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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Französische Kunst

der, kostbaren Trachten, Verzeichnungen in der Fußstellung zeigt byzant. Einflüsse. Im 12. Jahrh. kam ein Frankreich eigenartiger Typus auf, der sich durch unverhältnismäßige Länge der Figuren kennzeichnet; diese Figuren sind von ernstem, religiösem Ausdruck, die Gesichtsbildungen oft von großer Schönheit, die Gewänder in parallel laufende Falten gelegt. Diese Kunstrichtung hielt sich in voller Strenge, z. B. an den Domen von Bourges, Chartres, Le Mans bis gegen Ende des Jahrhunderts, während an andern Orten, namentlich im Süden, stark belebte Reliefs von oft übertriebener Figurenhäufung noch an antike Sarkophagbildnereien mahnen. Eine hohe Vollendung erlangte die franz. Bildnerei im 13. Jahrh., wo ihr die großen got. Dome eine Fülle der großartigsten Aufgaben stellten. Die Kathedralen zu Amiens (s. Taf. III, Fig. 6), Reims, Chartres, Paris zeigen Gestalten, die bei richtigen, doch stets schlanken Abmessungen, edelstem Faltenwurf, trefflich gekennzeichneter Bewegung sich zu höchster Kraft des geistigen Ausdrucks erheben. Während das 14. Jahrh. bei meisterhaften Leistungen im Bildnisse zu einer Überfeinerung und zu konventioneller Haltung hinneigte, entwickelte sich die Schule von Tournai und der ihr verwandte aus den Niederlanden stammende Meister Claur Sluter um 1400 zu einem kräftigen, dem Hubert van Eyck verwandten Realismus und zu einer großen Sicherheit der Meißelführung (s. Taf. III, Fig. I). Man erkennt das technische Wissen an der Geschicklichkeit im Wiedergeben der Modellierung des Fleisches und des Ausdrucks der Gemütsbewegungen. Vornehmlich in den Marmor- oder Alabasterabbildungen der Köpfe und Hände auf Grabmälern sowie in den Darstellungen kleiner, auf gleiche Art in kostbarem Material ausgeführter Figuren entwickelte sich die Meisterschaft der Künstler des 15. Jahrh. Diese ließ auch während der Frührenaissance nicht nach und äußerte sich in fast überreichen Reliefcyklen, wie jenen am Chorgestühl von Amiens, an den Chorschranken von Chartres u. a.; ferner an Grabmälern, unter denen die des de Roux hervorragen. Mit dem Einfluß der Italiener beginnt auch die franz. Bildnerei sich mehr klassischer Formen, zugleich aber einer dem Style François premier entsprechenden Anmut und edlen Abgemessenheit zu befleißigen. Die Hauptmeister waren Jean Juste von Tours (Grabmal Ludwigs XII. und seiner Gemahlin Anna von Bretagne in St. Denis; s. Taf. III, Fig. 4), Bontems (Graburne Franz' I. in St. Denis), Goujon (Fontaine des Innocents zu Paris, Diana von Poitiers im Louvre; s. Taf. III, Fig. 8), Pilon (Grabmal Heinrichs II. in St. Denis, Drei Grazien im Louvre; s. Taf. III, Fig. 2), Cousin, Prieur, durch welche die Bildnerei zu einem hohen Grade von Verfeinerung, oft sogar zur Überfeinerung geführt wurde. Technische Geschicklichkeit, graziöse, geistreiche Behandlung des Marmors sind Vorzüge, die besonders Goujon und Pilon im höchsten Grade besaßen; doch verbinden sich mit diesen leicht Geziertheit und Manier. Die folgende Zeit trieb es nach dieser Richtung weiter: Guillain und Sarrazin zeigen eine hohe technische Vollendung, eine stark ausgebildete Manier, aber doch eine scharfe Beobachtungsgabe, namentlich im Bildnis. François und Michel Anguier glänzten durch überzierliche Frauengestalten. Puget (s. Taf. III, Fig. 7) brachte die starke Bewegung und den großrednerischen Ton des ital. Barock in die franz. Bildnerei, führte aber auch in die neue Glanzepoche, welche die franz. Bildhauerei unter Ludwig XIV. erlebte. Ihre nach malerischen Grundsätzen aufgefaßten Werke sind mit großer technischer Meisterschaft behandelt, leiden aber in den Motiven und im Ausdruck an Gespreiztheit und falschem Pathos. Die berühmtesten Künstler dieser Zeit sind: Girardon (Grabmal des Kardinals Richelieu in der Kirche der Sorbonne zu Paris, die Gruppe des Raubes der Proserpina im Park von Versailles), Puget (die Gruppe des Milon von Kroton, das Hochrelief Alexander und Diogenes im Louvre), Coyzevox (das Grabmal Mazarins ebendaselbst), die Brüder Coustou (Apollo und Daphne, Hippomenes und Atalante, beide im Tuileriengarten, die beiden Gruppen der Pferdebändiger am Eingange der Elyseischen Felder), die Gebrüder Balthasar und Gaspard Marsy u. a. Nach und nach trat jedoch das Pathetische zu Gunsten einer höfischen Anmut zurück, die leicht ins Gezierte fiel. Bei einzelnen außerordentlich feinen und reizvollen Arbeiten, namentlich der Kleinkunst, gefiel sich die franz. Bildnerei mehr und mehr in Manier. Häufige Inkorrektheiten, schlaffe Formen des Nackten, übertriebener Fleiß in Nebensachen sind die für die Bildhauer der Zeit Ludwigs XV. bezeichnenden Hauptmängel, für welche die Vorzüge einer verfeinerten Sinnlichkeit, einer sorgsamen Treue im Wiedergeben individueller Gesichtsbildungen und einer ungemein geschickten Behandlung des Marmors entschädigen. Zu den namhaftesten Bildhauern dieser Periode gehören: Bouchardon (die Figuren an der Fontaine de Grenelle zu Paris, Büste Ludwigs XIV.; s. Taf. III, Fig. 3), Pigalle (das Denkmal des Marschalls Moritz von Sachsen in der Thomaskirche zu Straßburg, Statue des Herzogs von Richelieu; s. Taf. III, Fig. 9), Houdon (Voltaire; s. Taf. IV, Fig. 1), Pajou (Königin Maria Leszczynska als Caritas; s. Taf. III, Fig. 5). Bei den letztern tritt die klassische Strenge immer mehr und immer erfreulicher neben einem realistischen Auffassen des Porträtähnlichen zu Leistungen von hohem Wert hervor.

Bei den Bildhauern des ersten Kaiserreichs und der folgenden Zeit findet man eine kalte Nachahmung der antiken Skulpturen: Cartellier, Chaudet, Bosio, Cortot, Lemaire u. a. vertreten mit ihren Werken diese klassicistische Richtung der Bildhauerei, die in der Akademie ihre Stütze hatte, am Ende der Restaurationsperiode jedoch durch die im Gebiete der Malerei aufgekommene romantische Bewegung eine Art Rückschlag erleiden sollte. Ohne es ganz mit einer ästhetischen Doktrin zu halten, die ihr innerstes Lebensprincip und ihren wirklichen Fortbestand bedrohte, verweigerte jene Richtung den Ansprüchen des neuen Geistes nicht alle Zugeständnisse. Pradier (s. Taf. IV, Fig. 8) und David d'Angers (s. Taf. IV, Fig. 2) nehmen eine solche Mittelstellung ein. Die romantische Richtung fand nur wenige entschiedene Vertreter in der Skulptur, und darunter keinen von überwiegendem Talent und durchdringendem Einfluß. Das Vorzüglichste, was die franz. Plastik unter Ludwig Philipp hervorgebracht hat, gehört dem Genre an, welches an das Naturgefühl der Antike sich hielt. Hierher gehören Werke von Rude, Duret (s. Taf. IV, Fig. 11), Jouffroy, Dumont (Genius der Freiheit auf der Julisäule), Guillaume, Chapu (s. Taf. IV, Fig. 6) u. a. Auch für die plastische Ausschmückung öffent-^[folgende Seite]