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Brockhaus Konversationslexikon

Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896

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Gewerkvereine
298 Vereine mit 745648 Mitgliedern zablten an '
Arbeitslosenunterstützung 386 973 Pfd. Et. Die
Ausgaben für Streikzwecke beliefen sich für 308 Ver-
cine mit 1103681 Mitgliedern auf 467 291 Pfd. St.
und 193 Ilnions mit 585 389 Mitgliedern veraus-
gabten an Krankengeldern 214 613 Pfd. St. Auch
weibliche G. haben sich in England bereits in größe-
rer ZM tzMldet (s. Frauenverciue).
In Deutschland, wo seit dem Mittelalter neben
den Zünften und Innungen zahlreiche Gesellenver-
bindungen (Gesellenschaften, s. Gesell) bestanden,
wurden die eigentlichen G. erst seit dem Herbst 1868
zunächst durch die Berliner Maschinenbauer, Tischler
u. s. w. unter Leitung von Mar Hirsch und Franz
Duncker und Mitwirkung von Schulze-Delitzsch or-
ganisiert, indem man die besten engl. Vorbilder den
deutschen Verhältnissen anpaßte. Von vornherein
wurde die nationale Ausbreitung und, im Gegensatz
zu den gleichzeitigen socialdemokratischen Arbeiter-
schaften, die strenge Selbstverwaltung und die
friedliche Vereinbarung mit den Arbeitgebern zum
Grundsatz erhoben. In kurzer Zeit breiteten sich
die "Deutschen G. (Hirsch-Duncker)", seit Mai 1869
zu einem Verbände vereinigt, über den größten Teil
Deutschlands aus; als Anwalt fungiert Dr. Max
Hirsch (s. d.), Hauptorgan ist der in Berlin er-
scheinende "Gewerkverein" (25. Jahrg. 1893). Der
Mißerfolg des Streiks der Waldenburger Berg-
arbeiter im Winter 1869/70, dessen Anstiftung fälsch-
lich den G. zur Last gelegt wurde, noch mehr der
Deutsch-Franzosische' Krieg von 1870 und 1871
schwächten die G.; in der neuesten Zeit nahmen
sie jedoch wieder bedeutend zu. Selbst nach Ein-
führung der Kranken- und Unfallversicherungsgesetze
sind die G. und ihre freien Kassen nicht, wie vielfach
angenommen wurde, zurückgegangen, sondern fogar
stark gewachsen. 1891 gab es an 783 Orten 1382
Ortsvereinemit63571 Mitgliedern (1881531 Orts-
vereine an 270 Orten mit rund 20000 Mitgliedern).
Der durch dieZwangsversicherung geschaffenen neuen
Lage Rechnung tragend, haben die G. die Begrün-
dung vonZuschuhkrankenkassen für solche Mitglieder
unternommen, die genötigt sind, einer Zwangskasse
bcizutreten, ferner die Errichtung von Medizinal-
kassen und Verbänden, welche die Vorteile billiger
ärztlicher Behandlung und Arzneibeistellung ohne
Ausübung eines Zwangs gewähren. Die Gewcrk-
vereinskasscn beruhten von Anfang an auf der
Berechnung der Beiträge und Leistungen durch
Sackverständige und zeigen infolgedessen ein fort-
schreitendes Gedeihen. Eine 1869 errichtete frei-
willige "Verbandsinvalidenkasse", zu welcher alle
Vereine mit Ausnahme der Maschinenbau- und
Metallarbeiter, welche ihre eigene Kasse besitzen, sich
zusammengeschlossen hatten, bat sich 1^89 wieder
aufgelöst. In dem 25jährigen Bestände des Verban-
des der G. haben dieselben insgesamt 16250000 M.
vereinnahmt und 14250000 M. verausgabt, dar-
unter für Krankenunterstützung und Bcgräbnisgeld
allein 8400000 M., für Invalidenunterstütznng
1200000 M., für Rechtsschutz, iu Fällen der Ar-
beitslosigkeit u. s. w. 2200000 M. Der größte
Hirsch-Dunckersche Gewerkverein, derjenige der deut-
schen Maschinenbau-und Metallarbeiter, zählte 1894
25000 Mitglieder und hatte ein Gesamtvermögen
von '/2 Mill. M. Von 1878 bis 1893 wurden in
diesem Verein an Unterstützungen 248 965 M. ge-
zahlt. In neuerer Zeit beginnt eine extremere polit.
Auffassung an dem festen Verbände derG. zu rütteln,
indem einzelne eine Solidarität mit den Arbeitern
außerhalb des Verbandes verlangen. Schon 1891
fiel der Gewerkverein der Porzellanmaler mit 4000
Mitgliedern ab.
Die socialdemokratischen G., zuerst auf 5er
22. Aug. 1868 in Hamburg tagenden Generalver-
sammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeiter-
vereins auf Grund Lassalleanischer Ideen, später
auf dem Eisenacher Kongresse und dem Kongreß der
Internationale zu Basel nach Marxistischen An-
schauungen ins Leben gerufen, konnten es vorerst
zu keiner gedeihlichen Entwicklung bringen und
zählten bei ihrer Auslösung durch das Socialisten-
gesetz 1878 in 29 Verbänden und 1300 Zweig-
vereinen 58 000 Mitglieder mit 15 gewerkschaft-
lichen Blättern. Eine allmähliche Neuorganisation
wurde eingeleitet durch die Bildung von angeblich
durchaus unpolit. Fachvereinen, welche sich
immer weiter ausdehnten, miteinander in Verbin-
dung traten und schließlich völlig einheitliche Cen-
tralvereine mit über ganz Deutschland verbreiteten
Zahlstellen begründeten. Anfänglich nur Ziele von
ökonomischer und allgemein socialer Bedeutung ver-
folgend, haben sie sich dann immer mehr auch polit.
Forderungen zugewandt, und thatsächlich stehen jetzt
diese G. auf ausgesprochen socialdemokratischem
Boden. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben besteht da-
her in der Organisation der Streiks und der Schaf-
fung der unumgänglich notwendigen Voraussetzun-
gen für solchen Lohnkampf. Von besonderer Be-
deutung ist das über ganz Deutschland verbreitete
System der "Vertrauensmänner", welche eine selb-
ständig neben den G. stehende Vertretung der sämt-
lichen Arbeiter des Berufs bilden. Seit Nov. 1890
ist durch die in Hamburg befindliche "Generalkom-
mission der Gewerkschaften Deutschlands" ein Cen-
tralausschuß gebildet worden. Der Verband zählte
1891 in über 60 Fachverbänden und 4000 Zweig-
vereinen 275000 Mitglieder; außerdem noch 712
Verwaltungsstellen mit 73000 Mitgliedern an sol-
chen Orten, wo das "Vertrauensmännersystem" die
Stelle polizeilickcrseits nicht geduldeter G. vertritt
(so in Sachsen, Bayern und andern Bundesstaaten)
und endlich mindestens 100000 Mitglieder der zahl-
reichen lokalen Fachvereine, so daß die Gesamtzahl
der gewerkschaftlich vereinigten Handwerker und
Fabrikarbeiter 450000 betrug. Die Zahl der ge-
werkschaftlichen Blätter beträgt 62, die Auflage
220000. Der erste deutsche Gewerkschafts-
kongreß tagte vom 14. bis 18. März 1892 in
Halbcrstadt; 209 Delegierte vertraten 308 000 or-
ganisierte Arbeiter. Auf diesem Kongreß wurde be-
schlossen, die direkte polit. Agitation der Partei zu
überlassen und innerhalb des Verbandes hauptsäch-
lich auf die Verhältnisse zwischen Ardeitgeber und
Arbeitern einzuwirken; ferner follten "Industrie-
verbände" ("Kartelle") gegründet und ganz be-
fonders darauf hingestrebt werden, daß diejenigen
Voreine dem nämlichen Verbände angehören, deren
Mitglieder in denselben Fabriken und Werkstätten
Beschäftigung finden; das Vertrauensmännersystem
sollte zu einer Vertretung der Gesamtheit der Berufs-
genossen an den betreffenden Orten erweitert werden,
und die Aufgaben der Generalkommission wurden
genau festgesetzt. Zur Bestreitung der Kosten für
Verwaltung u. s. w. wird von jeder Gewerkschaft pro
Mitglied und Quartal ein Veitrag von 5 Pf. erhoben.
Außer diesen G. giebt es noch Verbände, die eine
gewisse Sonderstellung einnehmen und fern von