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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Fechtart
dadurch die Zahl der zu gleichzeitiger Wirkung kom-
menden Feuergewehre möglichst groß zu gestalten,
dabei aber in angemessenen Entfernungen Pikenier-
haufen in die Schützenfront einzufügen, welcke die
Linie stützten und hinter welche die Schützen sich
flüchten konnten, wenn sie von Reiterei angefallen
wurden. Als taktische Einheit bildete sich im nieder-
land. Heere das Halbregiment zu etwa 500 Mann
heraus, der Zahl nach halb Pikeniere (Spießer),
halb Musketiere (Schützen); aus dieser taktischen
Unterscheidung der administrativen Einheit des
Regiments entwickelte sich das jetzige Bataillon (im
Gegensatz zu dem alten Bataillon der Geviertord-
nung). Die Schlachtordnung Oraniens ist die
Niederländische Brigadestellung (s. d.).
Gustav Adolf formierte die Infanterie zu 6, die
Reiterei zu 4 bis 3 Gliedern und stellte die Pikeniere
und Musketiere derart zusammen, daß eine bessere
gegenseitige Unterstützung gewährleistet war. Die
schwed. Compagnie bestand aus 2 Trupps Mus-
ketieren und 1 Trupp Pikenieren. Die Brigaden (s.
Schwedische Vrigadestcllung), in sich nach Breite und
Tiefe mehrfach gegliedert, standen mit Abständen
neben- und in zwei Tressen hintereinander. Eine zahl-
reiche Artillerie war teils der Infanterie unmittel-
bar zugeteilt (Regimentsstücke) und begleitete diese
in das Gefecht, teils war sie als schwere Artillerie
in Batterien vor der Front aufgestellt, um die großen
Gevicrthaufcn der Gegner schon aus der Ferne zu
schädigen. Auch die F. der Kavallerie wurde von
Gustav Adolf wesentlich umgestaltet. Während dic-
felbe bisher nur im Trabe angegriffen hatte, mußte
sie sich jetzt im Galopp und Carriere auf den Feind
stürzen. Anstatt der bisherigen tiefen Gliederung
wurde die Rangierung zu nur drei Gliedern ein-
geführt, wodurch die Frontbreite erheblich zunahm.
Zwischen dieKavalleriegefchwadcr wurden beim Auf-
marsch zur Schlacht Musketiertrupps eingestreut,
um bei mißglückter Attacke die Reiter aufzunehmen.
Den Übergang von der F. des 17. Jahrh, zu
der des 18. Jahrh, bildet das allmähliche Ver-
schwinden des Schützengefechts und der gleichzeitige
Beginn eines regelrechten Exerzierens, die Abschaf-
fung der Pike und die allgemeine Einführung des
Bajonettgcwehrs, d. h. die Schaffung einer Ein-
heitsinfanterie. Mit dem Exerzieren hing zusam-
men die fast in allen Heeren auskommende feste
Bataillonseinteilung der Regimenter, d. h. die enge
Verbindung taktischer Formation und administra-
tiver Organisation.
Die F. des 18. Jahrh, wird nach ihrer Form
Lineartaktik (s. d.) und nach dem Feldherrn, der
sie am genialsten anzuwenden verstand, Friedrich
d. Gr., die Fridericianische Taktik genannt.
Die Infanterie ist in 4, später in 3 Gliedern auf-
gestellt. Die Grundaufstellung ist die Linie; Ko-
lonnenformationen dienen nnr zu Marsch- und Ma-
növrierzwccken. DieZahl der Formationen ist gering,
der Hauptnachdruck liegt im geschlossenen Vorgehen
lTaktschritt) des in Linie formierten Bataillons so-
wie im raschen Laden und Schießen.
Die 5tavallerie bestand in Preußen aus Kürassie-
ren, Dragonern und Husaren. Die erstcrn waren
nur zum (^toß in geschlossener Ordnung bestimmt,
die Dragoner waren zu Pferd ausgebildet, mußten
aber auch zu Fuß geschlossen wie die Infanterie
ererzieren. Den Husaren lag die Handhabung des
Sicherheitsdienstes ob; im geschlossenen Exerzieren
zu Fuß wurden sie nicht ausgebildet. Kürassiere und
Dragoner fochten zu Pferd in 3, Husaren in 2 Glie-
dern. Während nach dem österr. Reglement von
1749 und dem sranz. von 1755 die Kavallerie zur
Attacke im Trabe vorrücken, auf 30 Schritt vom
Feind die Pistole abfeuern, den Degen aufnehmen
und einHauen soll, war Schießen während der Attacke
bei der preuß. Reiterei verboten. Die Vorschriften
der letztern legten vielmehr auf fchnelles, aber ruhiges
Aufnehmen der Richtung beim Aufmarsch großen
Wert; die Eskadrons des ersten Treffens hatten
12 - 20, diejenigen des zweiten 40 - 60 Schritt
Zwischenraum, der Treffenabstand betrug 300
Schritt. Den Offizieren der preuß. Kavallerie war
bei "infamer KaMtion" verboten, sich vom Feinde
attackieren zu lassen, sie sollten vielmehr "allemal
den Feind attackieren".
In diesem energischen Grundgedanken erzogen
und von hervorragenden Reitergeneralen (unter
denen Seydlitz und Ziethen typische Berühmtheit
erlangten) in wahrhaft mustergültiger Weise ge-
führt, wurde die preuß. Kavallerie bald jeder andern
in Ausbildung des einzelnen Mannes, Manövrier-
fähigkeit und Ungestüm in der Attacke überlegen.
Die Artillerie, deren Bespannung erst bei Be-
ginn eines Krieges beschafft wurde, war teils der
Infanterie (2-3 Geschütze zu jedem Bataillon) zu-
gewiesen, teils in Batterien vereint. Die Regiments-
stücke waren leichter, gingen mit ihren Bataillonen
vor und feuerten von 400 Schritt ab mit Kartät-
schen: der Rest der Artillerie führte schwere Kaliber.
Taktischer Verband war in Preußen die Artillerie-
brigade zu 10, in Österreich die Batterie zu 5 Ge-
schützen. Die Beweglichkeit der Artillerie war noch
gering; die geschlagene Partei verlor meist ihre ge-
samte Artillerie. Diese Übel stände veranlaßten
Friedrich d. Gr. 1759 zur Aufstellung von reiten-
der Artillerie. Die franz. Armee hat reitende
Artillerie feit 1763, die österreichische seit 1776.
Für den Kampf fuchte man ebenes, nicht durch-
fchnittenes Gelände auf. Der Aufmarsch zur Schlacht
dauerte mehrere Stunden. Die Infanterie, nur
ein schwaches zweites Treffen als Rückhalt hinter
sich, stebt in der Mitte, die Kavallerie auf den Flü-
geln. Die Artillerie eröffnete den Kampf. Erfuhr
auch die artilleristische Kraftäußerung durch die zer-
splitternde Abgabe eines Teils als Regimentsar-
tillcrie eine Abschwächung, so war doch in der Art
ihres Auftretens (Vereinignng der Wirkung gegen
ein Ziel) der Grundfatz der Massenwirkung be-
reits angedeutet. Da die Artillerie bei den ge-
ringen Schußweiten ihre eigene Infanterie nicht
überschießen konnte, fand sie ihre Aufstellung auf
den Flügeln. In den ersten Schlesischen Kriegen
herrschte der parallele Angriff vor, später wurde im
Umfassen eines Flügels die Entscheidung gesucht.
Bei diesem Streben nach Flankenumfassung bewegte
man sich in einzelnen Schlachten (s. Zorndorf) voll-
kommen im Meise umeinander herum. Ausgiebige
Verfolgung nach der Schlacht fand nicht statt, war
auch kaum angängig, weil die Hauptwaffe der Ver-
folgung, die Reiterei, bereits bei der Durchführung
eingefetzt war und die Infanterie zunächst ihre zer-
brechliche Ordnung wiederherstellen mußte. Die
Schlachtenfübrung bestand hauptsächlich in dem
Aufban und Anfctzcn der Armee. In letzterm lag
die Entscheidung; mißlang dasselbe, so ging die
Schlacht verloren. Die Einwirkung der Führung
während der Schlacht konnte über den engen Rahmen
des persönlichen Beispiels nicht weit hinausgehen.