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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Schlagworte auf dieser Seite: Französische Litteratur

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Französische Litteratur (Neufranzösische Periode seit 1870)

längst erwartete "Mémoires d'outre-tombe", die Lebensgeschichte der George Sand, Erinnerungen und Briefe von Madame Récamier, die Memoiren von dem ältesten Dupin, Odilon Barrot und Balzac, wovon der Briefwechsel des letztern in persönlicher Beziehung sehr interessant ist. Von Guizot erschienen "Mémoires pour servir à l'histoire de mon temps" und von Villemain "Souvenirs contemporains d'histoire et de littérature". Hierzu kommen die Memoiren Carnots, des Marschalls Soult und des Grafen Miot von Melito. Wichtig sind die von A. Du Casse herausgegebenen "Mémoires et correspondance politique et militaire du roi Joseph", noch wichtiger jedoch ist die "Correspondance de Napoléon Ier", für deren Veröffentlichung Napoleon III. eine eigene Kommission bestellte. An der Spitze der litterarischen Kritik behauptete sich Sainte-Beuve; unter den jüngern Talenten traten hervor Prévost-Paradol, Weiß, Taine, E. Scherer, Sarcey, Paul de Saint-Victor. Die politischen Zeitungen verloren dagegen während des zweiten Kaiserreichs Macht und Bedeutung und kamen beinahe ganz auf ihre ursprüngliche Beschaffenheit und Bestimmung zurück, nämlich auf trockne Mitteilung polit. und anderweitiger Neuigkeiten ohne mißliebigen Kommentar. - Vgl. Vapereau, L'Année littéraire et dramatique (19 Bde., Par. 1858-69); Charpentier, La Littérature française au XIX siècle (ebd. 1875; deutsch von Otto, Stuttg. 1876).

12) Unter der dritten Republik (seit 1870). Keiner unter den lyrischen Dichtern, die schon während des Zweiten Kaiserreichs Berühmtheit erlangt hatten, hat die allgemeine Geltung V. Hugos errungen, nach dessen Tode (22. Mai 1885) etwa Lyriker wie Sully-Prud'homme, Coppée, Le Conte de Lisle als die Angesehensten unter den Modernen bezeichnet werden können. Dieselben Richtungen, die schon im vorhergehenden Zeitraum an die Oberfläche treten, werden mit Talent und Eifer fortgesetzt und auch, was in ihnen schon ungesund war, noch durch krankhaften Widersinn übertrumpft. Den Parnassiern folgt seit dem großen Kriege ein jüngeres Geschlecht von Kunstpoeten nach; die begabtesten sind: Jean Aicard (geb. 1848), Frédéric Bataille (geb. 1850), Henri Chantavoine (geb. 1850), der feinsinnige Kritiker Anatole France (geb. 1844) und Paul Déroulède, der bekannteste Vertreter der reichhaltigen Kriegsdichtung von 1870 und 1871 ("Chants du soldat", 1872). Frei von Künstelei sind die frischen Landschafts- und Strandbilder von André Lemoyne (geb. 1822) und die von warmem Natur- und Heimatsinn zeugenden Poesien André Theuriets. Auch lehnte sich eine Gruppe von Lebendigen ("Les vivants") gegen den Götzendienst der Form auf, aber bald trennten sich diese vier: Paul Bourget, Maurice Bouchor, Raoul Ponchon, Jean Richepin, wieder voneinander; Richepin setzte den Pessimismus und Naturalismus, die ganze Fäulnispoesie von Baudelaire, fort und that groß mit Cynismen und lasterhaftem Tiefsinn in seinen "Blasphèmes" (1884), ohne darum in diesen und andern Dichtungen seine reiche poet. Kraft zu verleugnen. Nach ihm gefielen sich andere darin, durch Cynismen und Lästerungen Aufsehen und Anstoß zu erregen, wie z. B. Ponchon. Von Baudelaires und Richepins Ausschreitungen ausgehend, brachte dann die Sucht, durch etwas ganz Neues und Unerhörtes die Frühern zu überholen, die Schule der "Décadents", "Symbolistes" oder "Déliquescents" auf, die, außer dem Wunsch Aufsehen zu erregen, selber nicht recht wissen, was sie wollen, aber sich recht ungeberdig und anmaßend zeigen. Der rein naturalistische Pessimismus hat für sie abgewirtschaftet, sie verbinden damit das übersinnliche, behandeln nur menschliche, dem wirklichen Leben angehörige Stoffe, die aber in die höhere Gedankenwelt erhoben werden vermittelst einer Sprache, in der das Wort das Symbol des Gegenstandes ist. Diese Sprache erzeugen sie durch sonderbare metrische Kunststücke, wunderliche Vergleichungen, ausgerenkte Wortstellungen, Archaismen, Neubildungen und Entlehnungen aus dem Lateinisch-Griechischen und andern Sprachen (vgl. Baju, L'école décadente, Par. 1887). Sie haben ihren Höhepunkt schon überschritten, ihre Dichtungen und Zeitschriften ("Revue indépendante", "Revue décadente", "Le Symboliste") haben wenig Leser gefunden. Als die Führer der auch in Belgien vertretenen Schule der "Décadents" gelten Paul Verlaine (geb. 1844), Stéphane Mallarmé (geb. 1842), bei dem Künstelei und Blödsinn sich vereinen, Jean Moréas (geb. 1856), Jules Laforgue (geb. 1860). Eine Abzweigung der Schule bilden die "Magier" ("Les Mages"), an deren Spitze der Großmeister des Rosenkreuzes Josephin Peladan steht, und die sich in religiösem Socialismus verlieren. Die volkstümliche "Chanson", diese echte Blüte franz. Grazie und poet. Witzes, ist gänzlich unter den Hervorbringungen der Fäulnis und der Albernheit versunken. Der Geschmack der Cafés concerts an Liedern wie die der Yvette Guilbert (im "Concert parisien") und des "Chat-noir" ("Chansons du Chat-noir", Par. 1890) hat der alten Chanson Désaugiers und Bérangers den Untergang bereitet.

Die durch den großen Krieg hervorgerufene ernstere Stimmung schien zuerst dem geschichtlichen und heroischen Drama günstig. Aus vaterländischer Begeisterung wurde "Jeanne d'Arc" von Jules Barbier (Gaîté 1873) und "La fille de Roland" von Henry de Bornier (Théâtre français 1875) begrüßt, sein "Mahomet" (1890) wurde auf Wunsch der türk. Botschaft vom Spielplan abgesetzt. Großen Erfolg hatte auch die altröm. Tragödie "Rome vaincue" (1876). Weniger glücklich ist Coppée mit seinen größern geschichtlichen Stücken ("La guerre de cent ans", "Madame de Maintenon", "Le luthier de Crémone") gewesen. In Sardous "Thermidor" (1891) wollten viele eine Verunglimpfung der großen Revolution erkennen, und die Regierung ließ sich herbei, eine Zeit lang über dieses Werk ein Aufführungsverbot zu verhängen. Erckmann-Chatrians dramatisiertes Idyll "L'ami Fritz" (1876) wurde an Erfolg noch übertroffen durch das Drama "Les Rantzau" (1882). Charakteristisch für die Vielseitigkeit und das Anpassungsvermögen der modernen Bühne sind die besonders auf dem Odéon gemachten Versuche, Meisterwerke fremder Sprachen in Frankreich einzubürgern. Es erschienen in franz. Bearbeitung einzelne Tragödien von Äschylus ("Les Erinnyes" von Leconte de l'Isle, 1873), von Euripides ("Alceste, drame lyrique" von Gassier, 1891), der "Comte d'Egmont" von Goethe (1890) und eine ganze Reihe von Neubearbeitungen Shakespearescher Stücke ("Songe d'une nuit d'été", "Hamlet", "Macbeth", "Shylock", "Roméo et Juliette", "La mégère apprivoisée" u. a. m.). Eine mittelalterliche Erzählung dramatisierten Silvestre und