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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Frauenfrage
Körperkraft bei den Frauen aus, sondern auch in einer andern Richtung der geistigen und moralischen Fähigkeiten und Kräfte. Diese Verschiedenheiten der Geschlechtsqualitäten werden zweifellos durch die Kultur schärfer herausgebildet, sind aber nicht lediglich ein Kulturprodukt, sondern ursprünglich vorhanden. Sie bewirken, daß die Frau auch dort, wo sie sich ebenso frei bethätigen kann wie der Mann, für die einzelnen Arbeitsfunktionen je nach ihrer Natur bald besser, bald geringer befähigt erscheint als dieser. Im besondern wird die schwerere, gröbere Arbeit stets vorzugsweise Sache des Mannes sein müssen, darunter vor allem auch der Wehrdienst u. s. w., während die Frauen mehr dort hervortreten werden, wo die Geschicklichkeit der Hand entscheidet. (S. Frauenarbeit.)
In fast allen Ländern Europas überwiegt die Zahl der weiblichen Individuell die der männlichen, während in jüngern Kolonialgebieten, so auch in Nordamerika, die Zahl der Männer größer zu sein pflegt als die der Frauen, da das weibliche Geschlecht als das gebundenere, in schwächerm Maße an den Wanderungen teilzunehmen pflegt. In Deutschland belauft sich (1890) der Überschuß des weiblichen Geschlechts auf nahezu eine Million (W6806) Individuen. Während nicht nur die Zahl der Verheirateten, sondern auch die Zahl der Ledigen bei beiden Geschlechtern im Gleichgewicht stehen, deckt sich der Gesamtüberschuß der Frauen ungefähr mit der Zahl, um welche die Witwen die Witwer überragen (1200000). Faßt man aber selbst die F., wie häufig geschieht, lediglich auf als die Frage der Versorgung der Ledigbleibenden, Mittellosen, so ist auch bei einer derartig engen Auffassung die Ursache der zu bekämpfenden Mißstände nicht in dem Vorhandensein eines zahlenmäßigen Übergewichts des weiblichen Geschlechts gelegen. Denn selbst bei völligem Zahlengleichgewicht der Geschlechter würde es stets eine große Anzahl Frauen geben, die dauernd ledig blieben, sowohl weil ein Teil der Männer auf die Ehe ganz verzichtet, als auch wegen des durchschnittlich höhern Heiratsalters der Männer, besonders in den mittlern und höhern Ständen, überdies bleibt für diejenigen, welche zur Ehe gelangen - und sie bilden die große Mehrzahl - die Versorgung während des kurzen oder längern Zeitraums, der zwischen dem Ende der Kindheit und dein Heiratszeitpunkte liegt, eine Frage, deren Lösung in der Gegenwart oft erhebliche Schwierigkeiten bietet.
Geringer sind diese Schwierigkeiten in den stark besetzten ärmern Bevölkerungsschichten. Hier handelt es sich vielmehr darum, einer dem weiblichen Organismus schädlichen und die Erfüllung der familiären Berufspflichten hindernden Ausdehnung der Erwerbsarbeit entgegenzuwirken, als um die Beschaffung neuer Erwerbsgelegenheiten. Für die gewerbliche Fortbildung der Mädchen dieser Klassen geschieht in Deutschland bisher wenig, da den Fortbildungsschulen (s. d.) für das weibliche Geschlecht und den Frauenarbeitsschulen (s. d.) noch nicht die Aufmerksamkeit zugewendet wird, welche ihrer Bedeutung zukommt. Uni die aus der industriellen Erwerbsarbeit sich ergebende Untüchtigkeit der heranwachsenden Mädchen in allen häuslichen Verrichtungen zu beseitigen und sie fähig zu machen, später als Hausmütter dem eigenen Haushalte vorzustehen, wovon so unendlich viel für die Erhaltung eines gefunden Familienlebens abhängt, hat man angefangen, nicht nur den Volksschulunterricht zu vervollständigen, sondern auch durch besondere Haushaltungs-, Koch-, Näh-, Flick- und Strickschulen oder -Kurse die fehlende häusliche Unterweisung zu ersetzen. (S. Haushaltungsschulen.) Aber nicht nur der Unterweisung in den häuslichen Verrichtungen bedürfen die jüngern Arbeiterinnen, noch nötiger ist ihnen, wenn sie allein stehen, anständige und sichere Unterkunft nebst guter und billiger Verpflegung und geselliger Anschluß, damit ihnen das fehlende Familienleben ersetzt werde und sie nach Möglichkeit auch vor den sittlichen Gefahren bewahrt werden, welche ihnen im städtischen Leben droben. Diesen Zwecken dienen die in neuester Zeit an vielen, namentlich) größern Orten entstandenen, auch von einzelnen größern Arbeitgebern für ihre Arbeiterschaft errichteten und regelmäßig weiblicher Leitung unterstellten Mädchenheime (s. d.). Im Hinblick auf die Erwerbsthätigkeit der Mütter in Fabriken, Werkstätten oder fremden Haushaltungen, die zwar, weil sie die Erfüllung der häuslichen Pflichten hindert, bedauerlich, aber bei unzulänglichem Verdienst des Mannes für die Gewinnung der erforderlichen Existenzmittel oft unvermeidlich ist, bedarf es der Krippen, Kinderbewahrungs- und anderer verwandter Anstalten, um die fehlende mütterliche Fürsorge zu ersetzen. (S. Kinderbewahranstalten.)
Trotz der großen Verbreitung der weiblichen Erwerbsthätigkeit zeigt sich überall eine lebhafte und energische Bewegung, die auf die Erweiterung der Erwerbsgelegenheit für das weibliche Geschlecht gerichtet ist. Sie gilt nicht sowohl dem gesamten Geschlecht, als vielmehr den unversorgten Frauen des gebildeten, aber vermögenslosen Mittelstandes, vornehmlich in den Städten. Die verhältnismäßig große Zahl der in diesen Kreisen ledig bleibenden Mädchen kann nur zum geringen Teil aus einer schwächern Heiratsfrequenz des Mittelstandes erklärt werden. Die Vermögenslosigkeit vielmehr, besonders wenn sie gepaart ist mit höhern Lebensansprüchen, macht die Mädchen dieser socialen Schicht in den Kreisen, auf welche die Standesvorurteile sie für die Heirat fast ausschließlich anweisen, erfahrungsgemäß den Männern für die Ehe minder begehrenswert. Dazu kommt, daß der moderne Haushalt, besonders der städtische, eine nutzbringende Verwendung weiblicher Arbeitskraft nur in beschränktem Maße ermöglicht. Hieraus ergiebt sich für die Unverheirateten eine Existenz ohne hinreichenden Zweck und Inhalt und in dem Maße, wie dies mehr empfunden wird, ohne innere Befriedigung. Dem Ergreifen eines Erwerbsberufs stehen einerseits die socialen Klassenvorurteile entgegen, andererseits die ungenügende Ausgestaltung des Mädchenunterrichts und der Mädchenerziehung, die in der Regel eine besondere Berufsvorbildung ausschließen, kaum einmal für die Erfüllung der häuslichen Pflichten hinreichend vorbilden und selbst in der Allgemeinbildung, die sie geben, ernsten Ansprüchen selten genügen. Ist das Einkommen des Ernährers auf die Dauer nicht im stande, den Familienunterhalt zu tragen, oder stirbt gar der Ernährer, so pflegt sich ein schleichender oder akuter Notstand einzustellen, verschärft noch durch die Notwendigkeit, den Schein einer höhern Lebenshaltung, als die Einkommensverhältnisse gestatten, aufrecht zu erhalten. Was von den Unverheirateten gilt, gilt in analoger Weise für die Witwen dieser Klasse, auf denen häufig außer der Sorge für den eigenen Unterhalt die Fürsorge für unerzogene Kinder lastet. Die sich bietenden Ge-^[folgende Seite]