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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Geschlechtsorgane (der Menschen und Tiere)
Bei den Säugetieren sind im männlichen
Geschlecht die G. zwar im ganzen ähnlich beschaffen
und angeordnet wie beim menschlichen Mann, aber
in den Einzelheiten finden sich mannigfache Ver-
schiedenheiten. Was zunächst die Lage der Hoden
betrifft, so befinden sich dieselben nicht immer in
einem Hodensack: bei Monotremen, Waltieren, See-
hunden, Klippdachsen und Elefanten bleiben sie
zeitlebens in der Bauchhöhle, was bei den ersten
ein altertümlicher Zustand, bei den übrigen Gruppen
aber ein wieder sekundär erworbener ist. Bei In-
fektenfre^ern, Fledermäusen und vielen Nagern ver-
lassen die Hoden bloß während der Fortpflanznngs-
zeit die Bauchhöhle und treten durch den Leisten-
kanal in eine vorübergehend entwickelte Falte der
Bauchwand, um danach wieder an die alte Stelle
zurückzustcigen. Bei Kamelen, Ottern, Nashörnern,
Flußpferden, manchen Schleichkatzen liegen sie zwar
immer außerhalb der Bauchhöhle, ohne daß sich
aber zu ihrer Aufnahme ein befonderer Hodensack
bildet. Ein solcher findet sich bei Affen, Halbaffen,
Pferden, Wiederkäuern, den meisten Landraubtieren,
einigen Nagetieren (Hafen, Biber) und den Beutel-
tieren, bei letztern liegt er vor der Rute. Samen-
bläschen haben alle Affen, Fledermänfe, einige
Infektenfresfer, die Nagetiere, Dickhäuter und Si-
renen. Vorsteherdrüsen find immer vorhanden. Die
Nute der Säugetiere ist befonders großen Ver-
schiedenheiten unterworfen: bei den Monotremen,
die noch eine Kloake (s. d.) haben, liegt die Nute in
dieser, ist zwar durchbohrt, nimmt aber den Harn-
leiter nicht auf, sondern bloß den Samen. Bei allen
andern Säugetieren dient der Ausführungskanal
für diefen auch zugleich als Harnröhre. Bei den Affen
uud Fledermäusen hängt, wie beim Menschen, die
Nute in nicht erigiertem Zustande frei herab. Bei
andern Tieren ist sie nach vorn gewendet und be-
findet sich in einer durch eine Falte der Banchhaut
gebildeten Scheide. Bei sehr vielen Sängetieren
findet sich in der Nute ein größerer oder kleinerer
Knochen, der Nutcnknocken (08 i^ni^ie). Die
Monotrcmen haben zwei Eicheln, auch die Eichel
mancher Beuteltiere ist noch gespalten, und bei
einigen andern Tieren (z. B. beim Kater) ist sie
mit nach hinten gerichteten Hornstacheln befetzt.
Die weiblichen G. derSäugetieresindmitAus-
nalnne der Monotremen, bei denen der rechte Eier-
stock rudimentär ist, fymmetrifch entwickelt. Eine
Gebärmutter (Organ der Brutpflege) fehlt den eier-
legenden Monotremen; bei den Beuteltieren er-
weitert sich jeder Eileiter zu einer selbständigen Ge-
bärmutter, deren jede sich in eine lange gewundene
Scheide fortsetzt. Eine Anzahl Nagetiere hat eine
doppelte Gebärmutter (llt6ru8 duplex) und doppel-
tcn Muttermund, andere Nagetiere zwar eine
doppelte Gebärmutter und eine geteilte Sckeide, aber
einfachen Muttermund (zweiteilige Gebärmutter,
nt6ru8 dipartit,i8). Bei Infektenfressern, Wal-,
Huf- und Nagetieren ist bloß der obere Teil der Ge-
bärmutter in zwei Hörner zerfallen (zweihörnige
Gebärmutter, uwi'n8 I)icoi'ni8), bei den Affen ist
sie einfach wie beim menfchlichen Weibe (uwru8
^iniplex). Auch die Faultiere und Ameifenfresfer
daben einen uteili8 8imp1ex, aber dabei einen
doppelten Muttermund. Einen Kitzler haben alle
weiblichen Säugetiere, aber meist unterhalb des
Scheideneingangs, bei manchen Beuteltieren ist er
gespalten. Ein ImWcrichäntchen haben nicht alle,
aber viele Säugetiere.
Bei den Vögeln sind die G. sehr vereinfacht.
Die Hoden bleiben stets in der Bauchhöhle, die
Samenleiter münden in der Kloake meist auf ein-
fachen Papillen, die sich in feltenen Fällen (Stranße,
Entvögel, Trappen, Holkos) zu einem innern Ve-
gattungsorgane, einer undurchbohrten, aber oben
gefurchten Nute gestalten. Die weiblichen G. zeichnen
ficy durch auffallende Afymmetrie aus, indem bloß
die linke Hälfte völlig entwickelt ist.
Die Hoden der Reptilien bleiben gleichfalls
zeitlebens in der Bauchhöhle; aber diefe Tiere be-
sitzen wahre Begattungswerkzeuge, und zwar die-
jenigen mit querer Äfterfpalte (Eidechsen und
Schlangen) je zwei in Gestalt von ein- und aus-
stülpbaren, glatten oder bestachelten Hohlschläuchen,
die im Zustande der Ruhe in Tafchen hinter der
Äfterfpalte verborgen liegen. Bei den Reptilien
mit runder Afteröffnung (Krokodile und Schild-
kröten) entspringt an der Wandung der Kloake eine
einfache, schwellbare Rute, die aber nicht durchbohrt,
sondern auf der Oberfläche mit einer Furche zur Ab-
leitung des Samens versehen ist.
Bei den Amphibien bleiben die auf entwick-
lungsgeschichtlichc Vorgänge zurückführbaren Be-
ziehungen zwischen Geschlechts- und Harnorganen
(s. Urogenitalapparat) viel inniger als bei den drei
höhern Wirbeltierklassen. Auch finden sich Spuren
von Hermaphroditismus (wenn auch vollständiger
nicht vorkommt), indem bei geschlechtsreifen männ-
lichen Kröten neben den Hoden noch deutliche Neste
von Eierstöcken gefunden werden. Begattungs-
organe fehlen den Amphibien, die Begattung ist eine
völlig änßerliche (fchwanzlofe Lurche) oder eine be-
dingt innere (gefchwänzte Lurche), der Zainen wird
von Kloake zu Kloake eingespritzt.
Bei den Fischen kommen Zwitter vor (s. Säge-
barsche), aber nicht als Regel, höchstens als häufige
Ausnahme. Männliche und weiblick^e Gefchlechts-
drüfen tonnen, wenn sie nicht in brünstigem Zu-
stande sind, oft erst mit Hilfe des Mikroskops unter-
schieden werden. Die gestreckten Hoden find, mit
Ausnahme der Rundmäuler, stets paarig, die Eier-
stöcke sind öfters (Rundmäuler,Haie, Barsch, Echmerl
u.s.w.) unpaar. Bei manchen Fischen (Rundmäuler,
Aale, die Lachsartigen) finden sich keine AlMtungs-
organe, die reifen Geschlechtsprodukte fallen einfach
in die Leibeshöhle und gelangen durch eine hinter
dem After gelegene Gefchlcchtsöffnung (poi-u5 ^oni-
wli8, Gcnitalporus) nach außen. Bei den übrigen
Knochenfischen setzen sich die Geschlechtsdrüsen direkt
in Samen- und Eileiter fort, die auch da, wo diefe
Drüsen doppelt vorhanden sind, bald sich mitein-
ander vereinigen und auf einer zwifchen After und
Harnblasenmündung gelegenen Warze, der Uro-
gonitalpapille,nach außen münden. Bei don^chinelz-
sckuppcrn, Lurchsischen, Rochen und Haien sind die
Eileiter selbständige Gebilde, die mit einem Trichter
beginnen; sie sowohl wie die Samenleiter münden
in einer Kloake. Die männlichen Nochen und Haie
baben einen wirklichen Vegattungsapparat in Ge-
stalt langer, gefurckter Anhänge der Bauchflosse, die
bei der Begattung in die Kloake des Weibchens ein-
geführt werden und auf die der Samen abfließt.
Wo sonst innere Befruchtung bei Fischen vorkommt,
ist die Begattung eine bedingt innere.
Die Mantelticre (s. d.) sind Zwitter und ihre
Geschlechtsdrüsen liegen in Gestalt von zu Büscheln
vereinigten Vlindschläuchen (Hoden) und traudigen
Drüsen (Eierstöcke) im hintern Körperabschnitt. Die