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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gambetta

300 Republikanern in die Kammer ein, trennte sich zwar immer mehr von seinen frühern radikalen Freunden, gewann aber ebendadurch an Einstuft unter den gemäßigten Republikanern. In die Budgetkommission gewählt und von dieser 4. April 1876 zu ihrem Präsidenten ernannt, beabsichtigte er eine durchgreifende Reorganisation des Steuerwesens, konnte jedoch nur wenig erreichen. Dem Klerikalismus trat er zwar in Frankreich selbst innerhalb und außerhalb der Kammer entschieden entgegen, strebte aber doch dahin, daß Frankreich auswärts die alte Rolle eines Patrons der kath. Kirche auch ferner behaupte.

In den innern Angelegenheiten bekämpfte G. bei jeder Gelegenheit die Bonapartisten, unterstützte die Regierung in allen auf die Reorganisation des Heers und die Verstärkung der Kriegsmacht bezüglichen Fragen und beherrschte als anerkanntes Haupt der republikanischen Partei die Kammer. Als die gegen die Republik gerichteten Umtriebe der Klerikalen deutlich zu Tage getreten waren, protestierte er gegen den für den 16. Mai 1877 geplanten Staatsstreich. Er bereiste die Provinzen und bewirkte durch seine Agitationsreden die Wiederwahl von 363 republikanischen Deputierten, griff öffentlich auf einem Bankett zu Lille 15. Aug. den Präsidenten der Republik, Marschall Mac-Mahon, mit großer Schärfe an («il faudra se soumettre ou se démettre!») und wurde dafür vom Pariser Zuchtpolizeigericht zu 3 Monaten Gefängnis und 2000 Frs. Geldstrafe verurteilt. Wegen eines zweiten beleidigenden Angriffs gegen das Staatsoberhaupt erfolgte bald darauf nochmals eine Verurteilung; doch wagte die Regierung nicht, diese beiden Urteile an G. vollstrecken zu lassen, und als die Wahlen vom 14. Okt. zu Gunsten der Republikaner ausfielen, unterwarf sich Marschall Mac-Mahon 14. Dez. G. übte nunmehr als Führer der Majorität und Präsident des Budgetausschusses der Kammer einen fast unbeschränkten Einfluß auf die Leitung der Staatsgeschäfte aus und beherrschte thatsächlich die ganze Verwaltung, ohne für die Maßnahmen der Regierung irgendwelche Verantwortung zu tragen. Als auch die Senatswahlen 5. Jan. 1879 ein für die Republikaner günstiges Ergebnis lieferten, wurde G. 31. Jan. mit großer Majorität (314 von 405 Stimmen) zum Präsidenten der Deputiertenkammer gewählt und bewahrte auch in dieser Stellung seine gemäßigte polit. Haltung, schmeichelte jedoch daneben gelegentlich den radikalen Elementen seines Wahlkreises, indem er die Regierung zu antiklerikalen Gesetzen und zu einer allgemeinen Amnestie der Communards zwang.

In allen Verwaltungszweigen brachte G. seine Anhänger in einflußreiche Stellungen, aber bei der Auswahl der betreffenden Männer hatte er keine glückliche Hand; sie erwiesen sich allenthalben, ganz besonders aber im Bereiche der Militärverwaltung, als gänzlich unfähig. G. veranlaßte die Verleihung der republikanischen Feldzeichen an die Armee am Nationalfeste 14. Juli 1880, begleitete im August den Präsidenten Grévy nach Cherbourg zur Flottenschau und hielt dort auf einem Bankett eine feurige chauvinistische Rede, in der er die Revanche in sichere Aussicht stellte. Zu diesem unvorsichtigen Verhalten ließ sich G. wohl durch die Unterschätzung des Präsidenten Grévy sowie durch den in England eingetretenen Ministerwechsel, wo Gladstone wieder ans Ruder gelangt war, fortreißen und glaubte ernstlich an die Möglichkeit, im Bunde mit Großbritannien und Rußland den Frankfurter Frieden vernichten zu können. Da er die Zeit für gekommen hielt, in der auswärtigen Politik Frankreichs neu erstandene Macht zu zeigen, wollte er Griechenlands Ansprüche in der türk. Grenzfrage nachdrücklich unterstützen, was Freycinet indessen ablehnte. Im September nötigte G. zwar Freycinet zum Rücktritt, fand aber auch bei dem neuen Minister des Äußern, Barthélemy Saint-Hilaire, kein Entgegenkommen für seine Wünsche. Hierdurch fiel G.s Plan, durch einen Angriff Griechenlands gegen die Türkei einen Weltkrieg zu entflammen, der die Möglichkeit bieten könne, Elsaß-Lothringen zurückzuerobern, in sich zusammen. Er richtete seine Thätigkeit dann zumeist auf die Einführung der Listenwahl (Antrag Bardoux), die ihm die sichere Aussicht gewährte, gleich Thiers in vielen Departements zugleich gewählt zu werden, und sich als Erkorener des Volks in die oberste Machtstellung zu schwingen, um dann seine Pläne ungehindert durchführen zu können. Am 19. Mai 1881 nahm die Kammer mit geringer Majorität (acht Stimmen) die Listenwahl an, worauf G. triumphierend nach Cahors reiste und unterwegs mit allen Ehren eines Herrschers von den Behörden, weniger von der Bevölkerung, empfangen und gefeiert wurde.

Dieses unbedachte Verhalten erregte indessen das Mißfallen Grévys und aller gemäßigten Parteien und war großenteils die Veranlassung dazu, daß der Senat 9. Juni die Listenwahl ablehnte. Auch die Kammer wies G.s Ansinnen, sich aufzulösen und Neuwahlen stattfinden zu lassen, ab; doch kam die Regierung seinen Wünschen einigermaßen entgegen, indem sie die Neuwahlen dem Schlusse der Session (29. Juli) sehr bald (21. Aug.) folgen ließ. G. trat nun mit Aufbietung aller Kraft in die Wahlagitation ein und berief für jedes Departement zuverlässige, auf sein Programm verpflichtete Wahlkandidaten. Er selbst ließ sich in Belleville aufstellen, doch erlangte er bei der Wahl nur eine ganz geringfügige Majorität, während im Lande sonst 374 seiner unbedingten Anhänger in die Kammer gewählt wurden. Dieser Erfolg nötigte ihn, nun doch endlich selbst an die Spitze der Regierung zu treten und aufzuhören, wie man sagte, «hinter den Coulissen zu singen». Am 14. Nov. 1881 bildete er aus seinen nächsten Freunden ein neues Ministerium, worin er die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernahm. Er ging jetzt ernstlich daran, mit Rußland engere Beziehungen zu suchen und England durch ein festes Bündnis und eine gemeinsame Aktion in Ägypten mit dem Interesse Frankreichs zu verknüpfen. Aber England lehnte die franz. Mitwirkung ab, worauf G. seine Stellung als unhaltbar erkannte. G. ließ es absichtlich dazu kommen, daß die Kammer 26. Jan. 1882 mit großer Majorität die Listenwahl, die er 14. Jan. als dringlich vorgelegt hatte, verwarf, worauf er sofort dimissionierte.

Im Frühjahr 1882 wurde G. von der Kammer zum Vorsitzenden des Militärausschusses ernannt, stellte den Regierungsvorlagen regelmäßig eigene Entwürfe entgegen und zog dadurch die Verhandlungen in die Länge. Kein einziges Reorganisationsgesetz kam zu stande, solange G. lebte. Am 1. Juni griff er den Ministerpräsidenten Freycinet heftig wegen der in Ägypten verfolgten Politik an, doch ließ sich die Kammer nicht mehr durch ihn fortreißen, sondern entschied sich für Freycinet. Als aber dieser gegen Ende Juli von der Kammer die Mittel verlangte, um ein kleines franz. Korps nach dem Sues- ^[folgende Seite]