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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Frankreich (Litteratur zur französischen Geschichte)

gewählt wurde, wo ihm die Regierungspartei nicht einmal einen Kandidaten entgegensetzte. Das Kabinett Dupuy reichte seine Entlassung ein, wurde aber vom Präsidenten der Republik wiederberufen. Ein neues Gesetz gegen die anarchistische Propaganda gelangte darauf schon 26. Juli in der Kammer, 27. Juli im Senat zur Annahme. Einen bedeutenden Erfolg hatte die Regierung durch den am 14. Aug. zu Paris mit dem Kongostaat abgeschlossenen Vertrag. Darin verzichtete der Kongostaat auf die Besetzung nördlich vom 5. Breitengrade und östlich über den 30.° östl. L. hinaus, wodurch die in dem Vertrag mit England von diesem an den Kongostaat erfolgte "Verpachtung" von Gebiet am obern Nil nichtig wurde und hier der Rivalität F.s mit England freies Feld gelassen wurde. War hier eine der kolonialen Bestrebungen drohende Gefahr durch geschickte Diplomatie rasch beseitigt worden, so führte das Verhalten Madagaskars, das sich den Konsequenzen des franz. Protektorats zu entziehen suchte, zum Kriege. Als ein franz. Ultimatum im Oktober unbeantwortet blieb, wurde ein Expeditionskorps nach Madagaskar eingeschifft, wo es zunächst 12. Dez. Tamatave besetzte.

Im Innern war die größte Sorge der Steuerreform zur endgültigen Deckung des Deficits zugewendet. Es sollte die Erbschaftssteuer einträglicher gestaltet und eine progressive Einkommensteuer eingeführt werden. Doch kam es nicht zu einem Abschluß dieser Reform, da das Ministerium Dupuy zuvor durch geschicktes Operieren der Radikalen und Socialisten gestürzt wurde. In einer Streitfrage wegen der Dauer der vom Staat vor 12 Jahren der Orléans- und Südbahn geleisteten Zinsgarantie hatte der Staatsrat zu Gunsten der Bahnen entschieden und der Arbeitsminister Barthou daraus die Konsequenz gezogen, seine Entlassung zu nehmen, während das Ministerium im übrigen sich der Entscheidung des Staatsrates unterwerfen zu wollen erklärte. Hierdurch wurde der Staat mit bedeutenden Mehrausgaben belastet. Diesen Umstand benutzte die Opposition, eine nicht von der Regierung gebilligte Tagesordnung 14. Jan. 1895 zur Annahme zu bringen, worauf Dupuy die Demission des Ministeriums einreichte. Dies Entlassungsgesuch hatte aber eine ganz unerwartete Folge: der Präsident der Republik selbst legte sein Amt nieder. Die innern Gründe dieses überraschenden Schrittes darzulegen behielt er sich für eine spätere passende Zeit vor. Jedenfalls glaubte er sich in seinem Bestreben, der Republik ehrlich zu dienen, durch den Mangel an aufrichtiger Unterstützung selbst in seiner nächsten polit. Umgebung gehindert zu sehen. Angeekelt durch das interessierte Parteitreiben und die persönlichen Verunglimpfungen, denen er schutzlos preisgegeben war, zog er sich von einem Amte zurück, worin er nicht, wie er gehofft hatte, einen entscheidenden Einfluß auf die Regierung auszuüben vermochte.

Der Kongreß zur Wahl eines neuen Präsidenten trat 17. Jan. zusammen. Im ersten Wahlgang erhielten von 794 abgegebenen Stimmen Brisson 338, Faure 244 und Waldeck-Rousseau 184; da letzterer zu Gunsten Faures verzichtete, wurde dieser, der im letzten Kabinett Dupuy Marineminister gewesen war, im zweiten Wahlgang mit 430 Stimmen gewählt, während Brisson 361 erhielt. In der verworrenen Lage gelang es dem neugewählten Präsidenten erst nach langen Verhandlungen 27. Jan. ein neues Ministerium von gemäßigter Färbung unter Ribot einzusetzen. Seine erste Amtshandlung war die Einbringung einer 28. Jan. in der Kammer angenommenen Amnestie für die wegen Komplotts gegen die innere Sicherheit des Staates und wegen Preß- und Streikvergehen Verurteilten. Dadurch erhielt auch Rochefort die Erlaubnis zur Rückkehr nach F. Der wichtigste Minister im neuen Kabinett war Hanoteaux, der das Auswärtige behalten hatte und noch weiter mit Entschiedenheit leitete. Als der engl. Unterstaatssekretär Sir Edward Grey im Unterhause es als eine "Unfreundlichkeit" gegen England bezeichnete, wenn F. im Gebiete des obern Nils weitere Fortschritte zu machen suchen sollte, wies er dies in einer Rede im Senat 5. April geschickt zurück. Er scheute sich auch nicht, obwohl schon die Annahme der Einladung Deutschlands zur Eröffnung des Nordostseekanals von einem Teil der franz. Presse wütend bekämpft worden war, eine gemeinsame Aktion nicht nur mit Rußland, sondern auch mit Deutschland gegen den zwischen China und Japan 17. April geschlossenen Friedensvertrag von Shimonoseki einzuleiten. Die schwierige Reform der direkten Steuern, bei der die demokratischen Wünsche der Radikalen den Anschauungen der Gemäßigten gegenüber standen, schob die Regierung auf, und so kam endlich ohne diese 13. April das Budget für 1895 zu stande, worauf sich die Kammern bis Mitte Mai vertagten.

Litteratur zur französischen Geschichte. Über die Quellen zur franz. Geschichte und deren Bearbeitungen orientiert am zuverlässigsten G. Monod, Bibliographie de l'histoire de France, depuis les origines jusqu'en 1789 (Par. 1888) und der Catalogue de l'histoire de France de la Bibliothèque nationale (Bd. 1-11, ebd. 1855-79).

Von allgemeinen Werken über das ganze Gebiet der franz. Geschichte verdienen Erwähnung: Guizot, Essai sur l'histoire de France (Par. 1823; 14. Aufl. 1877); Michelet, Histoire de France (neue Aufl., 19 Bde., ebd. 1878-79) nebst dem Abrégé d'histoire de France (2 Bde., ebd. 1881); Martin, Histoire de France (4. Aufl., 17 Bde., ebd. 1856-60); Dareste de la Chavanne, Histoire de France, depuis les origines jusqu'à nos jours (3. Aufl., 9 Bde., 1885); E. A. Schmidt, Geschichte von F. (4 Bde., Hamb. u. Gotha 1835-48); Guizot, Histoire de la civilisation en France (15. Aufl., 4 Bde., Par. 1890); Rambaud, Histoire de la civilisation française (3 Bde., ebd. 1885-88); Warnkönig, Franz. Staats- und Rechtsgeschichte (3 Bde., Bas. 1846-48); Viollet, Précis de l'histoire du droit français (Par. 1885); ders., Histoire des institutions politiques et administratives de la France (2 Bde., ebd. 1889 fg.); Glasson, Histoire du droit et des institutions de la France (Bd. 1-5, ebd. 1887-93); Chéruel, Dictionnaire historique des institutions, mœurs et coutumes de la France (6. Aufl., 2 Bde., ebd. 1884); ders., Histoire de l'administration monarchique en France depuis l'avènement de Philippe Auguste jusqu'à la mort de Louis XIV (2 Bde., ebd. 1855); Picot, Histoire des États généraux, 1365-1614 (5 Bde., ebd. 1888); Thierry, Essai sur l'histoire du tiers-état (ebd. 1853); Bailly, Histoire financière de la France (2 Bde., ebd. 1830); Clamageran, Histoire de l'impôt en France (3 Bde., ebd. 1867-76); Granier de Cassagnac, Histoire des classes nobles et des classes anoblies (ebd. 1840); Levasseur, Histoire des classes ouvrières en France (bis 1789; 2 Bde.,