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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Erblichkeit

der Verwilderung übergetreten sind. So schlagen alle Rassen unserer Haustauben, Kröpfer, Pfauchen, Mövchen u. s. w., sie mögen so verschieden sein, wie sie wollen, nach verhältnismäßig wenig Generationen der Verwilderung in eine und dieselbe wilde Stammform, die Felstaube (Columba livia L.) zurück. Die verschiedenen ererbten Eigenschaften zweier zur Fortpflanzung sich vereinigenden Individuen können sich in zweierlei Art vererben. Entweder die Eigenschaften des Mannes pflanzen sich auf die männlichen, die des Weibes auf die weiblichen fort, und das ist normalerweise immer der Fall mit jenen Eigenschaften, welche mit dem Geschlechtsleben der geschlechtlich verschiedenen Individuen unmittelbar als primäre Geschlechtscharaktere oder mittelbar als sekundäre im Zusammenhange stehen. Unter diesen Umständen ist die geschlechtliche Vererbung eine einseitige. Es können sich aber auch Eigenschaften beider Eltern sowohl auf männliche als auf weibliche Nachkommen übertragen, dann ist die Vererbung eine gemischte oder amphigone (nach Haeckel). Hierauf beruht die Bastardierung. Endlich können Charaktere sich über das Kreuz vererben, d. h. also solche des Vaters auf die Tochter, solche der Mutter auf die Söhne; unter diesen Umständen könnte man von einer chiasmatischen Vererbung sprechen. Auf einer Art der anhaltenden Vererbung und zwar auf der vereinfachten und abgekürzten beruht auch das Biogenetische Grundgesetz (s. d.).

Die erworbene oder angepaßte Vererbung überträgt die erworbenen Eigentümlichkeiten eines Organismus gleichfalls auf seine Nachkommen und meist treten dieselben bei diesen zu der Zeit auf, in welcher und an der Stelle, wo der Vorfahre sie erwarb; die angepaßte Vererbung wirkt gleichzeitig und gleich örtlich, sie ist homochron und homotop. Erworbene Charaktere treten aber, dank der befestigten oder konstituierten Vererbung, mit um so größerer Sicherheit bei den Nachkommen auf, je länger die Zeitdauer war, während welcher sie der Vorfahre erwarb und sich an ihren Einfluß anpassen mußte. Sämtliche Eigenschaften eines Organismus können sich vererben, auch die geistigen, da diese ja doch an den Stoff gebunden sind.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Fähigkeit der E. und die Erscheinungen der Vererbung zu erklären, aber freilich verläßt uns hier die wissenschaftliche Erfahrung, und wir gelangen zu transcendentaler Anschauung, deren Grad der Wahrscheinlichkeit auf subjektiven Urteilen beruht, sich aber nicht erweisen läßt.

Schon Darwin stellte die, wie er sie selbst nennt, vorläufige Hypothese (hypothetisch in der zweiten Potenz) der Pangenesis auf. Nach dieser Hypothese pflanzen sich die Zellen, aus welchen der Körper eines Lebewesens besteht, nicht bloß auf dem Wege einfacher Teilung fort und entwickeln sich infolge der Arbeitsteilung in verschiedener Richtung und Art weiter, sondern sie geben auch kleinste molekülartige Körnchen (Keimchen oder Gemmulae) ab, welche sich, nachdem sie den ganzen Organismus in allen seinen Teilen gewissermaßen durchwandert haben, in den Geschlechtsstoffen sammeln und auf die Zellen, aus denen die unmittelbaren nächsten Nachkommen entstehen, derart einwirken, daß diese sich ähnlich wie im elterlichen Organismus entwickeln. Die Kraft der Gemmulae kann auch während einer oder mehrerer Generationen von Nachkommen schlummern, in irgend einer aber wieder ihre Thätigkeit aufnehmen und beim Enkel, Urenkel u. s. w. einen Rückschlag in die Beschaffenheit des Ahnen veranlassen. Eine jede Zelle vermag während ihres ganzen Entwicklungsganges Gemmulae abzugeben, welche in schlummerndem Zustande eine gegenseitige Verwandtschaft haben und durch ihr Zusammentreten zur Bildung von Knospen und Geschlechtsstoffen führen. In neuester Zeit hat der Holländ. Botaniker de Vries diese Hypothese in beschränkter Form wieder aufgenommen. Nach ihm durchwandern die Gemmulae, welche er mit dem Namen Pangene bezeichnet, nicht den ganzen Organismus, sondern finden sich in jeder einzelnen Zelle desselben, welche überhaupt aus nichts als Pangene besteht, und jede einzelne Anlage der E. und jede Tendenz zur Vererbung ist an eine derartige Pangene als an ihr materielles Substrat gebunden. Das ist die Hypothese der intracellulären Pangenesis. Haeckel, welcher als monistischer Philosoph alle Erscheinungen der Veränderung des Stoffs auf mechan. Ursachen, oder richtiger auf eine einzig existierende mechan. Ursache, auf die Bewegung zurückzuführen versucht, stellt zur Erklärung der in Frage stehenden Erscheinungen eine Hypothese der Wellenzeugung der Lebensteilchen, oder der Perigenesis der Plastidule auf. Plastidulen oder Plasma-Moleküle setzen in ungeheuer großer Zahl das Plasma oder Plaston einer jeden Zelle zusammen. Durch die Fortpflanzung werden nun nicht bloß die chem. Eigentümlichkeiten des Plastons vom Zeugenden auf den Erzeugten übertragen, sondern auch die besondere Art der Molekularbewegung, welche in demselben stattfindet. Übertragene Bewegungen wirken in den Teilungsprodukten des elterlichen Körpers oder den gemischten Teilungsprodukten der elterlichen Körper fort und werden Ursache der E. und der Vererbung.

Nägeli (" Mechan.-physiol. Theorie der Abstammung", Münch. und Lpz. 1884) unterscheidet im Plasma der Zellen ein Idioplasma, das aus feinsten Teilen, sog. Micellen, zusammengesetzt ist, das übrige Plasma der Zellen oder das Ernährungsplasma in Gestalt parallel nebeneinander angeordneter Fäden durchziehe und, ohne durch die Zellenwände gehindert zu werden, von Zelle zu Zelle tritt und so den ganzen Organismus mit einem äußerst komplizierten, für menschliche Hilfsmittel nicht wahrnehmbaren Netzwerke durchspinnt. Diese Micellstränge des Idioplasmas finden sich auch in den Zeugungsstoffen, und wenn diese infolge des Wachstums des Ernährungsplasmas unter Teilungserscheinungen wachsen, so wachsen auch jene und durchziehen auch die neuen Teilungsprodukte. Aber ihre Lage ändert sich aus innern Ursachen, denen ein Vervollkommnungsprincip zu Grunde liegt, von Generation zu Generation und gestaltet die Nachkommen mit (meist) fortschreitender Tendenz langsam um.

Nach der Ansicht von Weismann besitzt ein jeder Organismus zweierlei verschiedene Arten von Plasma. Das eine, wesentlichere, ist das Keimplasma oder der Zeugungsstoff, welcher nach der Zeugung durch Ernährung zwar wächst, aber zum Teil nicht zur Bildung der Gewebe des Nachkommens verwendet wird, sondern in diesem als Keimplasma sich erhält, während aus den andern Teilen der Träger des Keimplasmas, das somatische Plasma oder der Körperstoff hervorgeht, welcher