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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Festungen
Die polit. Verhältnisse früherer Zeiten brachten
es mit sich, daß fast jeder nennenswerte Ort be-
festigt wurde, teils um seine staatliche Selbständig-
keit zu wahren, teils um sich gegen Vrandschatzung
und Zerstörung zu sichern. Einen besondern Wert
legte man in früherer Zeit auf Befestigung der Gren-
zen; bisweilen wurde eine Grenze durch einen dop-
pelten oder dreifachen Gürtel kleiner, einander nahe
gelegener F. gesichert; größere Heere können aber
an solchen Plätzen, denen nur eine geringe Offensiv-
kraft beiwohnt, ohne große Gefahr vorbeigehen.
In neuerer Zeit ist man mehr zu der Ansicht ge-
kommen, die Zahl der F. einzuschränken und haupt-
sächlich größere Plätze als F. beizubehalten, die der
Gegner nicht unbeachtet lassen kann, deren Ein-
schließung oder Belagerung aber bedeutende Kräfte
in Anspruch nimmt, so daß damit häufig ein Still-
stand in den Operationen eintritt und der weitere
Verlauf des Krieges sich zunächst um diese Festung
dreht. Die Grundzüge, nach denen die großen
Staaten jetzt ihre Landesbefestiguug mehr oder we-
niger systematisch eingerichtet haben oder einrichten,
sind je nach den geogr. und polit. Verhältnissen
und nach den Anschauungen maßgebender Kreise
verschieden: am schärfsten tritt ein solcher Gegensatz
in dem deutschen und franz. Festungssystem zu Tage
(s. Deutsches Festungssystem und Französisches
Festungssystem).
III. Geschichtliche Entwicklung. Vefestigungs-
art und Angriffsmittel sind vom Kulturzustande
der Völker abhängig und steigern sich fortwährend
gegenseitig. Einen einschneidenden Wendepunkt
bildet in dieser Beziehung, wie überhaupt in allen
kriegerischen Verhältnissen, die Einführung des
Schießpulvcrs als treibende Kraft der Fernwaffen.
Solange der Angreifer zur Zerstörung von Befesti-
gungen auf die unmittelbare Stoßkraft (alle nach
Art des Swrmbocks konstruierten Maschinen) und
auf die auf der Elasticität beruhende Schleuderkraft
(alle nach Art des Bogens konstruierten größern
oder kleinern Maschinen) beschränkt war, bestanden
die Befestigungen wesentlich aus Mauerwerk und
ihre Stärke wurde fast ausschließlich in der An-
ordnung ihres Aufrisses gesucht, der Grundriß
spielte so gut wie gar keine Rolle. In diesem Sinne
sind dieStädtebefestigungendes Altertums
und des Mittelalters ausgeführt: hohe starke
Mauern mit Aufstellung des Verteidigers auf der
Mauerkrone und in den die Mauer überragenden
und beherrschenden Türmen. Mit der Erfindung des
Schießpulvcrs und der Feuerwaffen trat eine wesent-
liche Änderung im Kampfe um Befestigungen ein.
Durch die Pulvcrgeschütze war es dem Angreifer
möglich, die ungedeckten Festungsmauern aus der
Ferne zu zerstören, während der Verteidiger weder
die schmale Mauerkrone noch die engen Türme zur
Geschützaufstellung benutzen konnte. Die Einrich-
tung der Umfassung zur Geschützverteidigung hatte
daher zunächst eine Verbreiterung des Ausstellungs-
raumes und eine Vergrößerung der Türme zur
Folge. Man legt nun entweder vor oder hinter
die Mauer einen Erdwall mit Brustwehr und Wall-
gang, der die gehörige Breite zur Geschützaufstellung
bat; im ersten Fall dient die Mauer als Abschnitt,
im zweiten giebt sie dem Walle die Sturmfreiheit.
Bei Neuanlagen stellt man die vorwärts des Walles
liegende Mauer auf die Sohle eines breiten und
tiefen Grabens, wodurch ihre untere Hälfte dem
direkten Schuß des Angreifers entzogen wird. Die
Türme werden geräumiger gebaut: es entsteht an
ihrer Stelle die vorn halbrunde, hinten viereckige
Bastei, die so weit in den Graben vorspringt, daß
sie diesen flankieren kann.
Mit dem Ausgange des 15. Jahrh, entwickelt
sich in Italien (aus Anlaß der in diesem Lande ge-
führten fast unaufhörlichen Kriege) ein Vcfestigungs-
system, welches in Fortbildung der bisherigen An-
ordnungen die Anfänge der bastionierten Be-
festigung darstellt und als Altitalienische
Vefestigungsmanier (s. d.) bezeichnet wird.
Die Formen dieser Befestigung verbreiteten sich
unter dem Einflüsse der österr.-span. Herrschaft durch
die erfahrenen ital. Kriegsbaumeister über ganz Eu-
ropa. Aus der altitalienischen entwickelt sich um
die Mitte des 16. Jahrh, die Neuitalienische
Befestigungsmanier (s. d.), die die Fronten
verkürzt und die immer mehr vergrößerten Bastio-
nen zu den Hauptpositionen des Verteidigers macht.
In den Niederlanden entwickelt sich während des
Unabhängigkeitskampfes dieses Landes gegen die
Spanier in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh, die
durch Wassergräben, Erdwälle ohne Mauerbeklei-
dung und zahlreiche Außenwerke gekennzeichnete
Niederländische Vefestigungsmanier (f.d.),
die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh, durch Coe-
hoorns Befestigungsmanier (f.d.), die großen
Wert auf thätige und abschnittsweise Verteidigung
legte, weiter entwickelt und vervollkommnet wird.
In Deutschland bildete sich, wenigstens in der
Praxis, keine einheitliche Vefestigungsmanier her-
aus; die deutschen Kriegsbaumeister des 16. und
17. Jahrh. (f. Deutsche Befestigungsmanier) brach-
ten zum Teil ganz moderne Grundsätze auf der
Basis der polygonalen Grundrihform zum Vor-
schlag , aber die innere Zerrissenheit Deutschlands
sowie die Sucht, alles Fremde besser zu finden,
ließen die Ansichten dieser Männer nicht auf-
kommen. - Die beiden Landsbergs (Mitte des
17. und Mitte des 18. Jahrh.) bildeten den tenail-
lierten Grundriß aus, und in Preußen entwickelte
sich, namentlich unter der Einwirkung Friedrichs
d. Gr., im 18. Jahrh, die fog. Altpreußische
Befestigungsmanier (f.d.).
In Frankreich entstand im Laufe des 17. Jahrh.,
aus der neuitalienischen hervorgehend, die Fr anzö -
fische Vefestigungsmanier (s. d.), die den ba-
stionierten Grundriß weiter ausarbeitete und als
Vaubans dreifache Manier einen Weltruf und
weitverbreitete Anwendung fand. Gegen die haupt-
sächlich durch Vauban und Cormontaigne vertretene
franz. Manier erhob sich gegen Ende des 18. Jahrh,
ein lebhafter Widerspruch, indem Montalembert
ein mit zahlreichen Hohlbauten ausgerüstetes Te-
naillensystem und Carnot eine auf mehr aktive
Führung der Verteidigung berechnete Anordnung
des Aufrisses vorschlug. In Frankreich selbst, das
mit Starrheit am bastionierten Grundriß festhielt
und nur unbedeutende Änderungen der franz. Ma-
nier zuließ, fanden die Vorschläge Montalemberts
und Oarnots keine Beachtung, dagegen bildeten sie
die Grundlage der in Deutschland nach 1815 sich
entwickelnden Neupreußischen Vefestigungs-
manier (s. d.).
Das Auftreten der gezogenen Geschütze (An-
fang der zweiten Hälfte des 19. Jahrh.) bezeichnet auch
für die Befestigung einen epochemachenden Abschnitt.
Solange die Verteidigung nur mit dem beschränkten
Wirkungskreis und der Treffsicherheit der glatten