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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Engadin
Thal von Pontresina, das Thal des Spöl, dessen
Oberstufe Valle di Livigno geographisch zum E.,
politisch zu der Landschaft Vormio gehört, und das
wilde einsame Val da Scarl. Mit Ausschluß des
Livignothals umfaßt das E. ein Gebiet von 1717
likm, das sich in Ober- und Unterengadin teilt.
Die Thalschaft Obereng ad in erstreckt sich von
der Pahhöhe des Maloja (1811 m) oder Maloggio
bis Samaden (1728 m), dem Hauptorte des Ober-
engadin. Das Hauptthal ist 39 Icm lang, an der
Sohle bis 2 km breit, 1000-1800 in ü. d. M. gelegen.
Die Höhe der die Landschaft umgebenden Gebirge,
die Kühnheit ihrer Gipfelformen, die tief herab-
hängenden Gletscher verleihen ihr einen Charakter
ernster Großartigkeit, der durch die freundlichen, von
Lärchen- und Arvenwald umrahmten Seespiegel, die
üppigen Wiesen und Weiden der Vorbergc und des
ebenen Thalgrundes und die schmucken stattlichen
Dörfer gemildert wird. Das Klima, von dem das
Sprichwort der Engadincr sagt, es sei "neun Monat
Winter und drei Monat kalt", ist doch nicht so win-
terlich, wie man nach der Höhenanlage annehmen
sollte. Zwar sind gegen 20 Proz. der Fläche von
ewigem Schnee und Eis bedeckt und die Jahrestem-
peratur beträgt im Sommer 19-25° (^., im Winter
bis -30° (^., aber wenn der Schnee geschmolzen
ist, gewöhnlich Ende April, entwickelt sich die Pflan-
zenwelt ungemein schnell. Während in den obern
Stufen sich nur Wiesenkultur findet, wird von Zuz
(1748 m) abwärts auch Noggen und Gerste gebaut.
Die Alpweiden steigen bis zu 2800 in hinan, und
stellenweise weiden die Schase bis zur Grenze des
ewigen Schnees, die hier 3000 m ü. d. M. liegt. Die
Waldregion, die sonst in den Alpen selten über
1800 m hinaufgeht, erreicht im E. erst bei 2300 m
ihre obere Grenze. Das stärkende Klima mit ver-
mindertem Luftdruck, geringerer Feuchtigkeit und
größerer Wärme- und Lichtwirkung des Sonnen-
lichts hat in Verbindung mit den heilkräftigen
Quellen von St. Moritz das Oberengadin zu einem
wichtigen klimatischen Kurorte und zu eiuem Mittel-
punkte des Fremdenverkehrs gemacht,und die freund-
lichen, halb städtisch angelegten Ortschaften Sils,
Silvaplana, St. Moritz, Samaden, Pontresina
u. s. w. sind beliebte Sommerfrischen geworden.
Die Vauart ist originell, dem Klima angepaßt.
Die weißgetünchten Häuser sind blockhausartig aus
Stein aufgeführt und haben dicke Mauern mit (der
Kälte wegen) lleinen fchießschartenartigen Fenstern,
die meist im reichsten Blumenschmücke prangen. Bal-
lone, Vortreppen weisen einerseits auf die Nähe Ita-
liens, andererfeits auf den Wohlstand der Bewoh-
ner hin, von denen viele als Konditoren, Kaffce-
wirte, Schokoladen- und Liqueurfabrikantcn in die
Fremde wandern, um später wieder in die Heimat
zurückzukehren. Dieser Auswanderung steht seit dein
raschen Aufblühen des Fremdenverkehrs eine fast
ebenfo starte Einwanderung von Handwerkern, Kell-
nern, Führern, Dienstboten u. s. w. aus den deutschen
Teilen Graubündens entgegen. Sogar die Alpen-
wirtschaft wird großenteils von Sennen aus andern
Gegenden betrieben, die obersten Weiden werden
an Bergamasker Schäfer verpachtet.
Im Untercngadin, von Samaden abwärts,
sind die Berge felsiger, weniger vergletschert und
treten näher zusammen. Eine eigentliche Thalsohlc
giebt es nur an wenigen Stellen; der Inn flieht
meist in einer tief eingeschnittenen schmalen Rinne
und die Dörfer Lavin, Ardez, Echuls, Fettan,
Sins, Nemüs, Schleins u. s. w. liegen meist 1200
-1600 in ü. d. M. auf den breiten Terrassen der
nördl. Thalseite, während die südliche nur in den
Erweiterungen von Zernetz und Tarasp größere Ort-
schaften aufweist. Weniger hoch gelegen als das Ober-
engadin, im untern Teil statt in die krystallinischen
Gesteine (Granit, Gneis, Hornblendeschiefer) der
obern Thalstufen in Dolomit und Liasschiefer einge-
schnitten, hat das Unterengadin milderes Klima und
ergiebigern Boden; die Auswanderung ist deshalb
weniger allgemein und neben der Alpcnwirtschaft
bildet der Ackerbau die Haupterwcrbsquelle. Gemsen
und Murmeltiere sind ziemlich häufig, jedoch nicht
so zahlreich wie im Oberengadin.
In politischer Beziehung dvldet d<v3 Unter-
engadin den Bezirk Inn des Kantons Graubünden,
welcher sich in die Kreise Obertasna, Nemüs und
Untertasna teilt und einen Flächenraum von
1010,7 <il(in mit (1888) 6332 E., darunter 1343 Ka-
tholiken, umfaßt. Hauptort ist Schuls. (S. Tarasp.)
Das Oberengadin, 706 c^m mit 6103 E., darunter
1132 Katholiken, bildet einen eigenen Kreis im Bezirk
Maloja, dessen Hauptort Silvaplana ist. Die Be-
völkerung beider Landschaften ist ein kräftiger Men-
fchenfchlag, roman. Stammes mit dunkelm Haar,
lebhaften Augen und fcharf gefchnittenen Gesichts-
zügen. Die Volkssprache ist mit Ausnahme des deut-
schen Val Samnaun das Ladin, eine Mundart des
Romanischen (s. d.). Jedoch macht das Deutsche, be-
günstigt durch die Einwanderung, rasche Fortschritte.
Mit den nordwestl. Vündnerthälcrn Oberhalbstein,
Vergün und Davos ist es durch die Straßen über
den Iulier, den Albula- und den Flüelapaß verbun-
den. Nach SO. ins Poschiavo und das Veltlin führt
der Berninapaß, nach O. in das Münsterthal die
Ofcnstraße und durch das Hauptthal zieht sich
vom Maloja bis Martinsbrnck (1019 m) 5 1cm
oberhalb Finstermünz eine Poststraße, die sich einer-
seits bei Nauders in Tirol an die Straße über
die Neschcnscheideck anschließt, andererseits sich vom
Maloja bis Chiavenna fortsetzt, wo sie sich mit der
Splügenstraße vereinigt. Eine Bahn von Landcck
an der Arlberglinie durch das Oberinnthal, das
E. und das Vergell nach Chiavenna ist geplant.
Geschichte. Im Altertum war das E. von dem
rhätischen Volk der Venonen bewohnt, auch den
Nömern uicht unbekannt, wie der uralte Vergpaß
Iulier und die Thalsperre Serviezel (36rrli Viteilii)
im Unterengadin beweisen. Im Mittelalter stand
es unter den Bischöfen von Chur, die indessen schon
frühzeitig ihre Gewalt mit den Grafen von Tirol
teilen mußten. Bei den rechtlosen Zuständen, die
mit dem Verfall der deutschen Neichsmacht in den
rhätischen Landen eintraten, schloß das E. im
14. Jahrh, mit den andern Unterthanenländern des
Bistums Chur den Gotteshausbund, der, urkund-
lich zuerst 1392 erwähnt, 1471 mit den beiden andern
rhätischen Bünden und 1498 mit den Eidgenossen
Bündnisse, abschloß. Im Schwabcnkriege 1499,
durch den Maximilian I. die Herrschast Österreichs
in Graubünden herzustellen versuchte, wurde das
Unterengadin von den Österreichern verheert, bis
der Sieg der Vündner in der Schlacht an der
Calvcn (im Münsterthal) 22. Mai und der dar-
auffolgende Friede von Bafel 22. Nov. den Zu-
stand vor dem Kriege wiederherstellte. Im Drei-
ßigjährigen Kriege setzte sich Österreich 1621 und
1622 noch einmal in den Besitz des Unterengadin,
und erst 1652 kaufte sich die Landschaft mit Aus-