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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Deutsche Litteratur

trotz seiner Unbildung sich vermessen hatte, mit Frauenlob einen gelehrten Sangesstreit zu wagen, war dem Handwerk die unselige Neigung geblieben, sich und andere während der Mußestunden in Singschulen nach den komplizierten Regeln der Tabulatur mit dem Reimen unverstandener scholastischer Geheimnisse zu kasteien; so versteinert in der Tradition war diese Kunst zumal am Rhein, daß es wie eine Revolution wirkte, als Nestler von Speier und der Wormser Barbier Folz es wagten, von den angeblichen Melodien der 12 alten Meister sich zu emancipieren. Hier überall Stillstand oder Verfall.

Aber das ist nicht die einzige Signatur der Zeit. Auch frische Lüfte wehen. Es ist die klassische Epoche des Volksliedes (s. d.), das auf den Trümmern des Minnesangs in jener wunderbaren Fülle und Frische blüht, an der wir uns heute noch freuen. Damals beginnt das histor. Lied, das jetzt jahrhundertelang, etwa die heutige Zeitung ersetzend, die Ereignisse der Weltgeschichte mehr oder minder parteiisch begleitet, unterstützt durch frappante Melodien. War früher Dichter und Komponist stets identisch gewesen, meist nicht zum Vorteil der Musik, so bekommt jetzt die Melodie ein bevorrechtetes Sonderleben: beliebte Weisen verschaffen ihren Texten Erfolg und werden daher unbefangen von einem Lied aufs andere übertragen. In dieser Zeit endlich erwuchs das Drama. In gewissen Formeln der bei hohen Festen üblichen kirchlichen Liturgie wurzelnd, hatte es sich langsam, zuerst in einzelnen komischen Scenen, dann ganz von der lat. Sprache, weiterhin von der Kirche überhaupt freigemacht. Laien dichteten und agierten, höchstens unter der Aufsicht der Geistlichen, Oster- und Passions-, Weihnachts- und Fronleichnamsspiele, meist in engem Anschluß an die Evangelien, mit großer Personenzahl, ohne dramat. Konzentration, breit und zerflossen; die letzten Ausläufer dieser geistlichen Spiele sind noch heute nicht verschwunden (Oberammergau). Auch Legenden lagen diesen Mysterien zu Grunde; so Schernbergks Spiel von Frau Jutten, den niederdeutschen Theophilusdramen, wirklich dramat. Stoffe, aus denen die ungeschickte Technik freilich nicht viel machte. Im grellsten Gegensatz dazu blüht auch eine andere Art dramat. Aufführungen, ein Seitenstück der franz. Farce und Sottie, das Fastnachtspiel, meist burleske Maskenaufzüge von grauenvoller Unfläterei; Nürnberg war dafür der klassische Boden. Diese Stadt, beherrscht von einem kunstliebenden Patriciat, das die Teilnahme des Adels ersetzte, wird, wie für die bildenden Künste, auch für die Dichtung eine Pflegestätte; die beiden bedeutendsten Volksdichter des 15. Jahrh. gehören ihr: der vielseitige, bewegliche Hans Rosenblut (um 1450), in mancher Hinsicht ein Vorläufer des Hans Sachs, versorgt sie mit ernsten und scherzhaften Reimen aller Art, mit Fastnachtspielen, Moralsprüchen, Priameln, Schwänken, Weingrüßen u.s.w., und der aus Worms stammende Hans Folz (um 1480) begründet in ihr einen Meistergesang, der sich freier entfaltete als in der rhein. Heimat.

Noch einmal sieht es in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. aus, als wollte der Adel wiederum eine leitende Rolle in der Litteratur spielen. Zwar, wenn für den bayr. Hof der Maler Ulr. Füterer (um 1480) wieder Artusromane zu fabrizieren begann, so hatte das nichts Verheißungsvolles, und auch des "letzten Ritters" Kaiser Maximilians (gest. 1519) rückschauende Neigungen waren aussichtslos; er machte sich verdient durch Sammlung älterer Gedichte und besang sich selbst in einem unsäglich langweiligen allegorischen Rittergedicht, dem "Teuerdank". Neu aber und der Zeitrichtung sehr entsprechend war es, als eine Reihe vornehmer fürstl. Frauen teils selbst, teils durch Gelehrte Prosaübersetzungen lat., ital. Litteratur und namentlich auch franz. Romane besorgte. Der Mittelpunkt dieser neuern Bestrebungen, in denen zum Teil unsere heutigen Volksbücher wurzeln, war der Rottenburger Hof der Gräfin Mechthild von Württemberg: für diese geistreiche Dame arbeiteten die berühmtesten Übersetzer der Zeit, der Arzt Heinr. Steinhöwel, der Stadtschreiber Niklas von Wyle und der Geistliche Anton von Pfore, die nur etwa durch den prächtigen Plautusübersetzer und Ehelehrer Albrecht von Eyb übertroffen wurden. Diese neuerwachende erfreuliche Teilnahme des Adels, der Frauen, wurde dann freilich durch die mächtigen Bewegungen des Humanismus und der Reformation bald in den Schatten gestellt; erst durch sie treten an das Steuer der Litteratur die Gelehrten, denen die neu erfundene Kunst des Buchdrucks die Möglichkeit gab, ihre Stimme weit über ihre enge Heimat hinaus erschallen zu lassen.

Wir stehen an der Schwelle des 16. Jahrhunderts. Eine Zeit, so fruchtbar an Gedanken und Stoffen, wie keine zweite, aber leider dieser Fülle der Aufgaben an Gestaltungskraft nicht gewachsen. Erst Goethe wußte den herrlichen poet. Gestalten des Dr. Faust und des Götz von Berlichingen ihr poet. Leben zu verleihen; das 16. Jahrh. zog den schmutzigen Spaßvogel Eulenspiegel und den heil. Grobianus vor. Man hat es ein aristophanisches Jahrhundert genannt. Wirklich dominiert das Drama und die Satire; aber von der Grazie der Formenschönheit des Aristophanes ist keine Spur. Selbst der Schwung, das Pathos fehlt der anfangs rein moralischen, seit der Reformation vorwiegend theol.-polemischen Satire ganz auffallend; um auf weite Kreise zu wirken, wählt auch der Gelehrte geflissentlich einen derben Ton volkstümlichen Witzes, der ihm nicht immer gelingt und ihm feinere Wirkungen verschließt. Der naive anmutsvolle Humor des Handwerkers Hans Sachs, der wohlthuendsten Gestalt der Periode, wird von keinem andern der litterar. Wortführer erreicht. Sprache und Versbau bleibt mit wenigen Ausnahmen roh und plump, um so mehr, als die formell geschultesten Kräfte die gebildetere lat. Sprache vorzogen.

Auf der Grenze des volkstümlichen 15. und des bürgerlich gelehrten 16. Jahrh. steht ein Werk von europ. Erfolg, das "Narrenschiff" des Straßburger Stadtschreibers Sebastian Brant (1494), im Grunde eine bloße lehrhafte Citatensammlung, die aber durch ihre glücklich gefundene Einkleidung durchschlug; es milderte den Druck der allgemeinen Verkommenheit, daß hier alle Laster der roh materiellen Zeit nur als Narrheiten erschienen. Sein viel begabterer Nachahmer, der leidenschaftliche Franziskaner Thomas Murner ist mit seinen zahlreichen Narrengedichten Brants Wirkungen nie nahe gekommen. Beide Männer waren Gelehrte, gehörten zu der ältern Gruppe der Humanisten, die ihre bessere, vielfach in Italien erworbene philol. Bildung lediglich benutzten, um die Mißstände des unfruchtbaren und unwissenschaftlichen scholastischen Unterrichts in Universität und Schule abzustellen, wie das besonders Brants rühriger, aber maßvoller Freund Nimpfeling anstrebte. Doch dabei blieb es