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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Dessau

Die kath. Kirche zu St. Peter und Paul, 1854 im got. Stil erbaut, hat schöne Glasmalereien von Baudri. Die Synagoge (1688) wird neu gebaut.

Weltliche Bauten, Denkmäler. Das herzogl. Schloß, von der Mulde durch einen kleinen Garten getrennt, besteht aus einem westl. Flügel (1532), einem wertvollen Werke der beginnenden Renaissance, zu den frühesten in Deutschland gehörig, und dem 1748‒51 durch den Berliner Baumeister von Knobelsdorff umgebauten östl. Flügel; der Mittelbau ist 1872‒74 nach Plänen von Normanns in neuer Renaissance aufgeführt. Im Erdgeschoß die sog. altdeutschen Gemächer, im Geschmack des 16. Jahrh., in den andern Stockwerken Sammlungen von wertvollen Möbeln, Altertümern, geschichtlichen Denkwürdigkeiten und etwa 600 Ölbildern, darunter solche von Tizian, Rubens, van Dyck, Leonardo da Vinci u. a. Das Rathaus (1561) am Kleinen Markt ist 1883 in deutscher Renaissance renoviert; in der Kavalierstraße das Palais der Prinzessin Luise und das erbprinzliche Palais, 1883‒87 nach Entwürfen von Ende und Böckmann erbaut, und das Theater mit dem Konzertsaal (18 m lang, 10 m breit), nach dem Brand von 1855 neu erbaut im Stil des Berliner Opernhauses; hinter dem Theater die herzogliche und die Georgsbibliothek (50000 Bände); das Gymnasium Fridericianum und Realgymnasium (1880‒82), davor das Denkmal des Dichters der Griechenlieder Wilh. Müller. Endlich das Landtags- und Behördenhaus (1872‒75), das Land- und Amtsgericht (1884‒85), die Gebäude der Anhalt-Dessauischen Landesbank (1850) und der Deutschen Kontinental-Gasgesellschaft (1872). Auf dem Neumarkt das Standbild (1858) des Herzogs Leopold Friedrich Franz (von Kiß), auf dem Großen Markt das Standbild (1860) des Fürsten Leopold nach dem Modell der Schadowschen Statue auf dem Berliner Wilhelmsplatz (von Kiß), am Kleinen Markt das 1867 beim 50jährigen Regierungsjubiläum des Herzogs Leopold Friedrich errichtete Jubeldenkmal zur Erinnerung an die Wiedervereinigung Anhalts (1863), mit den Standbildern Albrechts des Bären, Heinrichs Ⅰ., Joachim Ernsts und Leopold Friedrichs und vier Städtefiguren (von H. Schubert); Denkmal für die 1870/71 gefallenen Anhaltiner; Moses Mendelssohn-Denkmal (1890); das vom Baron von Cohn, dem Bankier Kaiser Wilhelms Ⅰ., gestiftete Kaiser Wilhelm-Denkmal (Bronzestatue von Tondeur in Berlin, 1892); Denkmal des Komponisten Schneider (1893).

Verwaltung. Die Stadt wird verwaltet von einem Oberbürgermeister, zwei besoldeten Stadträten, 30 Stadtverordneten und hat freiwillige Feuerwehr, ein Wasserwerk (27 km Rohrleitung), Kanalisation, Gasanstalt und elektrische Beleuchtung (Centralstation der Deutschen Kontinental-Gasgesellschaft), letztere für die herzogl. und einzelne Privatgebäude.

Behörden. D. ist Sitz der Landesregierung, der obersten Behörde für die Verwaltung des herzogl. Hofbesitzes, einer Finanzdirektion, eines Konsistoriums, einer Kreisdirektion, Generalsuperintendentur, eines Landgerichts (Oberlandesgericht Naumburg) mit 11 Amtsgerichten (Ballenstedt, Bernburg, Coswig, Cöthen, D., Harzgerode, Jeßnitz, Oranienbaum, Roßlau, Sandersleben, Zerbst), Amtsgerichts, Eisenbahnbetriebsamtes (365,69 km Bahnlinien) der königlichen preuß. Eisenbahndirektion Erfurt und einer Reichsbanknebenstelle.

Bildungs- und Vereinswesen. D. hat ein herzogl. Gymnasium Fridericianum (1785 von dem Herzog Leopold Friedrich Franz gegründet, Direktor Dr. Krüger, 19 Lehrer, 9 Klassen, 277 Schüler), Friedrichs-Realgymnasium (Direktor Dr. Suhle, 15 Lehrer, 8 Klassen, 226 Schüler), herzogl. Vorschule des Fridericianum, herzogl. Antoinetten- (höhere Mädchen-) schule mit Lehrerinnenseminar (1786 gegründet, 1839 erneuert), Knaben- und Mädchenmittelschulen, Knaben- und Mädchenvolksschulen, gewerbliche Fortbildungs-, Handwerker-, kaufmännische Fachschule, private höhere (Ließsche) Mädchenschule, Musikschule (von Fr. Schneider gegründet), Landes-Frauenarbeitsschule (mit dem Friederiken-Institut), je 2 Kleinkinderschulen und Kindergärten; ferner die herzogliche öffentliche und die Behördenbibliothek (je 50000 Bände), die Volksbibliothek (7000 Bände), die Sammlungen im Schloß, die Gemäldesammlung in der Amalienstifung (700 Nummern, meist aus dem 18. Jahrh.) und das Hoftheater (1000 Plätze). An Vereinen hat D. 21 zu gegenseitiger Unterstützung der Mitglieder, 12 der Wohlthätigkeit, 9 gemeinnützigen, 12 kirchlichen, religiösen und Missionszwecken, 12 dem Handel, Gewerbe und Industrie, 4 finanziellen Zwecken dienende Vereine, 9 zur Pflege von Kunst und Wissenschaft, 5 Militär-, 21 Gesang-, 16 Turn-, Radfahrer-, Ruder-, 16 gesellige Vereine sowie eine Loge.

Wohlthätigkeitsanstalten. Die Amalienstiftung, eine Armenanstalt für alte Frauen, von der 1793 gestorbenen Tochter des Fürsten Leopold gegründet, Kreiskrankenhaus, Erziehungsanstalt für schwach- und blödsinnige Kinder (1887), Hospital zum Heiligen Geist, St. Georg, Elisabethhaus und Leopoldsdankstift.

Industrie, Handel. Hauptzweige der in etwa 60 Anlagen betriebenen Industrie sind Fabrikation von Tapeten, Rouleaus, Strohpapier, Tuch, Maschinen (Berlin-Anhaltische Maschinenbau-Aktiengesellschaft), Wagen, Sprit und Zucker (Dessauer Aktien-Zuckerraffinerie); ferner Spinnerei (Dessauer Wollgarnspinnerei), Eisengießerei, Brauerei, Ziegelei, Mahl- und Schneidemühlen. Der Handel erstreckt sich vornehmlich auf Produkte der einheimischen Industrie. D. hat eine Handelskammer für das Herzogtum Anhalt, Reichsbanknebenstelle, Anhalt-Dessauische Landesbank, Kreissparkasse (Ende 1891: 5,68 Mill. M. Einlagen), Darlehnskasse und 2 Sparvereine. In D. haben ihren Sitz die 7. Sektion der Nordwestlichen Eisen- und Stahl- und die 3. Sektion der Magdeburgischen Baugewerks-Berufsgenossenschaft sowie die Anhaltische Land- und Forstwirtschaftliche Berufsgenossenschaft.

Verkehrswesen. D. liegt an den Linien Wittenberg-Cöthen-Aschersleben und Magdeburg-Zerbst-Leipzig der Preuß. Staatsbahnen, hat Post- und Telegraphenamt erster Klasse, sowie Fernsprecheinrichtung (100 Teilnehmer). Handel und Verkehr werden wesentlich gefördert durch den 4 km nördlich an der Elbe gelegenen Hafen Wallwitzhafen (s. d.), dessen Güterverkehr (1891) 218300 t betrug.

Vergnügungsorte und Umgebung. Nördlich vom Bahnhof der Georgengarten mit Schloß, weiter der Wallwitzberg, ein Hügel mit Burgruine, 5 km westlich davon am Kühnauer See in einem Park das herzogl. Schloß Kühnau,mit Sammlungen für anhalt. Geschichte und Altertumskunde, östlich des Georgengartens zwischen der Stadt und Wallwitzhafen der Gänsewall, schattige Promenade inmitten von Wiesen. Rechts der Mulde der Tiergarten und 4 km entfernt Schloß und Park Luisium.