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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Friedrich Wilhelm III. (König von Preußen)
Auch diese hörten jetzt auf, da die Engländer die
selbständige Haltung der preuß. Generale nicht dul-
den wollten. Um im Osten seine Interessen mit voller
Macht wahren zu tonnen, trat F. W. von dem Kriege
gegen Frankreich zurück und schloß 5. April 1795
den Baseler Frieden.
Der territoriale Nmfang des preuß. Staates
wurde unter F.W. erheblich erweitert. Ausier einem
Gebietszuwachs von gegen 2000 Quadratmeilen
mit 2^ Mill. E. durch die poln. Teilungen wurde
dem Staate auch im Herzen Deutscklands eine wich-
tige Erwerbung gebracht. Auf Grund alter Erb-
verträge zwischen den frank, und den brandenb.
Hohenz ollern trat der letzte Markgraf von Ansbach,
Karl Alexander, im Dez. 1791 die Markgrafschaften
Ansbach und Vayreuth (160 Quadratmeilen mit
385000 E.) gegen eine Jahresrente an Preußen ab.
Trotz dieses äußern Wachstums war der preuft.
Staat aber unverkennbar im Rückgang begriffen.
Die Ordnung und Festigkeit im Innern, das An-
sehen und die Würde nach außen waren erschüttert.
Wohl hatte F. W. im Anfang seiner Regierung die
großen Reformen in der Unterrichts- und in der
Justizverwaltung, die von Friedrich II. begonnen
waren, die erstern mit dem freisinnigen Kultus-
minister Freiherrn von Zedlitz, fortgeführt, aber die
bewährten Ratgeber Friedrichs d. Gr. traten bald
immer mehr in den Hintergrund. Zedlitz schied 1788
aus, an seiner Stelle wurden dem ehemaligen Pfarrer
I. Ch. Wöllner (s. d.) die geistlichen und die Unter-
richtsangelegenheiten übertragen. Die Leitung der
auswärtigen Politik übernahm nach Hertzbergs Rück-
tritt Vischoffwerder, dann der Marquis Lucchesini;
keiner von beiden besaß die Einsicht, um einen Aus-
weg aus der schwierigen polit. Lage zu finden. Das
Religionsedikt vom 9. Juli 1788 verbot den Geist-
lichen jede Abweichung vom kirchlichen Lehrbegriff
bei Strafe der Abfetzung und machte die Anstellung
der Geistlichen und Lehrer von einer Prüfung ihrer
Rechtgläubigkeit abhängig; das Censuredikt vom
19. Dez. 1788 beschränkte die Freiheit der Presse
und suchte namentlich die gegen den König und die
Staatsverwaltung cmporwuchernde Pampbletlittc-
ratur zu unterdrücken. Die Hauptschuld für den
Rückgang des Staates lag aber nicht an den leiten-
den Persönlichkeiten, sondern an dem Staatswcsen
selbst, das sich überlebt hatte, das dringend einer
großen Reform bedürfte, aber in den veralteten mor-
schen Formen erhalten blieb. Trotzdem die Bevöl-
kerung sich fast verdoppelte, wurde das Heer nur um
ein Geringes vermehrt, viele unzuverlässige poln. Re-
kruten füllten die Lücken aus. Der Staatsschatz von
über 50 Mill., den Friedrich II. hinterlassen, wurde
verbraucht und noch viele Millionen Schulden ge-
macht. Die Leichtfertigkeit des Königs in der Be-
wahrung des ^taatsvermö gens steigerte sich bis zur
Verschwendung. Die Domänen und Kirchengüter
wurden verschleudert; die preusi. Steuerverwalwng
in den neuen Provinzen durchzuführen, fühlte man
sich bereits zu schwach. Das schlimmste aber war,
daß die Monarchie aus einem straff zusammen-
gefaßten rein deutschen Staate in ein lockeres halb-
slaw. Mischreich sich verwandelt hatte, daß neben
7 Mill. Deutschen jetzt noch 3-4 Mill. Polen die Be-
völkerung bildeten und durch ihren starken nationalen
und kirchlichen Gegensatz jede kraftvolle und gesunde
Fortentwicklung hemmten. F. W., anstrengender
Arbeit abgeneigt, der Regierungsgeschäfte unkun-
dig, gab sich seinen sinnlichen Neigungen hin, ließ
sich durch das phantastische geheimnisvolle Treiben
der Roscnkreuzer (s. d.), durch die Geistererscheinun-
gen Bisch offweroers bestechen. Das unsittliche Le-
ben des Königs, sein Mangel an Festigkeit, seine
verschwenderische Sorglosigkeit haben auch auf das
Privatleben des Adels, der Beamten und Bürger
böchst verderblich eingewirkt. Von seiner ersten
Gemahlin, Elisabeth von Vraunschweig, hatte sich
F. W. schon als Kronprinz 1769 getrennt. Er ver-
mählte sich dann mit Luise von Hessen-Darmstadt,
die drei ihn überlebende Söhne gebar: Friedrich
Wilhelm III., seinen Nachfolger, Prinz Heinrich
(gest. 1840), Prinz Wilhelm (gest. 1851). Außerdem
ging der König noch zwei Ehen zur linken Hand ein:
mit Fräulein von Vosi, die er zur Gräsin Ingenheim
erhob, sowie mit der Gräfin Dönhoff, die ihm zwei
Kinder gebar, die den Namen Graf und Gräfin
Brandenburg (s.d.) erhielten. Mit Wilhelmine Enke,
der spätern Gräfin Lichtenau, unterhielt F. W. zeit-
lebens ein Verhältnis; aus ihrer Verbindung ent-
sprossen der Graf und die Gräfin von der Mark.
F. W. starb nach sämerer Krankheit 16. Nov. 1797.
Seinen Namen führt jetzt das 1. fchles. Grenadier-
regiment Nr. 10.
Vgl.Hä'usser, Deutsche Geschichte vom Tode Fried-
richs d. Gr. bis zur Gründung des Deutschen Bun-
des, Bd. 1 (4. Aufl., Verl. 1869); von Treitschke,
Deutsche Geschichte im 19. Jahrh., Bd. 1 (4. Aufl.,
Lpz. 1886); von lHybel, Geschichte der Revolutions-
zeit, Bd. 1 (4. Aufl., Franks, a. M. 1882); Philipp-
son, Geschichte des preuß. Staatswesens vom Tode
Friedrichs d. Gr. bis zu den Freiheitskriegen (2 Bde.,
Lpz. 1880); Gräsin Voß, 69 Jahre am preuß. Hofe
(5. Aufl., ebd. 1887); Stadelmann, Preußens Könige
in ihrer Thätigkeit für die Landeskultur, Bd. 3
(ebd. 1885). Eine Apologie des Königs hat Cassel
(Gotha 1886) geschrieben.
Friedrich WilhelmIII.,KönigvonPreußen
(1797-1840), ältester Sohn Friedrich Wilhelms II.
und der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt,
ward 3. Aug. 1770 in Potsdam geboren. Die Sorge
für seine Erziehung teilte in früherer Zeit die Mut-
ter mit seinem Grohoheim Friedrich II., während
der Vater ihn vernachlässigte. Nach dessen Thron-
besteigung wurde Graf Karl Adolf von Brühl, Sohn
des sächs. Ministers, sein erster Gouverneur. Die
Eindrücke seiner Jugend waren nicht geeignet, den
Geist des Knaben zu erheben. Im Aug. 1791 be-
gleitete F. W. seinen Vater zu den diplomat. Verhand-
lungen nach Dresden und Pillnitz und, als Preußen
den Krieg gegen Frankreich erklärt hatte (Juni 1792)
an den Rhein. 1794 kommandierte er ein Detachement
in Polen. Am 24. Dez. 1793 vermählte er sich mit
der Prinzessin Luise (s. d.), der Tochter des Herzogs
Karl von Mccklenburg-Strelitz, die er während des
Feldzugs in Frankfurt a. M. kennen gelernt hatte.
Nachdem F. W. 16. Nov. 1797 seinem Vater in der
Negierung gefolgt war, besuchte er im Frühjahr 1798
die vornehmsten Städte im Staate. Die Reformender
nächsten Jahre sind unmittelbar auf F. W.s persön-
lichen Eifer zurückzuführen. Das verhaßte Religions-
edikt und das Censurreglement sowie die Tabaksregie
wurden ausgehoben, die Ablösung der Erbunter-
thänigkeit der Domänenbauern fortgeführt, der Lauf
der Justiz nicht mehr durch willkürliche Kabinetts-
befehle unterbrochen. Auch entfernte F. W. die Nat-
geder des Vaters, Bifchoffwerder, Wöllner, Hermes,
Hilmer, vor allem die Gräfin Lichtenau, und stellte
an die Spitze der Geschäfte Männer von Einsicht und