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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Desinfektion

in welchem das Kochen unter höherm Drucke, bei etwa 2 Atmosphären Spannung erfolgen kann, so gewährt dieser noch größere Sicherheit. Zur D. von Wollstoffen, Bettdecken, Matratzen, Kissen u. dgl. ist eine trockne Erhitzung vorzuziehen. Die früher gebräuchliche Erhitzung durch direkte Feuerung war schwer zu regulieren und wurde später durch die viel gleichmäßigere Erhitzung mittels strömenden Dampfes ersetzt, der in den hohlen Wänden des kasten- oder cylinderförmigen Apparates cirkulierte. Neuerdings läßt man den Dampf mit den Gegenständen unmittelbar in Berührung treten, da der Dampf die Stoffe gut auflockert und das Eindringen der Wärme beschleunigt. Eine Durchnässung vermeidet man hierbei durch vorheriges Anwärmen sowie nachträgliches Durchlüften mit heißer Luft. Ein nach diesem Princip hergestellter Desinfektionsapparat ist der von Schimmel & Comp. in Chemnitz. Derselbe besteht aus einem zimmerartigen Raum, auf dessen Grund ein Rippenheizkörper und ein darüberliegendes mit feinen Öffnungen versehenes Dampfeinströmungsrohr angebracht sind. Die zu desinfizierenden Gegenstände werden auf einem auf Schienen beweglichen Gestell hereingefahren, worauf die Thür luftdicht verschlossen wird. Nachdem die Gegenstände eine Zeit lang der durch den Heizkörper entwickelten trocknen Hitze ausgesetzt sind, läßt man den Dampf einströmen, der die Stoffe rasch durchdringt und sie auflockert, wodurch eine schnelle Durchhitzung erzielt wird. Nach Dampfabschluß läßt man wieder die trockne Hitze wirken.

Größere Städte sind jetzt zur Anlage von öffentlichen Desinfektionsanstalten geschritten, in denen gegen mäßiges Entgeld die D. von infizierten Gegenständen vorgenommen wird. Hierbei ist besonders darauf zu achten, daß bei dem ununterbrochenen Betrieb die bereits desinfizierten Gegenstände nicht mit den neu hinzukommenden durchseuchten in Berührung kommen, was dadurch erreicht wird, daß bei dem Apparat für Ein- und Ausbringen der Stoffe besondere Thüren angeordnet sind, die außerhalb des Apparates durch eine das ganze Zimmer durchziehende Wand getrennt sind, sodaß auch die mit dem Einbringen der durchseuchten Stoffe beschäftigten Beamten nicht mit denjenigen in Berührung treten, welche die Zurückbeförderung der gereinigten Gegenstände besorgen. Ein solcher getrennter Betrieb wird durch die Bauart der Desinfektionsapparate von Rietschel & Henneberg in Berlin ermöglicht. Auch transportable Apparate hat man konstruiert, um den Transport einer größern Menge an einem Orte befindlicher durchseuchter Gegenstände zu umgehen.

Jeder Raum, in dem ein an ansteckenden Krankheiten Leidender verweilt hat, sollte nach dem Verlassen desselben einer D. unterzogen (desinfiziert) werden, ehe er wieder bewohnt wird. Hierzu eignen sich die gasigen Desinfektionsmittel am besten, wie Chlor, Brom, schweflige Säure, salpetrige Säure, von denen Chlor und schweflige Säure am leichtesten anwendbar sind. Nur begnüge man sich nicht damit, in dem betreffenden Raume eine leichte Räucherung mit diesen Gasen vorzunehmen, wodurch absolut nichts erreicht wird, sondern man entwickle diese Gase in solchen Mengen, daß der Aufenthalt für Menschen während der Räucherung unmöglich gemacht wird, und lasse sie längere Zeit, etwa 24 Stunden lang, andauern. (S. Chlorräucherung.) Bromgas entwickelt man am besten nach dem Frankschen Verfahren aus mit flüssigem Brom getränkter Kieselgur, aus welcher das Brom an der Luft allmählich verdampft; für 1 cbm in Raum sind zur sichern D. 40 g Brom erforderlich. Zur D. mit schwefliger Säure entzünde man Schwefel in einem eisernen Gefäß, wobei für einen Raum von 120 cbm Inhalt etwa 2 kg Schwefel zu verwenden sind. Daß während der Durchräucheruug alle Thüren und Fenster des Raumes geschlossen zu halten sind, ist selbstverständlich. Will man im Krankenzimmer während des Verweilens des Patienten eine D. der Luft vornehmen, so sind die genannten Stoffe nicht verwendbar, wohl aber läßt sich der beabsichtigte Zweck durch Verbreitung von Carbolsäuredampf erreichen. Zu diesem Behufe stelle man chemisch reine Carbolsäure, auf einem flachen Teller ausgebreitet, an einen mäßig warmen Ort, z.B. in die Nähe des Ofens, wobei eine genügende Menge verdunstet, ohne dem Kranken nachteilig zu werden.

Die gefährlichsten Träger der Ansteckungsstoffe sind in vielen Fällen die Auswürfe und Entleerungen der Kranken; werden diese ohne weiteres in die Aborte (s. d.) geschüttet, so können die bedenklichsten Folgen daraus entstehen. Die Krankheitsorganismen finden dort alles, was sie zu ihrer reichlichsten Vermehrung bedürfen: Feuchtigkeit, eine gewisse Wärme, zersetzbare organische Substanz in Fülle; durch den in den Abfallschloten herrschenden Zug können sie durch alle Stockwerke des Hauses verbreitet werden. Es sollten daher die zur Aufnahme der Entleerungen bestimmten Gefäße stets vor dem Gebrauch bereits ein wirksames Desinfektionsmittel enthalten, um die Organismen sofort zu töten. Von den mechan. Mitteln kommt hauptsächlich Erde, Asche und Torf in Frage. Erde hat eine sehr beharrliche reinigende Kraft, kann deshalb mehrmals verwendet werden und liefert einen recht guten Dünger; allerdings sind große Mengen erforderlich, pro Jahr und Kopf an 1200 kg. Ahnliche Ergebnisse liefert Asche in Bezug auf D. und Dünger. Sie wird durch Sieben aus dem Kehricht genommen; jedoch liefert der Hausverbrauch nicht die nötige Menge (etwa das Doppelte der Exkremente); nur in Manchester scheint die Asche für die D. auszureichen; dort sind Aschenklosetts nach dem Tonnensystem in Brauch. Bedeutend geringerer Verbrauch an Zusatz zu den Exkrementen ist notwendig bei Anwendung von Präparaten aus Torf. Torf liefert 80 Proz. Torfstreu und 20 Proz. feine Masse, Torfmull. Nach der Braunschweiger Norm ist nur ein Quantum von 55 kg Torfmull, welcher besondere Aufsauge- und Bindefähigkeit besitzt, für den Kopf und das Jahr ausreichend. Das Ergebnis der D. Torfmist, fast geruchlos, liefert Vorzugsweise für leichten Ackerboden einen guten Dünger.

Der Zusatz dieser Desinfektionsmittel geschieht entweder in Streuklosetts, in den Abtrittsgruben oder an den Sammelstellen außerhalb der Stadt, wo auch die Zubereitung des für landwirtschaftliche Zwecke wertvollen Fäkalienkomposts erfolgt.

Bedeutend intensiver, namentlich in Bezug auf die Zerstörung von Kleinlebewesen ist die D. mit chem. Mitteln, die auf flüssigem Wege erfolgt. Von den einfachen Mitteln verdienen wegen ihrer Billigkeit und Wirksamkeit den Vorzug Kupfervitriol und Carbolsäure; neuerdings werden auch das Creolin (s. d.), das Lysol (s. d.) sowie das Kresol (s. d.) zu dem gleichen Zweck empfohlen. Auch zwei ältere