Widersacher im Mittelmeer und schlug
die Spanier. Nach einem Angriffsbündnis mit
Frankreich (1657) wurde der Krieg in den span.
Niederlanden eröffnet und Dünkirchen genommen.
Während so Englands Macht nach außen einen
gewaltigen Aufschwung nahm und im Innern Ver-
waltung und Justiz geordnet, im Lande Ruhe ge-
schaffen wurde, war dock alles Bemühen C.s um-
sonst, die neue ungesetzliche Gewalt mit der alten
gesetzlichen zu versöhnen. Auch das 3. Sept. 1654
eröffnete, neu gewählte Parlament hielt fest an der
absoluten Parlamente Hoheit gegenüber der An-
maßung dieses militär. Protektorates; es vermochte
nicht mit den thatsächlichen Machtverhältnissen zu
rechnen und wurde 22. Jan. 1655 von C. aufgelöst.
Nun herrschte die Militärdiktatur: das Land wurde
in 12 Militärbezirke geteilt, strengste Polizeiaufsichr
geübt und Beschränkung aller öffentlichen Lustbar-
keiten angeordnet. Aber die gewaltigen Summen,
welcke die auswärtige Politik verschlang, nötigten
C. wieder ein Parlament auf, und da er dessen Zu-
sammensetzung stark hatte beeinflussen können, so
erzielte er mit ihm positive Ergebnisse. Dies Par-
lamcnt beriet die endgültig dem Staat zu gebende
Verfassung: zwei Parlament^häuser, dreijährige
Berufung, Ausschließung der Royalisten und an der
Spitze C. als König mit dem Reckt, seinen Nacw
folgcr zu ernennen. Lange hat C. geschwankt, aber
mißt, sind unter K aufzusuchen.