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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur

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Französische Litteratur (Neufranzösische Periode 1515-50)

Guillaume Flamang und "Saint Louis" von Gringore (1514) u. a. Die Farce hat jetzt ihre glänzendste Epoche. Das klassische Stück dieser Gattung, "Maître Pierre Pathelin", ist um 1470 entstanden. Auch die Moralitäten und Sottien erfreuen sich besonderer Beliebtheit. Pierre Gringore (etwa 1470-1534) dient der Politik Ludwigs XII. auf der Bühne mit der Moralität "L'homme obstiné" und der Sottie "Jeu du prince des sotz" (1512). Vgl. E. Fournier, Le théâtre français avant la Renaissance (2. Aufl., Par. 1880); Viollet-Leduc, Ancien théâtre français (10 Bde., ebd. 1854-57); Recueil de farces etc. von Leroux de Lincy und Michel (4 Bde., ebd. 1837); Nouveau recueil de farces von Picot und Nyrop (ebd. 1880); Petit de Julleville, Répertoire du théâtre comique en France au moyen âge (ebd. 1886). - Wie bemerkt, sind auch fast alle Meister des schönen Stils als Geschichtschreiber aufgetreten. Ihre Arbeiten werden aber ganz in Schatten gestellt durch das nüchterne, von polit. Sinn erfüllte geschichtliche Memoirenwerk (1462-98) des Philippe de Comines. Nach ihm verdient noch Claude de Seyssel (gest. 1520) Erwähnung, wegen seiner "Histoire de Louis XII" und seiner "Grande monarchie de France".

Versuch einer Darstellung der altfranzösischen Periode der F. L.: Aubertin, Histoire de la langue et de la littérature française au moyen âge (2. Aufl., 2 Bde., Par. 1884); ferner G. Paris, La littérature française au moyen âge (11. bis 14. Jahrh., 2. Aufl., ebd. 1890).

II. Neufranzösische Periode. 1) Das Zeitalter Franz' I. (etwa 1515-50). Unter Franz I. wurde der Bruch mit der mittelalterlichen Vergangenheit der F. L. vorbereitet. Die Umwälzung, welche die in das geistige Leben der Nation geworfenen Ideen der Reformation und Renaissance hervorbrachten, bewirkten in der litterar. Thätigkeit den Übergang aus einer unpersönlichen Gebundenheit und Formlosigkeit, die das ausgehende Mittelalter kennzeichnet, und der es durch Wort- und Verskünstelei vergebens zu entrinnen trachtete, zu der individuellern und mehr mit künstlerischem Bewußtsein geübten Behandlungsweise des modernen Zeitalters. Da nun aber gerade der Antrieb zum künstlerischen Schaffen durch den auch bei Hofe begünstigten Humanismus gegeben wurde, so bekümmerten sich die bevorzugten Geister Frankreichs nicht um die Entwicklung und Pflege der in der volkstümlichen Dichtung vorhandenen lebensfähigen Keime, und die herrschende Richtung strebte einer Litteraturepoche von gesellschaftlich (höfisch-) und gelehrt exklusivem Charakter entgegen. Nirgends zeigt sich dies deutlicher als auf dem Gebiete des Volksschauspiels, das noch ein Menschenalter fortfuhr, durch alte und neue Erzeugnisse die Menge zu ergötzen, aber unter den Anfeindungen religiöser Eiferer und humanistisch Gebildeter dahinsiechte. Der Basoche und den Enfants sans souci unterbanden polizeiliche Einschränkungen die Lebensader, religiöse Schauspiele durften seit 1548 von der Passionsbruderschaft in Paris nicht mehr aufgeführt werden. Die Hofdichter befreien sich jetzt von den Einflüssen der burgund. Schule und pflegen, in stofflicher Hinsicht von einzelnen antiken Dichtern beeinflußt, in leichter freierer Weise die Gelegenheitspoesie. Episteln, Elegien, Lieder, Rondels, Epigramme, auch schon Sonette, bilden hauptsächlich die litterar. Hinterlassenschaft von Clément Marot (1495-1544), dem Hofdichter Franz' I. Marot hat die klassischen Dichter der Lateiner nicht ohne Nutzen für seine Ppoet. Ausbildung gelesen; obgleich vorzugsweise Gelegenheitsdichter, hat er doch eigene Individualität zum Ausdruck gebracht und sich einen persönlichen Stil (Style marotique) ausgebildet. Seine Parteinahme für die Reformation ergiebt sich aus feiner Psalmenübersetzung und andern geistlichen Dichtungen. Frische und Naivetät fehlt dagegen seinem Nachfolger Melin de Saint-Gelais (1491-1558), dessen ital. Bildung sich mit Leichtfertigkeit verbindet und ihn als Urbild des galanten franz. Hofabbés erscheinen läßt. Von der religiösen Bewegung beeinflußt sind die Poesien der Königin Margarete von Navarra und ihres Anhangs, während in den Versen eines Maurice Scève und anderer Poeten eines Lyoner Kreises humanistische Gelehrtheit und ital. Platonismus sich aussprechen. Auch die schöne Seilerin von Lyon, Louise Labé schließt sich dieser Richtung an. Ebenso der verdiente Latinist Etienne Dolet aus Orléans, der 1546 als Ketzer verbrannt wurde. In volkstümlichen Tone dichteten indessen Roger de Collerye (Roger Bontemps) und Jean du Pontalais ("Contredictz de Songecreux"). Der Eifer, mit dem Franz I. (durch Begründung des "Collegium trilingue", 1529, und einer königl. Druckerei u. s. w.) und Männer wie Budäus (1467-1540), Rob. und Heinr. Estienne (s. Stephanus), Lefèvre d'Etaples, Danès u. a. für die Aufnahme und Verbreitung der klassischen Studien in Frankreich wirkten, kam der F. L. zunächst am unmittelbarsten dadurch zu gute, daß die Schriften des Altertums, Prosa und Poesie, in schneller Folge in das Französische übertragen wurden. Unter diesen Übersetzungen ist vor allem die prot. Bibel des Olivetanus (1535) hervorzuheben. Fast gleichzeitig erschien die Bekenntnisschrift der franz. Reformation, Calvins "Christianae religionis institutio" (1536), deren franz. Übersetzung (1541) auch Epoche für die Geschichte der franz. Prosa gemacht hat. Auch aus dem Italienischen und aus dem Spanischen übersetzte man vieles, was litterar. Bedeutung beanspruchen durfte. Von größter Bedeutung war z. B. die von Herberay Des Essarts auf Wunsch des Königs unternommene Übertragung des span. "Amadis", der bald in Frankreich heimisch wurde wie ein franz. Originalwerk und für den Ritterroman von neuem das Interesse der Lesewelt erweckte. Die Form des volkstümlichen Ritterromans parodierte François Rabelais (1495-1553) in seinem "Gargantua und Pantagruel" (1533-52), einer Schöpfung, die an Bedeutung und innerm Gehalt allen dichterischen Erzeugnissen der Epoche voransteht, und die als ein farbenreiches humoristisch-satir. Zeit- und Sittengemälde mittelalterliche und neuzeitliche Bestandteile in sich vereinigt und zugleich der entsprechendste Ausdruck wird der Hoffnungen, des Aufschwungs, der Kämpfe und Mißbräuche, der Meinungen und Widersprüche, welche das damalige Leben durchzogen und erfüllten. Auch der in seiner litterar. Fassung von Boccaccios Dekameron abhängige "Heptaméron" (gedruckt zuerst Par. 1558) der Königin Margarete, eine Sammlung von Erzählungen, Schwänken, Gesprächen und Betrachtungen, giebt in seiner Mischung von mittelalterlicher Indecenz, sentimentaler Romantik, platonischem Idealismus und religiöser Innigkeit getreulich die Zeitstimmungen wieder. Dagegen sind die "Nouvelle récréations et joyeux devis" ihres Sekretärs Des Périers (gest. 1544) eine Samm- ^[folgende Seite]