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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Eisenbahnbremsen
landen, Belgien, Frankreich und Süddeutschland;
dieCarpenter-Bremse ist hauptsächlich bei den preuß.
Staatseisenbahnen in Anwendung, soll jedoch all-
mählich durch die Westinghouse-Bremse oder durch
andere mit dieser gleichartig wirkende Bremsen er-
setzt werden; die Heberlein-Bremse in verschiedenen
Ländern, besonders bei Nebenbahnen und bei Ge-
birgsstrccken; die nicht selbstthätige Smith-Hardy-
Vremse bei den österr. Eisenbahnen, wie auch bei der
Berliner Stadtbahn; die selbstthätige Smith-Hardy-
Bremse ist neuerdings von vielen engl. Eisenbahn-
verwaltungen angenommen worden.
Bei den Luftdruckbremsen befindet sich auf
der Lokomotive eine Luftpumpe, durch welche Luft
in einen Behälter (Reservoir) gedrückt wird. Von
dem Behälter geht eine Rohrleitung zunächst nach
dem Vremshahn und von da durch den ganzen
Zug; die Hauptleitung besteht aus eisernen Röhren,
die an jedem Fahrzeuge angebracht sind und mit
dem eigentlichen Bremswerk in Verbindung stehen,
sowie aus biegsamen Schlauchverbindungen, durch
welche die Rohrleitungen der einzelnen Wagen mit-
einander verbunden werden. Mitunter ist zwischen
Behälter und Bremshahn noch ein Reduktionsventil
eingeschaltet, um den Luftdruck in der Hauptleitung
gleickmäßig zu erhalten. Bei der Anordnung von
Wcstingbouse befindet sich an jedem Bremsfahr-
zeuge ein Vremscylinder, in dem sich ein Kolben be-
wegt, der mit dem eigentlichen Bremsgcstänge in
Verbindung steht und durch dessen Vorschub die
Bremsklötze zum Anliegen an die Räder gebracht
werden können; außerdem ist ein kleiner Luftbehältcr
angebracht, der von der Hauptleitung aus mit Preß-
luft gefüllt wird. Zwischen Hauptleitung, Luft-
behälter und Vremscylinder ist ein eigentümliches
Funktionsventil (tripw vlüvch geschaltet, durch das
die Zuführung der Preßluft geregelt wird. Während
der Fahrt, wenn die Bremsen also geöffnet sind,
steht die Hauptleitung des Zuges durch den Brems-
hahn mit dem Luftbehälter auf der Lokomotive in
Verbindung, sodah überall gleicher Druck - etwa
4 bis 5 Atmosphären - herrscht; durch diesen Druck
wird das Funktionsventil gehoben, und es kann
alsdann die Preßluft in den kleinen Luftbchälter
strömen, wogegen der Vremscylinder abgeschlossen
ist. Wenn nun gebremst werden soll, so stellt der
Lokomotivführer den Vremshahn fo ein, daß der
Hauptbehälter abgeschlossen wird und die Preßluft
aus der Hauptleitung ins Freie entweichen kann.
Infolge der Verminderung des Luftdrucks in der
Hauptleitung senkt sich das Funktionsventil, sperrt
die Hauptleitung vom kleinen Luftbebälter ab und
verbindet diesen mit dem Vremscylinder, sodaft
der Vremskolben durch die eintretende Preßluft vor-
geschleudert wird und die Bremsklötze an die Räder
legt. Die Vremswirkuug kann geregelt werden, je
nachdem der Lokomotivführer mehr oder weniger
Preßluft aus dem Vremshahn entweichen läßt. Zum
Zweck des Lösens der Bremsen wird der Vremsbahn
wieder zurückgelegt, die Preßluft strömt aus dem
Hauptbehälter auf der Lokomotive in die Haupt-
leitung, hebt die Funktionsventile und füllt die
kleinen Behälter, während gleichzeitig die im Vrems-
cylinder befindliche Preßluft durch eine kleine Öff-
nung ins Freie strömt. Durch eine Feder wird der
Bremstolben in die Ruhestellung zurückgedrückt und
dadurch das Abheben der Bremsklötze von den
Rädern bewirkt. In gleicher Weise, wie das Bremsen
des Zuges durch den Lokomotivführer veranlaßt
wird, indem derselbe die Luft aus der Hauptleitung
abläßt, kann dies auch von jedem Wagen aus von
den Reisenden durch Offnen eines Lufthahnes bewirkt
werden; ebenfo tritt auch ein selbstthätiges Bremsen
ein, wenn aus irgend einer Veranlassung die Haupt-
leitung unterbrochen wird, wenn bei einer Ent-
gleisung ein Gummischlauch reißt.
Vei den (5arpenterbremsen befindet sich an
jedem Vremsfahrzeuge ein Vrcmscylinder, m dem
sich ein Kolben bewegen kann, der in ähnlicher
Weise wie bei der Wcstinghouse-Bremse mit dem
eigentlichen Vrcmsgestänge in Verbindung steht.
Der Kolben teilt in seiner Ruhelage den vollstän-
dig geschlossenen Cylinder in einengrößern und in
einen kleinern Raum. Die Preßluft tritt aus der
Hauptleitung in den kleinern Raum des Brems-
cylinders, füllt denselben und zugleich auch, indem
die Ledermanschette des Kolbens zurückgedrängt
wird, den größern Raum, sodaß während der
Fahrt auf beiden Seiten des Kolbens gleicher Druck
herrscht und die Bremse in der Ruhelage erhalten
wird. Beim Bremsen stellt der Lokomotivführer den
Vremshahn in der eben beschriebenen Weise um;
es strömt die Preßluft aus der Hauptleitung und
aus dem kleinen Raum des Vremscylinders durch
den Lokomotivbremshahn ins Freie, wogegen die
Preßluft, die aus dem großen Raum des Vrems-
cylinders vermöge der Lage der Ledcrmanschette
nicht entweichen kann, den Kolben vorwärts treibt
und dadurch die Bremsklötze zur Anlage an die
Räder bringt. Diese Vremseinrichtung ist eine ver-
hältnismäßig einfache sowohl in ihrer Anordnung
wie in der Handhabung, auch ermöglicht sie eine
vollständige Regelung der Bremswirkung. Dagegen
ist die Bremswirkung im Falle der Gefahr keine so
schnelle wie bei der Westinschouse-Bremse. Ahnlich
ist die Einrichtung bei der Anordnung von Wenger,
Schleifer u. a. Bei diesen sog. Zwei kammer-
bremsen (so bezeichnet nach der Wirkungsweise der
Preßluft im Bremscylinder, im Gegensatz zu der Ein -
lammerbremse nach der Art der Westinghouse-
durch Einschaltung von Hilfsauslahventilen wesent-
lich erhöhen, wie solche von Westinghouse, Carpenter,
Schleifer, Brüggemann u. a. erdacht und mehrfach
in Gebrauch genommen sind. Eine noch schnellere
Bremswirkung läßt sich durch Zuhilfenahme der
Elektricität beim Umsteuern der Ventile erreichen,
wie dies vor einigen Jahren in Burlington (Nord-
amerika) angestellte Versuche ergeben haben. Freilich
wird durch derartige verwickelte Einrichtungen die
Einfachheit und Zuverlässigkeit der Bremsen beein-
trächtigt.
Vei der Luftsaugebremse geht durch den
ganzen Zug eine Hauptrohrleitung; an der Loko-
motive ist ein Ejector (Sauger) angebracht, durch
den die Luft in der Hauptleitung verdünnt wcrdcn
kann. An jedem Bremsfahrzeuge befindet sich bei
der nicht selbstthätigen Bremse von Smith-
Hardy ein gußeisernes Gefäß in Verbindung mit
der Hauptleitung, dessen unteres Ende durch eine
biegsame Lederscheibe abgeschlossen ist, die mit dem
Bremsgestänge in Verbindung steht. Soll gebremst
werden, so läßt der Lokomotivführer den Sauger
an, die Luft in der Leitung wird verdünnt, durch
den Überdruck der äußern Luft werden die Leder-
sckeiben gehoben und damit die Bremsklötze an die
Räder gedrückt. Die Bremse ist sehr einfach und
kann in ihrer Wirkung beliebig geregelt werden.