Schnellsuche:

Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

Diese Seite ist noch nicht korrigiert worden und enthält Fehler.

848
Gerichtlicher Verweis - Gerichtsassessor
verschiedene Grade von Zurechnungsfäbigkeit nicht
mehr. Die G. P. hat dem gegenüber im allgemei-
nen wie im speciellen zu erörtern, in welcker Weise !
anomale psychische und somatische Zustände die
geistigen Funktionen, die bei dem Unterscheidung^- !
vermögen und der Willenosreihcit in Betracht kom-
men, zu beeinträchtigen vermögen, und die Metho- z
den anzugeben, durcb die das Vorhandensein solcher ^
beeinträchtigender Momente zu erkennen ist; und ^
die moderne Gesetzgebung (z. B. in Deutschland)
hat dem entsprechend jene Momente speciell nam-
baft gemacht. Es kommen hier im wesentlichen drei
Gruppen in Betracht: 1) solche, welche die recht-
zeitige Erlangung der strafrechtlichen Reise ver-
hindern oder die geistige Entwicklung verlangsamen,
wozu unter andern die Taubstummheit gehört;
2) solche, welche die Erreichung jener Reife über-
haupt unmöglich machen, wo es nie zur voraus-
gesetzten geistigen Entwicklung kommt: die Idiotie
im weitesten Sinne des Wortes. Die Abstufungen
dieser Form sind zahllos, von den Idioten höhern
Grades, die eben nur handlungsfähig sind, bis zu
jenen geringen Graden angeborenen Schwach-
sinns, die man gemeinhin als Beschränktheit be-
zeichnet. In diese Kategorie gehören die besonders
schwer zu beurteilenden Zustände, die man seit
Prichard als Nor^i in^nit^, moralische Idiotie, be-
zeichnet, charakterisiert durch die Unfähigkeit, sittliche
Begriffe zu bilden, fowie zahlreiche andere auf sog.
degenerativer Anlage erwachsene Anomalien des
Denkens, Fühlens und Handelns. 3) Störungen,
die erst nach erlangter geistiger Vollentwicklung ber-
vortreten, insbesondere die eigentlichen Geistes-
krankheiten, ferner die fog. gewöhnlichen Gehirn-
krankheiten, foweit als sie die geistigen Funktionen
.erweislich schädigen, endlich (Deutsches Strafgefetz-
buch) die sog. Zustände krankhafter Bewußtlosigkeit
l Schlafwandeln, Schlaftrunkenheit, bochgradige
Affekte mit Bewußtseinsstörung, Delirien infolge
von Vergiftungen, fieberhaften Krankheiten u. s. w.).
In den letztern Fällen handelt es sich nicht um Zu-
stände vollständiger Bewußtlosigkeit, wie z. B. bei
Ohnmachten, sondern im wesentlichen nur um Auf-
hebung des klaren Selbstbewußtseins und dem-
gemäß der Fähigkeit, Pbantasiegebilde und Wirklich-
keit zu unterscheiden, überhaupt eine gegebene Si-
tuation richtig zu erkennen und leidenschaftlichen
Antrieben besonnene Erwägungen entgegenzusetzen.
Der Alkoholrausch, sofern derselbe nicht auf Grund
krankhafter individueller Eigentümlichkeiten, z.V.
Intoleranz gegen Alkohol in selbst kleinen Dosen,
hervorgerufen ist, wird seitens des Deutschen Straf-
gefetzbuches nicht als Zustand trankbafter Bewußt-
losigkeit, der die ZurechnnnMäbigleit aufhebt, auf-
gefaßt, offenbar aus rein praktischen Gründen.
- Vielfach bat in der G. P. die Frage Erwägung
gefunden, ob jeder Geisteskranke im Sinne der
Psychiatrie als unfähig, Neckt und Unreckt zu unter-
scheiden und sich frei zu entfckeiden, zu betrachten
sei. Während die mediz. Autoritäten im allge-
meinen diesen Satz bejahen, stößt er seitens der
Juristen vielfach auf Widerspruch. Die erstern stützen
sich im wesentlichen auf die Annahme, daß fämt-
liche geistigen Bethätigungen so innig zusammen-
hängen, daß Störung einer Seite notwendig anch
alle andern in Mitleidensckaft zieben müsse; zudem
ist es im konkreten Falle unmöglicb, abzumessen,
inwieweit eine thatsächlich nachweisbare Geistes-
krankheit auf diese oder jene Entschließung einge-
wirkt hat. Es sind dies die nämlichen Gründe, die
auch zur Verwerfung einer partiellen Zurechnungs-
fähigkeit geführt haben. -Umgekehrt ist eine neuere,
besonders von ital. Forschern (Lombroso u. a.) be-
gründete ianthropologische) Schule bemüht, den
Satz zur Geltung zu bringen, daß jeder oder doch
weitaus die Mehrzahl der Verbrecher geistig und kör-
perlich besonders, d. h. abnorm geartet sind. Ob-
wohl nicht zu verkennen, daß geistige und körperliche
Anomalien bei vielen Verbrechern oder deren Vor-
sahren nachweisbar sind, und daß deren naturwifsen-
fchaftliches Studium weitere wichtige Auffchlüsse
erwarten läßt, so ist es doch zweifellos viel zu weit
gegangen, in jedem Verbrecher ein irgendwie ab-
normes Subjekt zu erkennen und jede verbrecherische
.Handlung aus diefem abnormen Zustand abzuleiten,
da einesteils bei vielen Verbrechern eine organische
Belastung nicht nachweisbar ist, andernteils viele
organisch Belastete nie Verbrechen begeben, trotz un-
günstiger Einflüsse. (S. auchKriminalanthropologie.)
L. Civil rechtliche Psychologie. Die
psychol. Voraussetzungen für die Fähigkeit, rechts-
gültige bürgerliche Rechtsgeschäfte zu vollziehen,
gipfeln ganz besonders in der Freiheit des Ver-
nunftgebrauchs auf Grund hinreichender Lebens-
erfahrnngen, in der Fähigkeit, die Folgen der
eigenen Handlungen zu überlegen und in dem Ver-
mögen, seine Gedanken zu äußern. Die G. P. hat
demgemäß festzustellen, durch welche krankhaften
Zustände diese Funktionen beeinträchtigt werden.
Es kommen hier, rein medizinisch betrachtet, dieselben
in Betracht, wie bei den triminalpsychol. Fragen.
Doch gesellen sich noch einige weitere hinzu, ins-
besondere die Unfähigkeit, sich sprachlich zu äußern
(Aphasie). Ferner ist in dieser Richtung wichtig die
Lehre von den sog. lichten Zwischcnräumen (luciäa
iiitsi vl^Ull),insbesondere während chronischer Geistes-
störungen, wobei ausschließlich psychiatrische Erfah-
rungstbatfachen zu berücksichtigen sind.
Litteratur. Friedrcich, systematisches Hand-
buch der G. P. (Lpz. 1835; 3. Aufl., Regensb. 1852);
von Krafft-Ebing, Die zweifelhaften Geisteszustände
vor dem Civilrichter (Erlangen 1873); ders., Lehr-
buch der gerichtlichen Psychopathologie (3. Aufl.,
Stuttg. 18l)2); von Maschka, Handbuch der gericht-
lichen Medizin (Bd. 1: Die gerichtliche Psycho-
pathologie, Tüb. 1883); Lombroso, Der Verbrecher
(deutsch von Fränkel, Hamb. 1887).
Gerichtlicher Verweis, s. Verweis.
Gerichtliche Tierheilkunde, s. Tierl eillunde.
Gerichtsarzt, s. Gerichtliche Medizin.
Gerichtsafsefsor wird in Preußen (und an-
dern deutschen Staaten) derjenige genannt, welcher
durch Ablegung zweier Prüfungen, deren erster
ein dreijähriges Studium auf einer Universität
und deren zweiter ein mindestens drei- (in Preußen
vier-) jähriger praktischer Vorbereitungsdienst voran-
geben muß, gemäß §. '2 des Deutschen Gerichtsver-
fassungsgesetzes die Fähigkeit zum Richteramt er-
langt hat (vgl. prcuft. Gesetz vom 6. Mai 1869).
Die G. werden nach ihrer Ernennung vom Justiz-
minister einem Amts- oder Landgericht, oder mit
ihrer Zustimmung einer Staatsanwaltschaft zur un-
entgeltlichen Beschäftigung überwiesen, können von
dem Orte dieser Beschäftigung obne ihre Zustim-
mung nicht versetzt wl'i-ivtt, MV aber verpflichtet,
auf Anordnung des Iustizministers gegen Entschä-
digung die Verwaltung einer Amtsrickterstelle, die
Stellung eines Hilfsrichters oder eines Hilfsarbei-