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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Fingerhandschuhe - Fingerhut
leidenschaft ziehen kann. Derartige F. entstehen
am häusigsten bei Personen der dienenden und
arbeitenden Klassen (Dienstmädchen, Fleischern,
Kochinnen, Schlossern u. dgl.), indem bei ihnen
geringfügige Verletzungen der Finger, die oft über-
sehen oder mißachtet werden, wie Nadelstiche, ein-
gestochene Splitter, abgerissene Niet- oder Neid-
nägel, sehr leicht durch Schmutz oder faulige Stoffe
infiziert und so zum Ausgangspunkt einer heftigen
Entzündung werden: besonders häufig geschieht dies
bei jugendlichen Personen, da deren Haut noch leicht
verletzlich und ihre Lymphgefäße besonders leicht em-
pfänglich sind. Die eigentliche Ursache der F. liegt in
dem Eindringen von Eiterkokken (Bakterien), ins-
besondere von 8tapQv1ococcu8 und 8ti'6pt0eoccu8
PV0F6N68 (s. Eiter und Eiterung) in kleine Hautrisse
und Hautwunden am Finger und der hierdurch be-
dingten Wundinfektion. Der Verlauf der F. ist je
nach Sitz, Tiefe und Ausbreitung der Entzündung
sehr verschieden, und es zeichnen sich namentlich alle
tiefer, unter der sehnigen Aponeurose des Fingers
gelegenen Entzündungen durch viel größere Schmerz-
haftigkeit, durch langwierigern Verlauf und durch
ihre große Neigung, auf benachbarte Gewebe über-
zugreifen, vor den oberflächlicher gelegenen Entzün-
dungen aus.
Die oberflächliche F. (I'anTritium cuwneum
und LudeutaiiLuin) hat ihren Sitz in der Haut und
in dem fettreichen Unterhautzellgcwebe und ent-
wickelt sich am häufigsten am vordersten Finger-
gliede, wobei dieses mehr oder minder anschwillt,
sich rötet und von heftig klopfenden, den Schlaf
raubenden Schmerzen befallen wird, bis sich schließ-
lich auf der geröteten, entzündlich erweichten Haut
eine weiche weiße Stelle bildet, welche endlich auf-
bricht und dem angesammelten Eiter einen Ausweg
nach außen verschafft, worauf gewöhnlich bald Hei-
lung erfolgt. War bei der Entzündung gleichzeitig
das Nagelbett mit ergriffen, so wird gewöhnlich
der Nagel durch die eintretende Eiterung gelockert,
schließlich abgestoßen und ein neuer gebildet, der
nur allmählich und langsam auf dem Nagelbett vor-
rückt. Die tiefere F. (^anin-itniui tenäinoLum.
und periostsi) nimmt ihren Ausgangspunkt von
den Sehnenscheiden oder von der Knochenhaut des
betreffenden Fingergliedes, ist in der Regel von viel
heftigern Schmerzen begleitet, weil der entstehende
Eiter in den straffern und sehnigern Gelenken einen
weit großem Widerstand findet und weit größere
Spannung verursacht, und kann sehr leicht noch be-
denklichere Erscheinungen zur Folge haben, indem
die Entzündung entweder längs der Sehnenscheiden
sich weiter verbreiten, oder das Absterben des be-
treffenden Fingerknochens herbeiführen, oder eine
ausgedehnte Lymphgefäßentzündung der Hand und
des ganzen Arms nach sich ziehen kann. Bei gleich-
zeitiger Entzündung der Sehnenscheiden (?aimri-
tiuin t6näino8uin) geschieht es gewöhnlich, daß die
entzündete Sehne abstirbt und schließlich als mehr
oder minder langer, wurmähnlicher Gewebsfetzen
(daher der Name Fingerwurm) nach außen entleert
wird, worauf dauernde Steifigkeit des erkrankten
Fingers zurückbleibt. In einer weitern Kategorie
von Fällen beginnt die F. als Entzündung eines
Fingergelenks. Wenn im Verlauf einer tiefern F.
infolge mangelhaften Abflusses des angesammelten
Eiters brandiges Absterben des betreffenden Finger-
knochens erfolgt ist, so bleibt eine dauernde Ver-
kürzung und Verkrüppelung des erkrankten Fingers
zurück, ja bei Vernachlässigung und fehlerhafter Be-
handlung kann der ganze Finger, selbst die Hand
brandig zerstört und das Leben auf das ernstlichste
gefährdet werden. Aber auch bei schließlichem gün-
stigem Ausgange werden in solchen verschleppten
Fällen die Kräfte des Kranken durch die langwie-
rige, nicht selten monatelange Eiterung und die mit
ihr verbundenen Säfteverluste oft genug auf das
äußerste erschöpft.
Jede F. ist als eine ernste Krankheit zu be-
trachten, weshalb man bei jeder, auch anscheinend
leichten F. gut thut, sich womöglich schon im Be-
ginn an einen tüchtigen Arzt zu wenden. Im
Anfang kann man versuchen, durch Entfernung
eines etwa eingedrungenen fremden Körpers und
durch eiskalte Umfchläge die entstandene Ent-
zündung zu unterdrücken; haben sich aber ein-
mal erheblichere Schwellung und heftige klopfende
Schmerzen eingestellt, dann ist baldigst in die rote
entzündete Hautstelle ein Einschnitt zu machen, auch
wenn noch keine Eiterung eingetreten. Letztere durch
die früher vielfach benutzten warmen Breiumschläge
zu fördern, ist durchaus zu verwerfen. Ist bereits
Eiterung eingetreten, hat sich z. B. auf der roten
Haut eine weiche weiße Stelle gebildet, so ist in
diefe ebenfalls ein Einfchnitt zu machen, um den an-
gefammelten Eiter zu entleeren, wodurch nicht nur
die große Schmerzhaftigkeit in der Regel wie mit
einem Schlage behoben, sondern auch das Weiter-
schreiten der Entzündung aus tiefer gelegene Or-
gane und damit deren brandiges Absterben am
sichersten verhütet wird. Bei vorhandener Nagel-
eiterung ist der gelockerte Nagel sobald als möglich
zu entfernen. Im übrigen sind nach der Eröffnung
des Eiterherdes öfters zu wechselnde Verbände mit
antiseptischen Mitteln, ruhige und möglichst hohe
Lagerung des erkrankten Gliedes und behufs Reini-
gung öftere laue Handbäder bis zur vollendeten
Heilung anzuwenden. - Vgl. Schede, über Hand-
und Fingerverletzungen (in Volkmanns "Sammlung
klinischer Vorträge",'Nr. 29, Lpz. 1871); Hüter, über
das Panaritium, seine Folgen und seine Behandlung
(in "Sammlung klinischer Vortrage", Nr. 9, ebd.
1870) und die Lehrbücher der Chirurgie von Varde-
leben, König, Albert, Tillmanns, Hueter-Lossenu. a.
Fingerhandschuhe, s. Kampfhandfchuhe.
Fingerhut (Di^it^iiä ^.), Pflanzengattung aus
der Familie der Scrophulariaceen (s. d.) mit gegen
20 Arten in Europa und dem gemäßigten Asien.
Es sind zweijährige oder ausdauernde Kräuter,
seltener Halbsträucher, meist mit schönen, zu einseits-
wendigen Trauben geordneten Blüten. In Deutsch-
land einheimisch ist der rote F. (Digitalis Mi-zmrea.
^., s. Tafel: Giftpflanzen I, Fig. 3), gemein
auf Waldschlägen und Waldlichtungen, im Gebirge
häufig gesellig, z. B. im Oberharz und Thüringer
Wald. Die an dem 1 -1,30 m hohen Stengel in
der Achsel von Deckblättern stehenden Blüten sind
hängend, außen Purpurrosa, an der Basis weiß
und bilden eine bis 80 em lange Traube. In den
Blumengärten wird unter demNamen vHr.Fl0xilliI.6-
üoi'H eine Form mit noch längern Blütentrauben
und größern, weiter geöffneten, innen stets punk-
tierten und gefleckten Blumen kultiviert. Man hat
eine rosen- oder purpurrote Varietät mit brauner
oder purpurner Punktierung, eine weiße mit purpur-
karminroten Flecken, eine ganz weiße u. s. w. In
den Gärten finden sich auch andere Arten, z. B.
Digitalis Fi'anäiüoi'H ^am. (ocliroisuca. "7acg>,